SZ-Serie: "Meisterhaft", Folge 4 Karat hauchzart

Die Vergolder Otto Dandl und Regina Heilmann-Thon arbeiten mit neun Tausendstel Millimeter dünnem Material. Sie veredeln Rahmen, Obst, sogar Spielekonsolen und den berühmten Wohnwagen des Künstlers Wolfgang Flatz. Die Technik hat sich seit Jahrtausenden kaum verändert.

Von Renate Winkler-Schlang, Lehel

Otto Dandl streicht sich mit dem Fehhaarpinsel über den Bart. Das ist keine nachdenkliche, selbstvergessene Geste. Er lädt den Pinsel aus den feinen Enden eines Eichhörnchenschweifs damit statisch ein wenig auf. Das hauchdünn ausgetriebene Goldblättchen bleibt so haften, er kann es aus dem Goldblättchen-Vorrats-Büchlein auf seine selbst gebaute "Chaise" legen - ein kleines mit einem altrosa Samtband verziertes vorne und oben offenes Behältnis, an dem unten eine Halterung für einen Finger angebracht ist. Ein bisschen verknittert liegt das nur ein neun Tausendstel Millimeter dicke Goldblatt darin. Doch ein knapper, gezielter Atemstoß bewirkt, dass es sich regelrecht anschmiegt. So glatt, dass Dandl es leicht zerteilen kann.

Anfänger sähen dies oft mit großer Ehrfurcht, trauten sich dann kaum zu atmen bei der Arbeit, um ja das dünne Edelmetall nicht aus Versehen wegzublasen, erzählt der Vergolder, der sich in der Innung auch für die Arbeit mit dem Nachwuchs engagiert. Ihm passiert es natürlich nicht mehr, dass das Gold unkontrolliert durch den Raum schwebt. Gemeinsam mit seiner Kollegin Regina Heilmann-Thon betreibt er schon seit 1990 eine eigene Werkstatt, zuerst an der Auenstraße, seit 2009 in einem verwunschen und doch mitten in der Stadt gelegenen Hinterhof an der Thierschstraße. Anfangs war Klaus Thon, Regina Thons Ehemann, noch mit im Bunde, doch er hat sich, als seine Augen nachließen, eine andere kreative Aufgabe gesucht im Bereich Musik und Computer.

Dandl und Heilmann-Thon erzählen über die Berufswahl eine ähnliche Geschichte: Theorie und Schreibtischarbeit, das sei nicht ihre Sache gewesen, etwas mit den Händen tun wollten sie, eine künstlerische Komponente sollte dazugehören. So vielseitig sei ihr Beruf, denn sie stellen die Rahmen, die sie veredeln, selbst her, modellieren die Verzierungen, gehen dabei mit den verschiedensten Werkstoffen um. Dandl zieht in der vorbildlich durchstrukturierten und aufgeräumten Werkstatt eine Schublade unter der Küchenspüle hervor: Granulat für Leim aus gekochten Knochen oder Häuten befindet sich darin, Kolophonium, Leinöl. Ein anderer Schrank enthält feine Kreiden wie Chinaklee, Bologneser Kreide oder Champagnerkreide. Das alles sind Ingredienzien für die Emulsion, aus der eine knetbare Masse wird, die sich wundervoll in die in Jahrzehnten gesammelten Modeln drücken lässt. Das lernt man hier nämlich schnell: Keineswegs jedes Element an einem reich verschnörkelten Bilderrahmen ist aus Holz. "Unsere Profession ist das Tarnen und Täuschen", sagt Regina Heilmann-Thon und lacht. Das sei seit Jahrtausenden so gewesen. Es fasziniere sie, dass sich die Techniken ihres Berufs im Grunde seit den alten Ägyptern nicht wesentlich verändert haben.

Sie zeigt ihr aktuelles Stück, einen Rahmen, auf den sie Weißgold aufträgt. Zu ungeduldig dürfe sie dabei nicht sein, denn damit das Material besser hafte, werde der Untergrund mit einem Pinselchen angefeuchtet. Polieren aber könne sie erst, wenn das Werkstück wieder absolut trocken sei. Auf einem Muster zeigt sie die Schattierungen, die möglich sind. Je nach Legierung und Intensität der Politur mit einem runden Achatstein entsteht ein warmer Ton oder ein eher kühler Eindruck. Sie neige dazu, den Rahmen harmonisch zu einem Bild zu wählen: "Otto traut sich da oftmals ein bisschen mehr. Und nicht selten bin ich sehr überzeugt vom Ergebnis seines Mutes." Streit wegen Geschmacksfragen komme bei ihnen nicht vor, man diskutiere halt und notfalls probiere man es aus. Auch im Kontakt mit den Kunden klappt die Arbeitsteilung: Schnell merken die beiden, wer den besseren Draht zu einem Auftraggeber hat, sei es jemand, der einen kleinen Rahmen für 150 Euro brauche oder ein großes goldenes Fassadenelement: Blattgold mit 23.75 Karat ist witterungsbeständig und für außen geeignet, versichern sie. Der Friedensengel sei das beste Beispiel dafür.

Vergolden lassen sich keineswegs nur Rahmen. Da gehe die Nachfrage sogar eher zurück, die Werkstätten würden kleiner und rarer. Wer Gemälde sammle, die üppig gerahmt gehören, sei heutzutage bereits ausgestattet und zu durch und durch designten Wohnungen passe selten ein so dominanter, prunkvoller Raumschmuck. Allenfalls Spiegelrahmen dürfen nach gängiger Wohn-Mode derzeit richtig protzen. Doch vergolden lässt sich quasi alles. Dandl ist dabei, es zu beweisen: Drei schöne rotbackige Äpfel hat er auf Nägel gespießt. Bald werden sie golden sein wie der von Paris in der griechischen Sage.

Das Gold konserviert: Regina Heilmann-Thon hat vor einigen Jahren von einem Kollegen eine so überzogene Frucht zum Geburtstag bekommen, sie ist zusammengeschnurrt, aber nicht verfault oder verschimmelt. Richtig schön, der alte Apfel. Dekorativ glänzt der neu vergoldete. Doch die beiden Kollegen haben auch schon die Wände einer Küche vergoldet, mit Glas im Spritzbereich geschützt. Ansonsten sei das Material, das so spannend altere, billiger als normale Wandfarbe. 300 Blatt Feingold seien eine Verpackungseinheit, jedes acht auf acht Zentimeter, das ergebe zusammen nicht mehr als fünf Gramm Gold, weiß Heilmann-Thon. Dennoch lohne es sich, den Werkstatt-Staub zu filtern oder zu sieben. Auch eine Spielekonsole haben sie schon vergoldet, den Ladentresen einer Nobelboutique. Und den berühmten güldenen Wohnwagen des Künstlers Wolfgang Flatz.

Die Ausbildung zum Vergolder ist an der Städtischen Berufsschule für Farbe und Gestaltung möglich. Informationen unter www.fachschule-muenchen.de