Steinhöring Eine komplett andere Erfahrung

Bürgermeister Alois Hofstetter, mehrere Bürger, darunter Rollstuhlfahrer aus dem Einrichtungsverbund Steinhöring, nehmen Barrierefreiheit der Gemeinde unter die Lupe. Die Ergebnisse finden Eingang in eine Wheelmap

Von Konstantin Schätz, Steinhöring

"Ich habe einen Traum", sagt Werner Retzlaff, Leiter der Außenwohngruppe des Steinhöringer Einrichtungsverbundes (EVS), "einen Traum, dass Steinhöring die barrierefreie Gemeinde im Landkreis wird". Denn seiner Meinung nach ist eine barrierefreie Gemeinde nicht nur ein Gewinn für Menschen, die im Rollstuhl sitzen, sie ist auch ein gesamtgesellschaftlicher Gewinn.

Am Samstag nahmen zehn engagierte Bürger, zwei Rollstuhlfahrer der Außenwohngruppe, Bürgermeister Alois Hofstetter (CSU), die Gemeinderäte Bärbl Starringer (Bürgerliste), Willibald Slowaczek (PWG), Julia Görner (SPD) und Vertreter des EVS ihre Gemeinde genauer unter die Lupe. Sie wollten herausfinden, was in Steinhöring fehlt, um genau das zu sein, was sich Retzlaff, der die Besichtigung organisiert hat, wünscht. Das Sanitätshaus "Streifeneder" stellte den Teilnehmern Rollstühle zur Verfügung und ermöglichte ihnen damit zu erkennen, was ein schiefer Bürgersteig oder ein hoher Randstein für jemanden bedeuten kann, der in seiner Mobilität eingeschränkt ist.

Den Teilnehmern des "Wheelmap-Rundgangs" in Steinhöring wurden die Herausforderungen eines Rollstuhlfahrers vor Augen geführt, z. B. zu schmale Eingänge.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Überzeugen konnten bei der Besichtigung vor allem die neuen, barrierefreien Toilettenanlagen an der Kirche. "Das ist viel wert", sagte Retzlaff. Denn Anlagen wie diese würden zunehmend an Bedeutung gewinnen: "Was mache ich, wenn ich unterwegs bin, auf die Toilette muss und gerade kein Gast in einem Lokal bin?" Vor allem ältere Frauen würden deshalb ihre Wohnung gar nicht mehr oder nur noch in einem sehr überschaubaren Umkreis verlassen. Auch die Bedeutung von sogenannten "Querungshilfen" an der B 304 wurde den Teilnehmern vor Augen geführt. Dabei handelt es sich um Verkehrsinseln, die Passanten dabei helfen sollen, stark befahrene Straßen leichter überqueren zu können, wenn keine Ampel vorhanden ist. "Die Teilnehmer konnten auch mal erleben, wie es ist, wenn man mal nicht eben über die Straße laufen kann".

Hoch angebrachte Türgriffe, Kieswege, Absätze: Für Fußgänger sind sie oft nur kleinste Hindernisse, für Rollstuhlfahrer mitunter schwer zu überwindende Barrieren.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Drei Stunden dauerte die Besichtigung und endete in einer Diskussion darüber, was die Gemeinde noch alles tun könne. "Vor allem zwischen den Gemeinderäten brach eine lebhafte Diskussion aus", erzählt Retzlaff. Ein Thema war dabei die Absenkung der Bürgersteige, die Bürgermeister Alois Hofstetter kritisch sieht: "Dies ist nicht so einfach", erklärte er und verwies dabei auf Vorschriften, die festlegen, dass eine Absenkung die Anlieger selber tragen müssten. "Wir haben noch einiges zu tun", gab Hofstetter zu, betonte aber gleichzeitig, dass die meisten Geschäfte bereits barrierefrei zugänglich seien und in diesem Bereich auch viel getan wurde. Dabei verwies er auf ein sogenanntes taktiles Leitsystem, das sich in der Dorfmitte finden lässt und sehbehinderten Menschen bei der Orientierung hilft.

Zu hohe Randsteine in Verbindung mit schmalen Gehsteig birgen ein weiteres Sicherheitsrisiko für Gehbehinderte.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Neben dem Ziel, den Bürgern einen Einblick zu geben, mit welchen Herausforderungen sich unter anderem Rollstuhlfahrer auseinandersetzen müssen, galt es aber vor allem, die sogenannte "Wheelmap" zu erweitern. Eine Karte, die sich auf www.wheelmap.org abrufen lässt und optisch an eine Onlinekarte wie Google Maps erinnert. Dieses 2010 gestartete Projekt soll Rollstuhlfahrern und Menschen mit anderen Mobilitätseinschränkungen helfen, ihren Tag planbarer zu gestalten. Insgesamt wurden bereits mehr als 730 000 öffentliche Orte auf der Karte markiert und mithilfe eines Ampelsystems daraufhin bewertet, wie zugänglich sie sind. Grün steht dabei für den uneingeschränkten Zugang für Rollstuhlfahrer, orange markierte Orte geben Hinweise auf maximal eine Stufe, die nicht höher als sieben Zentimeter sein darf und rot gekennzeichnete Plätze sind für Rollstuhlfahrer ungeeignet.

Für Steinhöring erklärten sich Gemeinderätin Julia Görner und ihr Ehemann Jürgen Görner bereit, zukünftig als "Wheelmapper" zu agieren und die Karte zu erweitern. Die Ergebnisse der Wheelmap-Besichtigung am Samstag wurden bereits eingetragen, wie sich an der Karte im Internet erkennen lässt. Vier Orte wurden in Steinhöring rot markiert. Unter anderem auch der Bahnhof der Gemeinde, da sich kein rollstuhlgerechtes WC finden lässt.

Der Leiter der Besichtigungsrunde, Werner Retzlaff, spricht nach der Tour von einer sehr positiven Erfahrung: "Die Leute waren sehr engagiert und haben auch alles kritisch betrachtet". Am Ende konnte er sogar bei einigen Teilnehmern einen Perspektivenwechsel feststellen. Auch Bürgermeister Hofstetter äußerte sich sehr überrascht: "So was fällt einem selber einfach gar nicht auf. Das war eine komplett andere Erfahrung", sagte er anschließend. Möglicherweise ist Retzlaff nun seinem Traum, dass Steinhöring komplett barrierefrei wird, doch ein kleines Stück näher gekommen. Denn, so der Leiter der Außenwohngruppe, obwohl es in einigen Belangen unterschiedliche Meinungen gebe, sei es wichtig, dass das Thema erkannt wurde. "Die Aufgabe des Gemeinderats und die der Bürger ist es jetzt, dieses Thema auch im Fokus zu behalten".