Weitere Termine am Wochenende Fabelhafte Roboter

Da staunt der Erfinder: Dank der Liebe zu einem jungen Mann wird seine Roboterfrau immer mehr zum Mensch.

(Foto: Christian Flamm/oh)

Sehr gelungen: Das Theater Wasserburg bereitet das Ballett "Coppelia" für Kinder auf

Von Theresa Parstorfer, Wasserburg

Begeistert von der Morgengymnastik sind die Roboter nicht. Störrisch wendet vor allem die zweite Beamer-Biene von links ihr rundes Scheinwerferauge in eine völlig andere Richtung als ihre drei Kolleginnen. Sichtlich ungeduldig wird Professor Coppelius da, greift zum wiederholten Mal in seine Gummibärchenbox, rückt sich die knallgrüne Mütze zurecht und betätigt eifrig ein paar Knöpfe auf seinen elektronischen Steuerbrettern. Nach einigem guten Zureden ordnet sich schließlich auch der unmotivierte Beamer in den eleganten Walzer ein, den Coppelius für seine Schützlinge choreografiert hat.

Pfiffig ist die Idee, vier Beamer auf unterschiedlich hohen Stelen zu drapieren und mit grünen Fühlern auszustatten. So erinnern die Maschinen an riesenhafte Insekten - Bienen oder Käfer. Ihre ferngesteuerten Bewegungen lassen sie in feiner Abstimmung mit Schauspieler Nik Mayr, der den Professor herrlich schrullig spielt, beinahe menschlich erscheinen. Das ist auch das Thema des ersten Tanztheaterstücks eigens für Kinder am Theater Wasserburg: Wie menschlich können Roboter sein? Welche Verantwortung tragen ihre Erfinder? Und vielleicht die wichtigste Frage: Was tun, wenn sich die Maschinen selbständig machen? Wenn sie beginnen sich nicht nur zu verhalten wie Menschen, sondern auch zu fühlen wie diese? Wenn sie Bewusstsein entwickeln?

Kein leichter Stoff, dessen sich Regisseurin und Choreografin Regina Semmler da angenommen hat, zumal nicht, da sie ihn für Kinder ab vier Jahren aufbereitet haben möchte. Die Relevanz der Themenkomplexe künstliche Intelligenz und Maschinen-Ethik zeigen dabei nicht nur aktuelle Hollywoodproduktionen wie "Ex Machina", sondern auch klassische Werke wie E.T.A. Hoffmanns Erzählung "Der Sandmann". Um die Adaption einer Adaption handelt es sich gewissermaßen bei "Ein Puppentanz nach Coppelia" am Theater Wasserburg: Als Originalgrundlage gilt sicherlich die Geschichte, die Hoffmann 1816 veröffentlichte, doch bereits 1870 inspirierte sein Werk Léo Delibes zu einem Ballett mit dem Titel "Coppelia".

Während das Schicksal des jungen Nathanaels, der sich in den Laboratorien des unheimlichen Professors Coppelius in die künstliche Frau Olimpia verliebt, auf keinen Fall mit einer Gute-Nacht-Geschichte verwechselt werden sollte, hat Semmler es geschafft, die Fabel so farbenfroh und leicht zu erzählen, dass sich nicht nur die Eltern, sondern vor allem die zahlreichen Kinder in der ausverkauften ersten Matineevorstellung herzlich amüsieren. Olimpia heißt in Semmlers Produktion Coppelia, die Menschenpuppe wird gleich nach der eröffnenden Tanzeinlage der Beamer-Bienen von ihrem Erschaffer Coppelius per Getränkewägelchen auf die Bühne gekarrt.

Ihre Darstellerin, Ceren Oran, beweist einiges an tänzerischer Körperbeherrschung, denn konsequent hält sie im ersten Teil der Performance den roboterartigen Habitus durch, zerlegt menschliche Bewegungsabläufe in ihre Grundelemente und meistert trotzdem den Parcours, den ihr Erfinder sie immer und immer wieder durchlaufen lässt: Blumengießen, Reifenwerfen, Pizzakarton begutachten, Kisten aufräumen und dann alles wieder von vorne. Schon hier wird allerdings eine bedenkliche Spannung ersichtlich, denn Coppelia widersetzt sich den Wünschen ihres Meisters immer wieder - und im Fortschreiten des Stückes wird klar, dass es sich dabei keineswegs um Programmierfehler handelt. Hektisch sucht Coppelius nach Steuerungselementen und Tastenkombinationen, um Coppelia davon abzuhalten, sich die Bohrmaschine zu schnappen und, verschmitzt lächelnd, damit auf die Bienen-Roboter loszugehen.

Diese kurzen bedrohlichen Momente lösen sich allerdings auf, als sich ein junger Mann, gespielt und getanzt von Roni Sagi, ins Labor schleicht. Mit seiner roten Hose stellt er ganz eindeutig ein störendes Element in all dem Grün dar. Das ist ihm allerdings egal, vielmehr hat er nur Augen für die schöne Coppelia - und als sie ihrerseits auf ihn aufmerksam wird, entfaltet sich eine vorsichtige Annäherung, in der einmal er sich verwundert ihr pulsloses, blutleeres Handgelenk ans Ohr hält und dann wieder sie in Hampelmann-Sprüngen über ihn hinweg hüpft. Der Tüftler bemerkt den Eindringling zwar, gibt aber auf, ihn verscheuchen zu wollen, da nun auf wundersame Weise die Bewegungen seiner Erfindung zusammenhängender, flüssiger, eleganter - menschlicher werden.

Weder Professor Coppelius noch der junge Mann sind am Ende Coppelias strahlender Präsenz gewachsen, sie können nicht verhindern, dass sie in großen Sprüngen und mit einem ebenso großen Lächeln durch den Seiteneingang in ihre Freiheit tanzt, sondern ihr nur folgen. Allein zurück bleiben die vier Roboter-Bienen. Als Trost bekommen sie von Regisseurin Semmler unter tosendem Applaus und Fußgetrappel den Schauspielern gleich eine Premierenrose zwischen die Fühler gesteckt.

Weitere Aufführungen von "Ein Puppentanz nach Coppelia" finden am Samstag und Sonntag, 17. und 18. März, sowie am 14. und 15 April statt, samstags jeweils um 15 Uhr, sonntags um 11 Uhr.