Wohnungsnot "Es wird an den falschen Stellen gebaut"

Ernst Böhm, SPD-Politiker und Bauunternehmer, fordert Mut zur Verdichtung: Im Landkreis müssen schnell viele Immobilien für Menschen mit geringem Einkommen entstehen. Aber nicht auf der grünen Wiese

Interview Von Anja Blum

Schon lange wirbt Ernst Böhm, SPD-Kreisrat und Grafinger Stadtrat, für den Bau von deutlich mehr bezahlbarem Wohnraum - mit teils außergewöhnlichen Ideen. Schließlich ist er als Bauunternehmer Experte auf diesem Gebiet. Sein Unternehmen, die B&O-Gruppe mit Hauptsitz in Bad Aibling, ist ein Dienstleister für Instandhaltung, Sanierung und Neubau. Sie betreut Wohnungsbestände von kommunalen Unternehmen, Genossenschaften sowie börsennotierten Gesellschaften - und steht laut eigener Aussage für bezahlbaren Wohnraum. Die hohe Zahl der Flüchtlinge ist Böhm nun ein Anlass, seine Bemühungen noch zu verstärken.

SZ: Herr Böhm, Sie machen immer wieder mit Ihren Visionen von sich reden ...

Ernst Böhm: Wir brauchen keine Visionen, sondern Häuser! Das ist ein ganz klares, konkretes Ziel.

Aber es wird doch gerade im Ebersberger Landkreis immer wieder gebaut?

Ja, aber viel zu wenig. Das Problem ist, dass der Trend zur Urbanisierung lange unterschätzt wurde, weswegen nun sehr viel bezahlbarer Wohnraum fehlt. Das gilt auch für den Landkreis, der zur Metropolregion München gehört. Und nun kommt die Flüchtlingskrise noch obendrauf. Wir brauchen also nicht nur Einfamilienhäuser, sondern kleinere, bezahlbare Einheiten, Reihenhäuser und vor allem Wohnungen. Für Menschen mit geringerem Einkommen, für junge Leute, Rentner und Flüchtlinge. Außerdem wird meist an den falschen Stellen gebaut: Auf der grünen Wiese nämlich, wo die Folgekosten für Infrastruktur und so weiter enorm hoch sind.

Was schlagen Sie stattdessen vor?

Mut zur Verdichtung: In die Höhe bauen und mit kleineren, intelligenten Grundrissen arbeiten. Aber vor allem die Brachflächen, die es in allen Gemeinden des Landkreises gibt, könnten endlich genutzt werden.

Sonst?

Werden der Druck auf den Wohnungsmarkt und damit die Preise noch weiter steigen. Außerdem werden wir sonst die Flüchtlingskrise nicht bewältigen können.

Sie haben dafür eine Lösung?

Naja, zumindest was die Unterbringung angeht: Wenn jede Ebersberger Gemeinde ein Eckerl Parkplatz dafür hergäbe, und die großen sogar zwei, dann wäre schon sehr viel gewonnen.

Das müssen Sie genauer erklären.

Wir müssen endlich vom Krisenmodus in Turnhallen und Containern weg, hin zu städtebaulichen, nachhaltigen Lösungen. Sprich: schnell Häuser mit mehreren Wohnungen bauen, in denen man Asylbewerber unterbringen kann. Gut wäre zum Beispiel eine massive Holzbauweise, denn das geht rasch, der Innenausbau könnte zunächst ja recht minimalistisch sein. Sollten die Wohnungen dann irgendwann nicht mehr für Flüchtlinge gebraucht werden, könnten dort andere Menschen mit geringerem Einkommen einziehen. Wichtig wäre dabei aber, dass diese Häuser nicht alle am selben Ort stehen, denn das würde nur zu einer Ghettoisierung führen. Ghettos aber gilt es unbedingt zu verhindern, denn diese stehen einer zügigen Integration im Weg. Außerdem ist es sehr, sehr schwer, Ghettos wieder aufzulösen, das sieht man in vielen deutschen Städten.

Und was hat das mit Parkplätzen zu tun?

Parkplätze sind oftmals Brachflächen, die sich hervorragend für eine teilweise Bebauung eignen würden: Sie sind erschlossen, in der Regel bereits versiegelt und liegen in einem Bereich, wo bereits gebaut wurde. Sei es neben einem Supermarkt, einer Schule oder am Sportplatz. Dort könnte man im Landkreis locker insgesamt 25 Häuser mit je zwölf Wohnungen bauen. Finden darin je fünf Leute Platz, so hätten wir 1 500 Asylsuchende dezentral untergebracht. Die Kosten hierfür beliefen sich auf etwa 75 Millionen Euro, Geldgeber stehen bereit. Die Bauzeit läge bei etwa acht Monaten. Beginnen wir im März, so sind alle Wohnungen vor dem nächsten Winter zu beziehen.

In diesem Haus können die Bewohner unten parken und oben wohnen. So könne man auch in größerem Stil Parkplätze von Supermärkten überbauen.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Sind Parkplätze denn nicht für Autos da?

Ja, aber man könnte dort aufgeständert bauen: Das heißt, dass das Haus kein Erdgeschoss im üblichen Sinne hat, sondern man sozusagen unter dem Haus ebenerdig parken kann. So würden für ein Haus nur zwei, drei Stellplätze wegfallen. Außerdem sind viele Parkplätze ohnehin nie oder nur sehr selten hoch frequentiert. Gerade jene an den Sportplätzen oder der am Grafinger Waldfriedhof zum Beispiel. Der ist nur an Allerheiligen voll.

Grafing plant gerade eine Unterkunft für Asylbewerber neben dem künftigen Bauhof am Schammacher Feld, auf einem städtischen Grundstück südlich der Gärtnerei Köstler ...

Ja, aber ich halte das nur dann für eine gute Idee, wenn dort nicht 200 Flüchtlinge auf einem Fleck wohnen. Viel besser wäre es, diese Menschen auf mehreren Flächen in der Stadt zu verteilen.

Wäre das denn möglich?

Durchaus. Es gibt mehrere Grundstücke, die dafür in Frage kommen, und auch mehrere interessierte Investoren, teils sogar mit eigenen Flächen.

Sie haben diese Meinung ja sicher auch im Stadtrat geäußert - warum hört man dort nicht auf Sie?

Vermutlich in erster Linie deswegen, weil mehrere Standorte für die Stadtverwaltung mehr planerischen Aufwand bedeuten würden. Es fehlt im Rathaus, vor allem im überlasteten Bauamt, einfach an Personal. Aber zumindest über die teilweise Bebauung des Parkplatzes am Friedhof wird diskutiert - zwar ziemlich lange schon, aber immerhin.

Welche Brachflächen im Landkreis fallen Ihnen außerdem noch ein?

Das ehemalige Bahnschwellenwerk in Kirchseeon zum Beispiel. Das sind 20 Hektar, mitten im Ort. Allerdings verseucht, deswegen traut sich da keiner ran. Ich schlage vor, auf der einen Hälfte ein bis drei Meter Erdreich abzutragen und das kontaminierte Material auf der anderen Seite aufzuschütten und mit Planen abzudichten. Den Hügel kann man dann noch begrünen, so wie man das bei Mülldeponien eben auch macht. Dann hätte man zumindest zehn Hektar Bauland - anstatt gar keins. Aber dieser Vorschlag findet kein Gehör, weil alle eine Hundert-Prozent-Lösung wollen. Das bedeutet aber, dass dort vermutlich noch viele weitere Jahre rein gar nichts passieren wird.

Entlang der Bahnlinie gäbe es Ihrer Ansicht nach ja auch viel Potenzial für Wohnungsbau. Aber steht dem nicht der Lärmschutz entgegen?

Der ist kein Problem, sondern ein vorgeschobenes Argument, denn dafür gibt es viele bauliche Lösungen. Das gleiche gilt für Hochwassergebiete: Die kann man ebenfalls ohne Probleme bebauen, wenn man das Erdgeschoss für Parkplätze nutzt und die Wohnbebauung erst im ersten Stock anfangen lässt. Die Frage ist also immer nur, wo man die Prioritäten setzt.

Unten parken, oben wohnen. Das zeigt SPD-Politiker Ernst Böhm in Mietraching mit einem Holz-Hybrid-Musterhaus in aufgeständerter Bauweise.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Setzen die Ebersberger Kommunen denn die falschen?

Ja, in vielen Fällen schon. In vielen Köpfen herrscht die Meinung: "Wer Wohnungen sät, wird Menschen ernten" - in negativem Sinne. Die Gemeinden wollen einfach nicht "überfremden", nicht zu viel "Zuagroaste" in ihren Reihen haben, weil sonst die angestammte Bevölkerung an Einfluss verlieren könnte. Aber man kann die Realität ja nicht einfach ausblenden - deswegen wären Toleranz und Tempo viel besser als Besitzstandswahrung und eine Nicht-bei-uns-Mentalität. Wir müssen uns mehr am Gemeinwohl orientieren. Außerdem: Wer Wohnungen sät, wird Talente und Steuern ernten.

Aber sind sich nicht alle politischen Kräfte einig, dass es an vielen Orten mehr barrierearmen und bezahlbaren Wohnraum braucht?

Ja, offiziell schon. Aber bei der Umsetzung hakt es eben. Viele Kommunen reagieren nur auf Bauanträge, anstatt eine aktive Stadtentwicklung zu betreiben, gezielt und zügig Bauland auszuweisen und hemmende Paragrafen auch mal etwas freier auszulegen. Für die Wiese hinter dem Seniorenheim in Grafing etwa kann man entweder einen Bebauungsplan erstellen, was drei Jahre dauert, oder sie einfach als "innerstädtischen Raum" auffassen. Dann wäre sie sofort bebaubar. Außerdem müssten die Kommunen sich gerade jetzt in der Flüchtlingskrise zusammentun: Zum Beispiel zwanzig Häuser der gleichen Bauart kaufen, die dann an verschiedenen Orten errichtet werden könnten. So würde man erheblich Planungszeit und Kosten sparen, mindestens zwanzig Prozent.

Außerdem fürchtet man in vielen Rathäusern vermutlich die Folgekosten, die Neubauten nach sich ziehen, für Kindergärten und Schulen zum Beispiel.

Ja, deswegen plädiere ich für einen staatlichen Infrastrukturzuschuss für Metropolregionen. So etwas könnte die Wachstumsskepsis reduzieren. Was wir brauchen, ist eine Willkommenskultur für den Neubau von Mietwohnungen!

Oft können die Kommunen Projekte des sozialen Wohnungsbaus nicht selbst stemmen, sind also auf Investoren angewiesen. Liegt darin eine Gefahr?

Nein. Das Instrument des städtebaulichen Vertrags bietet für beide Seiten einen großen Verhandlungsspielraum. Als Bauträger kommen zum Beispiel Versicherungen, Sparkassen, Genossenschaften, Gewerkschaften oder der Freistaat in Frage. Sie alle haben keinerlei Finanzierungsprobleme.

Ist die Gemeinde Poing mit ihrem überdurchschnittlichen Wachstum in ihren Augen denn ein Musterschüler?

Nein, eigentlich nicht, denn diese großen Neubaugebiete sind schon wieder zu viel des Guten. Ich plädiere vielmehr für ein organisches Wachstum von maximal 1,5 Prozent, das wären im Landkreis etwa 1000 Wohneinheiten im Jahr. Allerdings sollten diese flächendeckend entstehen. Besser wäre also: Alle Kommunen wachsen ein bisschen, anstatt eine so viel.

Sie sitzen für die SPD ja auch im Kreistag. Wie sieht es auf dieser Ebene mit dem Engagement für mehr günstigen Wohnraum aus?

Der Landkreis arbeitet durchaus intensiv daran, zudem ist der Landrat dem Thema gegenüber sehr aufgeschlossen. Doch um wirklich etwas zu bewegen, braucht er die Bürgermeister an seiner Seite.

Sie sind selbst Bauunternehmer - wird Ihnen oft unterstellt, eigentlich nur den eigenen Gewinn im Sinn zuhaben?

Manchmal, ja. Aber ich verfolge im Landkreis eine Mission, kein wirtschaftliches Interesse. Ich habe noch nie hier gebaut und auch nicht vor, das zu ändern. Die einzige Ausnahme könnte ein Musterhaus sein, dessen Pläne ich interessierten Bürgermeistern dann auch gerne zur Verfügung stellen würde. Kostenlos, versteht sich.