Serie "Unter Druck": Gewerbegebiete Viel Schotter mit Beton

Im Gewerbegebiet Grub bei Poing wird derzeit auf 8,6 Hektar das Logistikzentrum eines Modeunternehmens gebaut.

(Foto: Christian Endt)

Gewerbegebiete sollen Steuereinnahmen in die Kassen der Gemeinden bringen und so die wachsende Infrastruktur finanzieren. Das bringt enorme Folgen für die Natur und die Orte mit sich.

Von Lea Weinberg, Ebersberg

Immer mehr Menschen ziehen in den Landkreis. Für die Verantwortlichen in den Gemeinden bedeutet das viel Arbeit. Die Kinderbetreuung muss ständig an den aktuellen Bedarf angepasst und die Straßen müssen ausgebaut werden, auch Veranstaltungsräume oder schöne Ortskerne wünschen sich die Bürger. Das alles kostet viel Geld; Geld, das zum großen Teil durch die Gewerbesteuer hereinkommen muss. Selbst am Rand von kleinen Bauerndörfern entstehen Möbelhäuser und Logistikunternehmen. Die Kehrseite der Medaille: der Flächenfraß im Landkreis. Pessimisten zeichnen eine Zukunftsvision voller Beton, Zufahrtsstraßen und Discounter.

"Durch die äußerst rege Bautätigkeit im Landkreis haben wir einen immensen Flächenverbrauch", sagt etwa Johann Taschner, Sachgebietsleiter der Naturschutzbehörde im Ebersberger Landratsamt. Vor allem der Zuzug in den Gemeinden und der daraus resultierende Ausbau der Infrastruktur führt zu einer hohen Versiegelung. Der Flächenverbrauch habe immer mehr Lebensraumverlust und Nutzungskonflikte in der Natur zur Folge, so Taschner: "Das scheint wohl der Preis zu sein, den wir zahlen müssen für den hohen Lebensstandard in einem stark prosperierenden Landkreis."

Und der Flächenverbrauch wird in den nächsten Jahren wohl nicht weniger. Prognosen zufolge soll der Landkreis Ebersberg bis 2032 150 000 Einwohner zählen, 17 000 mehr als jetzt. Wenn es nach Taschner geht, sollten die Gemeinden mehr als bisher ihre Gewerbegebiete gemeinsam entwickeln und möglichst flächensparend zusammenlegen. Auch die von vielen Gemeinden schon praktizierte Innenverdichtung wäre eine Möglichkeit, dem Flächenverbrauch entgegenzuwirken. Dies bedeutet, dass beispielsweise auf großen Grundstücken im Ortsinneren ein Haus mehr gebaut oder das bestehende ausgebaut wird. Durch die Innenverdichtung würden Flächen im Außenbereich verschont. "Aus Sicht des Naturschutzes ist trotzdem diejenige Bauleitung die beste, die erst gar nicht eingeleitet wird", erklärt Taschner. Auch wenn das ein Wunschbild bleiben werde, wie er glaubt: "Wir haben schon auch die Verpflichtung, den nachfolgenden Generationen noch Planungs- und Handlungsspielräume und ein Stück weit intakte Natur zu vererben."

Paul Hofmann von der Ebersberger Kommunalaufsicht betont die Vorteile von Gewerbegebieten: Sie schafften ortsnahe Arbeitsplätze und brächten durch die Ansiedelung von Betrieben den Gemeinden Gewerbesteuereinnahmen. "Das liegt nur im Interesse der Gemeinden", findet Hofmann. Trotzdem würde die Gewerbesteuer immer wieder auf dem Prüfstand stehen. Vor einigen Jahren gab es unter der schwarz-gelben Bundesregierung sogar Bestrebungen, sie komplett abzuschaffen. Doch ohne eine andere Einnahmequelle für die Kommunen sei das schlicht nicht möglich, erklärt Hofmann.

Das zeigt auch das Beispiel Zorneding. "Wir sind noch immer schuldenfrei, das kann ich mit Stolz sagen", sagt Daniel Kommnick, Geschäftsleiter der Gemeinde. Wie jede andere Gemeinde sei man auf die Gewerbesteuer angewiesen. Kommnick rechnet damit, dass die Einnahmen aus Steuern der örtlichen Betriebe heuer 1,78 Millionen Euro betragen.

Er schätzt, dass das Niveau voraussichtlich auch die nächsten Jahre konstant bleiben wird. Dass sich Zorneding bei der Ausweisung von Gewerbegebieten auf eine Zusammenarbeit mit anderen Kommunen einlässt, sei, wie etwa beim Breitbandausbau, grundsätzlich vorstellbar, so Kommnick. Hierzu müsse man sich aber im Vorhinein über einen Kriterienkatalog einig werden. Ein Ausbau des Gewerbegebietes in Zorneding ist momentan kein Thema. Dazu fehle schlichtweg der Platz, sagt Bauamtsleiterin Diana Saiger.

Zumal die Flächen südlich der Baldhamer Straße erschöpft seien. "Es kommt eben immer auch darauf an, ob die örtlichen Gegebenheiten in den Ortschaften vorhanden sind", sagt Saiger, schließlich dürfen Neubebauung und Straßenerschließungen nicht gegen naturschutzrechtliche Bestimmungen verstoßen. Zorneding ist zwar verkehrsmäßig gut erschlossen, aber umgeben von Wasserschutz- und Waldgebieten.

Das Gewerbegebiet West 2 ist in den vergangenen beiden Jahren um 32 000 Quadratmeter gewachsen, das Gewerbegebiet West 1 habe knapp 100 000 Quadratmeter an Geltungsbereich gemessen, sagt Saiger. Wenn es das Gewerbegebiet nicht gäbe, so die Bauamtsleiterin, gäbe es keine Discounter oder Vollsortimenter und die heimischen Gewerbebetriebe hätten sich nicht erweitern können.

Auch für Poing stellt das örtliche Gewerbegebiet an der Gruber Straße und südlich der Bahn mit insgesamt zirka 70 Hektar Fläche, das in den Siebziger- und Achtzigerjahren entwickelt worden ist, eine tragende Einnahmequelle dar, erklärt Thomas Stark, Referent des Bürgermeisters. Dieses Jahr erwartet die Gemeinde 10,8 Millionen Euro Einnahmen durch die Gewerbesteuer, die Zahl würde jedoch zunehmen. 2018 sollen es schon 14,1 Millionen Euro sein. Einnahmen, die die Gemeinde vor allem für den Bau beispielsweise von Schulen und Kindertagesstätten benötigt, so Stark: "Es geht nicht nur um die Baukosten, auch der Betrieb bedeutet laufende Kosten für uns."

In Poing wird derzeit auch ein neues Gewerbegebiet im Ortsteil Grub verwirklicht. Dort wird das Logistikzentrum eines Modeunternehmens gebaut, 8,6 Hektar werden dafür benötigt; 4,7 Hektar Ausgleichsfläche, die der Investor bereitstellen und pflegen muss, steht dieser Zahl gegenüber. Heuer soll die Firma noch in Betrieb gehen. Entscheidend für den Bau sei vor allem die gute Verkehrsanbindung für zukünftige Mitarbeiter der Firma gewesen.

"Jeder Arbeitsplatz ist wichtig", sagt Stark. Poing strebe an, dass rechnerisch auf ein Drittel der Einwohner ein Arbeitsplatz entfällt. Konkret heißt das rund 5000 sozialversicherungspflichtige Beschäftigte bei einer Bevölkerungszahl von derzeit 15 000. Momentan sei Poing mit 5500 Beschäftigten Spitzenreiter im Landkreis, so Stark, die 300 bis 400 Beschäftigten im neuen Gewerbegebiet Grub sind hier noch nicht eingerechnet.

Um den Flächenverbrauch der Anzahl an Arbeitsplätzen anzupassen, würde die Gemeinde die Ansiedlung reiner Speditionsbetriebe ablehnen, so Stark. Dort würden auf sehr viel Platz nur wenige Menschen arbeiten, außerdem wäre der Betrieb mit erheblichen zusätzlichen Verkehrsbelastungen des Straßennetzes verbunden.

Im Gewerbegebiet Grub könnten noch weitere Flächen ausgewiesen werden, erklärt Thomas Stark. Ansätze und Ideen für eine Zusammenarbeit mit der Gemeinde Vaterstetten für einen interkommunalen Gewerbepark zwischen Parsdorf und Grub gebe es schon, sagt Stark und verweist auf einen Grundsatzbeschluss aus dem Jahr 2007. Doch die Rahmenbedingungen für ein hochwertiges Gewerbe mit zukunftsorientierten Arbeitsplätzen müssen erst passen, erklärt er, auch Ersatzflächen für die Landesanstalt für Landwirtschaft müssten noch gefunden werden. "Also ein Projekt für die Zukunft", fasst er zusammen.

Dass Heimatminister Markus Söder (CSU) erst kürzlich vorgeschlagen hat, das Anbindungsgebot an Siedlungsgebiete für Gewerbegebiete aufzuheben, hält Stark für problematisch. "Dann würde ja jede Gemeinde Fleckerlteppiche aufweisen", sagt er. "Es ist zwar nicht Aufgabe der Gemeinde, das zu kritisieren, aber die Fachleute der Landesplanung haben sich schon was dabei gedacht."

Auch Johann Taschner hält Söders Vorschlag für wenig durchdacht. "Wie kann man gerade als Finanz -und Heimatminister solche Parolen rauslassen?", fragt er. Wenn Gewerbegebiete "wie vom Himmel einfach so auf die grüne Wiese fallen", dann würden wieder zusätzliche Verkehrsanbindungen nötig werden. "Das finde ich gar nicht gut", betont Taschner. "Wir können nicht ständig und immer wieder mit neuen Ideen unsere Natur opfern und dabei den Ast absägen, auf dem wir sitzen."

Denn die natürliche Umgebung soll nicht nur Erholungsgebiet für Menschen sein, sie ist Lebensraum für die im Landkreis lebenden Tier- und Pflanzenarten. "Und die sind generell auf dem Rückzug", sagt Taschner. Straßenbau, Gewerbe- und Siedlungsgebietserschließungen fordern ihre Opfer, die Landschaftsräume werden zerschnitten, "der Austausch von Arten findet sein Ende an der Teerstraße", erklärt Taschner. Die Folge: Die Artenvielfalt nimmt ab, manche Tierarten verschwinden gar ganz aus dem Landkreis. Feld-und wiesenbrütende Vogelarten etwa werden immer mehr verdrängt, dramatisch sei auch der seit Jahren festzustellende, landkreisweite Einbruch der Zahl der Amphibien, so Taschner.

Auch die Flora im Landkreis verliere an Vielfalt: Die sibirische Schwertlilie sei vor 20 Jahren noch an mehr als 30 Standorten zu finden gewesen, heute könne man die Zahl der Einzelvorkommen an einer Hand abzählen. "Und auch der bekannte Frauenschuh, eine Orchideenart, ist heute ebenfalls zur absoluten Rarität geworden", erklärt Johann Taschner.

Im Landkreis gibt es rund 1300 Ausgleichsflächen, die für die Natureingriffe nachgewiesen werden mussten. "Diese Flächen dienen dem Naturschutz und weisen ein hohes Potenzial auf, wenn sie denn auch dauerhaft intakt wären", so Taschner. Seine Behörde schaffe es mit großem Einsatz gerade so, die landkreiseigenen Flächen in einem einigermaßen guten Zustand zu halten. "Wir sind froh um jede einzelne Ausgleichsfläche, um die sich der Eingriffsverursacher nachhaltig kümmert, weil er sich seiner Verantwortung bewusst ist und sich ihr stellt", sagt Taschner.

Denn wer Investor eines Gewerbegebietes ist, muss sich eigentlich auch um die Ausgleichsfläche und deren dauerhafte Unterhaltung selbst kümmern. Was allerdings nicht immer geschehe, so der Sachgebietsleiter: Erfahrungsgemäß läge etwa die Hälfte der Ausgleichsflächen brach. Für den Landkreis bedeutet das: noch mehr verlorener Lebensraum für die Flora und Fauna.