Steinhöringer Brummen Hoffnung auf weitere Messungen

An einer Hauswand in Berg bei Steinhöring soll der Brummton Risse hervorgerufen haben.

(Foto: Christian Endt, Fotografie & Lic)

Ein Bauingenieur zweifelt die Ergebnisse eines Gutachtens des Landesamts für Umwelt an. Betroffene hoffen auf weitere Messungen, um den Verursacher des Steinhöringer Brummtons zu finden.

Von Carolin Fries, Steinhöring

Die von Landrat Robert Niedergesäß (CSU) vor etwa zwei Wochen verordnete Denkpause bei der Suche nach den Ursachen des Steinhöringer Brummens scheint beendet - zumindest für die Geschädigten. Sie schöpfen neue Hoffnung aus der Stellungnahme eines privat beauftragten Bauingenieurs, der alle bislang vorliegenden Gutachten neu bewertet hat - und dem Landesamt für Umwelt (LfU) entschieden widerspricht. Demnach handelt es sich um "real vorhandene und messbare" Geräuschbelästigungen, insbesondere Infraschallimmissionen. Entgegen der Einschätzung des LfU könne man die Pipelines und Tanklager der OMV und TAL als Verursacher dabei nicht ausschließen.

In dem Bericht des Ingenieurs, der in der Zeitung nicht namentlich genannt werden will, heißt es: Die Vorfestlegung des LfU, die Anlagen würden als Verursacher der Infraschallimmissionen ausscheiden, sei "unbegründet und schlicht falsch". Stattdessen sollten zeitgleiche Messungen auf dem Betriebsgelände des Tanklagers und bei besonders betroffenen Objekten durchgesetzt werden, erforderlichenfalls auch per Gerichtsbeschluss. Die Ergebnisse der vorliegenden Messungen ordnet der Ingenieur zum Großteil als "nicht verwertbar" ein.

Unklarheiten bei Bodenbeschaffenheit und Messzeiten

Zum einen, weil es keine Dokumentation zur Bodenbeschaffenheit gebe, obwohl ein Gutachten 2014 festgestellt habe, "dass von den Betriebsanlagen der OMV/TAL im Bereich des Tanklagers Erschütterungen in den Boden eingetragen werden, die im Bereich der Wahrnehmungsschwelle des Menschen liegen sollen". Stattdessen würde einfach von "relativ weichen Böden" ausgegangen - obgleich das Gebiet eine glaziale Endmoräne darstelle.

Zum anderen seien die Frequenzmessungen in Steinhöring mit betrieblichen Daten der Pipeline-Betreiber in Zusammenhang gesetzt worden, die diese übermittelt hätten. "Aus Zeitangaben zum Betrieb von Pipelines oder Pumpen kann keine Frequenzanalyse von tatsächlichen Erregerschwingungen erstellt werden", heißt es dazu kritisch in der Stellungnahme, die die Geschädigten an das Landratsamt, das Landesamt für Umwelt und den CSU-Bundestagsabgeordneten Andreas Lenz weitergeleitet haben.

Henning Böhm, der das tieffrequente Brummen seit Mitte 2010 wahrnimmt, hofft nun, dass die Suche weitergeht. Ursprünglich waren für das Frühjahr teure Korrelationsmessungen geplant, an denen sich auch die Geschädigten finanziell beteiligen wollten. Dann aber kam die Stellungnahme des LfU, das nach einer "Jetzt red i"-Sendung des Bayerischen Fernsehens eine Beurteilung der Gutachten zugesagt hatte. Die oberste Fachbehörde in Bayern kam zu dem Ergebnis, dass die Immissionsbeiträge von OMV und TAL nicht über das allgemeine in der natürlichen Umgebung vorhandene Grundgeräusche herausragten. Das Landratsamt sagte daraufhin die neuen Messungen ab.

Es kommt auch auf die richtigen Geräte an

"Wir brauchen jetzt verwertbare Messungen", fordert Böhm, der am Montagabend mit Landrat Niedergesäß das weitere Vorgehen beratschlagen wollte. Diese könnten mit seismischen und mikrobarometrischen Geräten erfolgen, wie sie der Sachverständige und Gutachter für Umweltmessungen und Akustik, Sven Johannsen aus dem hessischen Birkenau, benutzt. Steinhörings Bürgermeister Alois Hofstetter (CSU) will konkret keine Messung beauftragen, Johannsen aber die vorliegenden Gutachten zur Beurteilung zur Verfügung stellen.

Der Sachverständige sagt: "Viele Gutachter messen teilweise falsch und mit ungeeigneten Geräten." Dabei dürfe man die gesundheitlichen Auswirkungen von Infraschall und Körperschall nicht unterschätzten. "Auch wenn sich nur ein Bevölkerungsanteil von 20 Prozent sehr schnell gestört fühlt, sind die anderen auch belastet." Eine Studie hätte gezeigt, dass sich bei einer dauerhaften Belastung die Arterien teilweise irreversibel verengen, womit das Schlaganfall- und Herzinfarkt-Risiko zunehme.

Infraschall, also Frequenzen unter 20 Hertz, seien immer dann problematisch, wenn sie zyklisch auftreten. Sachverständiger Johannsen vergleicht das mit einem Wasserhahn: Einmal voll aufgedreht störe der weniger als wenn er regelmäßig vor sich hin tropfe. In der Kombination mit Körperschall - also Luftschall, der einen Baukörper schwingen lässt - könnten schon bei sehr geringen Pegeln gesundheitliche Beeinträchtigungen auftreten. Der Gutachter aus Birkenau hat unter anderem schon Blockheizkraftwerke, Müllverbrennungsanlagen oder hauseigene Wärmepumpen als Verursacher der Immissionen ausgemacht. Über gesteinshaltigen Boden könne Infraschall bis zu zehn Kilometer weit übertragen werden - Luftschall sogar 125 Kilometer weit.