Vaterstetten Lieber laut als teuer

Fehlende Standsicherheit - so lautet das Ergebnis einer Begutachtung der Wand an der Bundesstraße. Eine Sanierung wäre deshalb nötig.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Weder Anwohner noch die Gemeinde Vaterstetten möchten das Grundstück an der B 304 mit der maroden Lärmschutzwand kaufen. Deshalb wird sie nun abgerissen

Von Wieland Bögel, Vaterstetten

Dass man einem geschenkten Gaul nicht ins Maul schauen soll, ist bekannt. Bei einem fast geschenkten Grundstück hingegen schaut so mancher lieber zwei Mal hin. So geschehen in Vaterstetten, wo ein etwa 600 Quadratmeter großes Areal in bester und verkehrsgünstiger Lage - direkt an der B 304 - angeboten wurde; und zwar zum nicht nur in der Großgemeinde lächerlich niedrigen Preis von gerade einmal 2,50 Euro pro Quadratmeter. Dass es sich nun trotzdem als unverkäuflich herausgestellt hat, liegt weniger an Grundstück oder Lage als an der bisherigen Bebauung: Denn dort steht eine marode Lärmschutzwand.

Die knapp 85 Meter lange Wand wurde vor 20 Jahren entlang der B 304 aufgestellt, um für die Anwohner des Ostrings den Verkehrslärm der Bundesstraße etwas zu mildern. Doch die Straße ist nicht laut genug, damit der Bund selbst eine Lärmschutzwand bezahlen muss; dies übernahmen darum die Anwohner, die Gemeinde und der Betreiber der nahen Tankstelle. Jede Partei zahlte damals etwa 20 000 Mark. Die Gemeinde schloss außerdem mit dem Staatlichen Bauamt Rosenheim einen Pachtvertrag für das bundeseigene Grundstück ab. Für den eher symbolischen Betrag von zuletzt 100 Euro pro Jahr darf es seitdem genutzt werden.

Doch vor dreieinhalb Jahren gab es eine Begutachtung der Wand mit dem Ergebnis, dass diese wegen fehlender Standsicherheit schleunigst saniert oder ersetzt werden muss. Passiert ist seitdem nichts. Denn auch ein aktuelles schallschutztechnisches Gutachten kommt zu dem Schluss, die B 304 sei nicht laut genug für eine verpflichtende Lärmschutzwand. Das bedeutet, wie vor 20 Jahren müssten Gemeinde und Anlieger dafür bezahlen. Da eine Sanierung laut Experten inzwischen kaum noch möglich ist, käme nur ein Neubau in Frage. Ein nicht ganz billiges Unterfangen. Laut einer Schätzung aus dem Jahr 2013 würde die neue Wand je nach Ausführung in Holz oder Aluminium zwischen 68 000 und 71 000 Euro kosten. Außerdem fallen für die Entsorgung der alten Lärmschutzwand noch einmal etwa 8500 Euro an.

Zu viel für Vaterstetten: Der zuständige Ausschuss hatte bereits im vorvergangenen Jahr beschlossen, dass eine neue Wand auf keinen Fall ausschließlich aus der Gemeindekasse bezahlt werden solle. Andere Zuzahler waren aber auch nicht in Sicht, da die Anlieger ebenfalls erklärten, kein Geld in die Lärmschutzwand investieren zu wollen. Problematisch für die Gemeinde: Als Pächter des Grundstücks ist sie für die Verkehrssicherheitspflicht der Wand verantwortlich - und für alle Schäden die durch ihren immer wahrscheinlicheren Einsturz entstehen könnten.

Darum war man im vergangenen Sommer auf die Idee gekommen, die Wand samt darunterliegendem Grundstück gewissermaßen zu verramschen. Die Gemeinde, so der Plan, hätte den Streifen neben der Straße vom Bund erwerben und anschließend an die Anwohner stückweise weiterverkaufen sollen. Der Verkäufer, in Form des Straßenbauamtes, hatte dazu auch bereits seine Zustimmung erteilt und erklärt: Weder jetzt noch in Zukunft werde man die 600 Quadratmeter an der B 304 benötigen.

Auf Seiten der potenziellen Endkunden hingegen wurden den Plänen der Gemeinde nun eine Abfuhr erteilt. Wie Manfred Weber vom Bauamt im zuständigen Ausschuss erklärte, habe man leider "keine Einigung erzielen können". Sprich: Die Anlieger wollten das Grundstück samt Wand nicht einmal - fast - geschenkt haben. Daher werde die Lärmschutzwand nun ersatzlos abgerissen.