Zorneding Leidenschaft in Vollendung

Vier Musiker, zwei mal vier Tangostücke und ein Vier-Achteltakt: Das Zornedinger Publikum erlebt mit dem Jourist Quartett einen großen Abend.

(Foto: Christian Endt)

Das Jourist Quartett lässt das Leben in seiner ganzen Vielfalt als Tango erklingen

Von Ulrich Pfaffenberger, Zorneding

Die Zahl vier ist mit unserem Leben verknüpft wie keine andere. Aus vier Basen setzt sich das Genom zusammen, Informationsträger alles irdischen Lebens. Vier Elemente gelten seit der Antike als Bausteine unserer Welt. Vier Himmelsrichtungen weist der Kompass auf, in vier Lebensalter teilt sich unser Dasein, mit vier Grundrechenarten bekommen wir die Welt der Zahlen in den Griff. Schließlich sind da noch, wenigstens in gemäßigten Breiten, die vier Jahreszeiten in Natur und Wetter, gleichzeitig Sinnbild für den Kreislauf des Lebens.

Wenn nun am Vorabend des Frühlings im Zornedinger Martinstadl das Jourist Quartett ein Konzert unter dem Titel "8 Tango Seasons" gibt, dann mag das der eine oder andere als eine feine Anspielung auf den 4/8-Takt verstehen, der diese Stilrichtung prägt. Es mögen manche auch Vivaldis populären Konzert-Zyklus vor dem inneren Ohr haben, transformiert als Thema in Variation. Allein, die Suche nach klirrendem Frost und brütender Hitze, nach zwitschernden Vögeln und raschelnden Blättern verläuft im Nichts. Denn die jeweils vier Stücke des Argentiniers Astor Piazolla und des Ukrainers Efim Jourist haben außer dem Namen ganz anderes im Sinn: Sie spiegeln das Leben in seinen unterschiedlichen Ausprägungen der "Vier", sie übersetzen Gedanken und Gefühle über die universale Sprache der Musik in Töne, Harmonien und Rhythmen. Weil beide Komponisten sich des Tangos bedienen, geschieht das in höchst bewegender Weise, weil zugleich ein Quartett sich des Themas annimmt, vollendet sich deren Idee auch in der Form.

Eine Form, die ihresgleichen wohl lange suchen darf. Edouard Tachalow, Violine, Jakob Neubauer, Bajan und Bandoneon, Christian Schulz, Gitarre, sowie Johannes Huth, Kontrabass, spielen nicht nur die Kompositionen dessen, der das "Jourist Quartett" einst ins Leben gerufen hat, sowie seines Inspirators Piazolla. Sondern sie sind so verbunden mit ihren Instrumenten und so eins in ihrem Ausdruck, dass man jene verstehen könnte, die an Reinkarnation glauben. Mal tanzt der Körper, mal tanzt die Seele bei diesem Konzert, doch stets sind beide präsent, nichts, was sie trennte, alles, was sie verbindet. Ein feinsinniger, kunstvoller Dialog über das Leben in seiner ganzen Vielfalt entspinnt sich da - zwischen den beiden Komponisten, zwischen den vier Instrumentalisten und zwischen Musik und Publikum. Keiner im gut gefüllten Saal, den dies unberührt lässt. Schon zur Pause die ersten Bravos und Jauchzer, in denen sich die angestauten Gefühle Bahn brechen.

Es ist eine hohe Kunst, die Liebe und die Leidenschaft, in der sich ein Musiker für ein Thema schier verzehrt, mit einem gleich hohen Niveau an Können und Spielfertigkeit zu vereinen. Das "Jourist Quartett" beherrscht diese Kunst in Vollendung. Sei es Jakob Neubauer, der sich mit Verve durch die opulenten Klangmöglichkeiten seiner tonangebenden Instrumente zaubert. Sei es Christian Schulz, der die wenigen Male, da seine Gitarre aus dem begleitenden in den melodieführenden Modus ausbrechen darf, mit inspiriertem Saitenspiel glänzt. Sei es Johannes Huth, der unaufdringlich, aber beseelt die Fülle des Basses zur Vollkommenheit des Klangs verwandelt. Oder sei es Edouard Tachalow, der mit Feuereifer und Fingerspitzen seiner Geige eine Stimme entlockt, bei der sich Gott und Satan um die Urheberschaft streiten dürfen.

Womit diese Vier Ohren und Sinne ihrer Zuhörer erfüllen und sie zu einem Beifallssturm hinreißen, geht weit über das hinaus, was aus der nüchternen Konzertankündigung zu erwarten war. Es setzt damit auch Maßstäbe für alle, die da später kommen und es ihnen gleichtun wollen. Vielleicht findet sich bis dahin auch eine Beleuchtung für den Martinstadl, die farbenfrohe Musik nicht in fahles Behörden-Licht taucht.