SZ-Adventskalender Raus aus dem Hass

Der 80-jährige Lucijan Horvat bewohnt ein winziges Zimmer. Das Verhältnis zu seinem Vermieter ist zerrüttet: Die Küche darf er nicht betreten, seine Habseligkeiten stapelt er auf Stühlen. Eine neue Unterkunft findet er nicht

Von Johanna Feckl, Ebersberg

Wer im Alter nur wenig zum Leben hat und eine neue Bleibe braucht, kann sich einen Umzug bei den ständig steigenden Mietpreisen nicht mehr leisten.

(Foto: Catherina Hess)

Lucijan Horvat sitzt in einem Café. Vor ihm steht eine Tasse mit heißem Wasser, in die er einen Teebeutel tunkt. Er trinkt Pfefferminztee. "Guten Appetit", sagt er an das ältere Ehepaar gerichtet, das mit Cappuccino und Gebäck am Tisch daneben Platz nimmt. Horvat, der eigentlich anders heißt, lächelt und greift mit seiner zittrigen rechten Hand zur Teetasse. Als junger Mann flüchtete der heute 80-Jährige aus dem ehemaligen Jugoslawien nach Deutschland, aus dem ein Elternteil von ihm stammt. Das hätte politische Gründe gehabt, erklärt Horvat: "Ich bin nun einmal kein Kommunist." Seit 1967 besitzt er auch einen deutschen Pass. Heute, mehr als 55 Jahre später, fühlt es sich für Horvat an, als müsse er erneut flüchten: aus dem Zimmer, das er zur Untermiete bewohnt und das seit einigen Jahren sein Zuhause ist. "Ich werde dort gehasst, ich möchte gerne weg aus diesem Hass."

Als Horvat in den 1960er-Jahren nach Deutschland kam, sah sein Leben noch ganz anders aus. "Ich war jung, hatte einen Beruf und keine Angst." Es zog ihn nach Süddeutschland. Dort lebten Bekannte von ihm. Sofort fand er Arbeit und war fortan als Monteur in verschiedenen Fabriken tätig. Oft war er mit seinen Kollegen auf Montage. "Ich war so ziemlich überall", erinnert sich Horvat. Er lacht. Seine blauen Augen blitzen klar und wach hinter einer großen Brille hervor, wenn er von diesen längst vergangenen Zeiten erzählt.

30 Jahre später brach er erneut alle Zelte ab: Ein Rechtsstreit um das Haus, in dem er aufgewachsen war, führte ihn zu Beginn der 1990er-Jahre wieder zurück in seinen Geburtsort. Zwei Jahrzehnte lang kämpfte er um das Haus, das von Rechts wegen, so sagt es der 80-Jährige, in seinen Besitz hätte übergehen müssen. Einem regelmäßigen Beruf ging er damals nicht nach, dazu sei der Prozess zu zeitintensiv gewesen. Erst 2013 gab er auf. "Das war alles umsonst, mein ganzes Geld habe ich in diese Sache investiert." Horvat war erschöpft und enttäuscht. Er wollte weg, und so kehrte er vor vier Jahren wieder nach Deutschland zurück; diesmal in den Landkreis Ebersberg.

Es war damals schwierig, überhaupt eine Wohnmöglichkeit zu finden. Per Zufall lernte Horvat den Mann kennen, der ihm aktuell das Zimmer vermietet. Es ist sehr klein, aber das ist für den 80-Jährigen gar nicht das Problem. Seine Habseligkeiten muss er auf Stühlen in seinem Zimmer horten, während Regale und Schränke mit Gegenständen seines Vermieters voll sind. Die Küche darf er nicht mitbenutzen, er darf sie nicht einmal betreten. In seinem Zimmer hat er deshalb eine Camping-Herdplatte, sein Geschirr wäscht er im Waschbecken im Badezimmer. Der Vermieter beleidigt und schikaniert den 80-Jährigen. "Der hasst mich, der ist unberechenbar", glaubt Horvat. Er glaubt, es liegt daran, dass er in einem anderen Land geboren wurde.

Während Horvat das erzählt, verändert sich seine Mimik: Die Furcht und Hoffnungslosigkeit steht ihm ins Gesicht geschrieben. "Wenn ich wenigstens meine Sachen in die Schränke räumen könnte." Eigentlich würde aber auch das nicht reichen. Die feindliche Atmosphäre würde trotzdem bleiben. Aber eine neue Unterkunft zu finden gestaltet sich schwierig. Die Wohnungsknappheit, die teuren Mieten im Landkreis und die Tatsache, dass der 80-Jährige keinen Internetanschluss hat, um so nach einer neuen Unterkunft zu suchen - das alles erschwert die Suche erheblich. Obwohl Horvat nicht einmal hohe Ansprüche stellt. "Ein Zimmer mit Bad und vielleicht einer Möglichkeit zum Kochen - das würde mir vollkommen ausreichen."

Zu seiner schwierigen Wohnsituation kommen noch die finanziellen Probleme hinzu. Wenn die Miete abgezogen ist, bleiben Horvat noch 460 Euro im Monat. Davon muss er viele Medikamente selbst bezahlen. Der 80-Jährige ist Diabetiker, die Nerven seiner Zehen sind von der Krankheit stark gezeichnet. "Ich muss aufpassen mit meinen Zehen, denn ansonsten droht mir die Amputation", sagt er. Deshalb ist ihm eine ausgiebige Pflege sehr wichtig. Er trägt spezielle Schuhe und benutzt verschiedene teure Öle und Medikamente, damit es nicht noch schlimmer wird, die aber nicht von der Krankenkasse bezahlt werden.

Jeden Tag geht er spazieren, obwohl er sich mit dem Laufen schwer tut. Über seine Verhältnisse lebt Horvat trotzdem nicht. "Das, was ich bekomme, muss eben reichen", sagt er, "Ich lasse es nicht so weit kommen, dass ich am Monatsende kein Geld mehr habe. Deshalb kann ich mir eben nicht mehr alles leisten." Und so spart Horvat und achtet penibel auf jede seiner Ausgaben. Wenn er etwas mehr zur Verfügung hätte, weiß er ganz genau, für was er es ausgeben würde: "Ich fände es sehr schön, wenn ich mehr Geld für meine Gesundheit hätte, sodass ich mir mehr Obst kaufen könnte und auch immer all das, was ich für meine Füße bräuchte." Trotz seiner prekären finanziellen und wohnungsbedingten Lage lässt sich Horvat nicht entmutigen. "Ich gucke nicht nach unten, immer nur nach oben!"