Streit in Hermannsdorf Partnerschaft aufgekündigt

Die Kooperation zwischen den Hermannsdorfer Landwerkstätten und dem Jugendwohnprojekt Oikos ist gescheitert. Nun will Geschäftsführer Schweisfurth die Unterkünfte zwangsräumen lassen.

Von Nadia Pantel

Das Öko-Vorzeigeprojekt Herrmannsdorfer Landwerkstätten hat einem Wohnprojekt für junge Menschen in Krisensituationen den Mietvertrag gekündigt. Die Betroffenen wehren sich seit eineinhalb Jahren gegen diese Entscheidung und sehen ihre Existenz nun durch eine Räumungsklage bedroht.

"Wir wollen bleiben", sagt Martin Schuster aus dem Vorstand der Oikos-Jugendakademie, die seit Herbst 2008 Mieter eines 300 Quadratmeter großen Wohnhauses auf dem Gelände der Landwerkstätten ist. Die Mitarbeiter hätten viel Arbeit in die Renovierung gesteckt und über 100 000 Euro an Spendengeldern in den Aufbau des langfristig angelegten Projektes investiert. "Wie sollen wir den Spendern gegenüber rechtfertigen, dass wir das Projekt nach nur viereinhalb Jahren wieder aufgeben müssen?", fragt Schuster.

Von Aufgeben spreche niemand, nur von Umzug, sagt Karl Schweisfurth, Geschäftsführer der Herrmannsdorfer Landwerkstätten, der als Kündigungsgrund Eigenbedarf angegeben hat. "Seit wir 2008 die Vereinbarungen mit Oikos getroffen haben, ist unser Unternehmen expandiert." Für Metzgerei und Bäckerei würden Arbeitskräfte benötigt, die nicht mehr allein im Landkreis rekrutieren werden könnten. "Ihnen müssen wir Wohnraum bieten", sagt Schweisfurth. Das Oikos-Projekt könne an anderen Orten genauso gut funktionieren. Das führt zum Kern des Problems mit der Frage, welche der beiden Parteien den zusätzlich zum Mietvertrag vereinbarten Kooperationsvertrag nicht erfüllt hat.

Schweisfurth und Schuster lernten sich 2008 kennen. Schuster und seine Kollegen suchten Wohnraum für ihr Projekt und Schweisfurth gefielen ihre Ideen. Oikos will jungen Menschen zwischen 18 und 24 Jahren die Möglichkeit zur beruflichen Orientierung bieten. Zehn Menschen können bis zu zwei Jahre im Oikos-Haus wohnen und Praktika oder Fortbildungen absolvieren. Das Angebot steht den unterschiedlichsten Menschen offen. "Menschen an der Grenze zur geistigen Behinderung" sind Schuster zufolge genauso darunter wie Menschen mit Essstörungen oder Studienabbrecher, die einen neuen Fokus suchen.

Das scheint zu passen. Schließlich sind auch die Herrmannsdorfer Landwerkstätten ein Ort, der für Neuorientierung steht, zum Beispiel für die pionierhafte Abkehr von der Massentierhaltung. "Wir haben das nicht genau festgeschrieben, aber ich habe schon erwartet, dass mindestens drei der Jugendlichen bei uns Praktika machen und auf dem Hof mitarbeiten. Doch das hat einfach nicht geklappt", sagt Schweisfurth. Den Kooperationsvertrag, der besagt, dass die Jugendlichen Praktika auf dem Hof absolvieren dürfen, hat Schweisfurth daher auch gekündigt.

Schuster hingegen sagt, Oikos sei aus der Hofarbeit verdrängt worden: "Die Mitglieder der Wohngruppe haben zum Beispiel 2010 und 2011 den Biergarten betrieben, der wurde uns dann wieder abgenommen." Er habe immer wieder Hilfe für die Hofarbeit angeboten, aber es sei nicht richtig kommuniziert worden, wo Bedarf bestehe. Dass nicht mehr von den Jugendlichen Praktika bei den Herrmannsdorfern absolviert haben, findet auch er schade. Aber er erklärt auch, dass "wir die Jugendlichen eben ihren Interessen nach fördern". Wer sich für soziale Berufe interessiere, könne nicht verpflichtet werden, in der Bäckerei mit einzusteigen. Dem würde dann ein Praktikum im Altenheim vermittelt.

Bereits im Oktober 2011 hat Schweisfurth die Kündigung ausgesprochen. Nun droht dem Projekt die Zwangsräumung. Gesprächsbereitschaft habe es nie gegeben, sagt Schuster, nur eine knappe, schriftliche Kündigung. Schweisfurth hingegen sagt, er sei bereit gewesen, eine fünfstellige Ablöse zu zahlen und das Mietverhältnis um sechs Monate zu verlängern. Er spricht von Kompromiss, erklärt jedoch gleichzeitig, dass an der grundsätzlichen Kündigung nicht zu rütteln sei: "Es passt einfach nicht." Schuster sieht auch das anders. Für die Oikos-Teilnehmer hätten sich im Umkreis bei den Kindertagesstätten, im Altenheim und beim Meta-Theater gute Ausbildungsmöglichkeiten ergeben. "Wir haben ein Netzwerk aufgebaut, das nach einem Umzug wegbrechen würde."

Auch der Glonner Bürgermeister Martin Esterl (SPD) möchte das Projekt gerne halten: "Ich schätze dessen Arbeit sehr und finde es sehr schade, dass sie Herrmannsdorf verlassen müssen." Da Esterl nicht mehr an eine gütliche Einigung glaubt, ist er nun dabei, das Projekt bei der Suche nach Alternativen zu unterstützen.

Ob das wirklich nötig ist, wird sich nach dem 24. Januar 2013 klären. Dann entscheidet das Amtsgericht Ebersberg darüber, ob die Kündigung und die Zwangsräumung rechtmäßig sind.