Serie: Schauplätze der Geschichte Sie ist weg

Die Burg von Forstinning soll im 9. Jahrhundert einer der Stammsitze der mächtigen bayerischen Grafen von Sempt-Ebersberg gewesen sein, deren Herrschaft bis nach Kärnten reichte. Heute ist nicht nur ihr genauer Standort ein Mysterium. Zwei Heimatforscher wollen das Rätsel lösen.

Von Isabel Meixner

Als der weiße VW Golf von Markus Krammer über einen Feldweg zwischen Maisfeld und Wiese holpert, stellt Arnold Schmidt nach einem kurzen Moment der Stille die eine Frage: "Mei, Max, was können wir denn machen, dass wir die Burg finden?" Seit 1995 ist der Forstinninger auf der Suche nach dem Schloss der Grafen von Sempt. Er hat zahlreiche Quellen durchforstet, Gespräche mit Experten geführt, sogar Magnetmessungen im Forstinninger Ortsteil Sempt anstellen lassen. Ohne Erfolg.

Nahe Forstinning diskutieren Arnold Schmidt (li.) und Heimatpfleger Markus Krammer (re.) mit Ludwig Deuringer.

(Foto: Christian Endt)

"Da hat mir der oide Hitzlsperger erzählt, dass sie beim Bauen Knochen gefunden haben", ruft Schmidt und deutet auf ein Haus am Wegrand. Die Burg lag dort aber nicht. Ein paar Meter weiter am Ende der Forststraße der nächste Platz, den Schmidt bereits abgesucht hat: "Da, da dachten wir, dass wir die Burg gefunden hatten." Beim Abriss eines Bauernhofs vor ein paar Jahren glaubte man, historische Fundamente aufgespürt zu haben, "da war i scho happy". Doch es war ein Irrtum. "Scheibenkleister", entfährt es Schmidt.

Aufgegeben haben er und Krammer, der Kreisheimatpfleger im Landkreis Ebersberg, die Suche noch längst nicht. Krammer hat einen starken Verdacht, wo die Grafen-Burg aus dem 9. Jahrhundert liegen könnte. Die Grafen von Sempt-Ebersberg aus der Adelsgruppe der Sieghardinger waren ein typisches Geschlecht des bayerischen Hochadels im 9. bis 11. Jahrhundert. Von ihren Stammsitzen aus kolonisierten sie weite Gebiete im Südosten. Am Ende fungierten die Ebersberger auch als Markgrafen der Krain und beherrschten Gebiete bis ins heutige Kärnten. 934 gründeten die Grafen das Kloster Ebersberg. Zur weiteren Verwandtschaft gehörten die späteren Grafen von Tirol - und nach Auffassung mancher Forscher sogar die Staufer, das berühmte Kaiser- und Königsgeschlecht des deutschen Hochmittelalters. Pech für die Hobbyforscher ist es nur, dass sich hierzulande keine baulichen Überreste aus dem 9. Jahrhundert erhalten haben.

Die Burg Elkofen haben die Grafen ums Jahr 1000 erbaut.

(Foto: Christian Endt)

Langsam rollt der Wagen über einen Bauernhof. "Privatweg, Durchfahrt auf eigene Gefahr", warnt ein Schild. "Können wir da hinter fahren?", fragt Krammer. "Ja freilich", antwortet Schmidt, der 30 Jahre lang Bürgermeister von Forstinning gewesen ist. Er kennt Hofbesitzer Ludwig Deuringer, der die zwei Männer auf ihrer Exkursion begleitet. Hinter dem Deuringer-Hof, dort, wo die Sempt fast steht und die Wasserpflanzen im kristallklaren Wasser tänzeln, vermutet Krammer die Fundamente der Burg im Boden.

Wo war sie denn, die Stammburg der Ebersberger Grafen (phantasievolle Darstellung des 15. Jahrhunderts)?

(Foto: Privat)

Dass es sie gegeben hat, daran ließen die Quellen keinen Zweifel, sagt Krammer. Wohl aber daran, wie sie ausgesehen haben soll: Die erste Zeichnung stammt aus dem 15. Jahrhundert und zeigt ein von Wasser umgebenes Schloss, eine Kirche und einen Handelsplatz. Allerdings stützt sich das Bild auf Beschreibungen aus dem "Chronicon Eberspergense" aus dem 11. Jahrhundert, einem Schriftstück also, das knapp 200 Jahre nach dem Bau der Burg zu Sempt verfasst wurde.

Ein Großteil der Zeichnung entspringe der Phantasie des Malers, gibt Markus Krammer zu. Er ist dennoch sicher, dass die zwei historischen Dokumente entscheidende Hinweise auf den Standort des Baus geben: dass sich in unmittelbarer Nähe eine Kirche für die gläubigen Grafen befunden hat und ein Handelsplatz etwa. Sempt war im 9. Jahrhundert ein Königsgut mit Marktfunktion. Den Ort vermutet der Kreisheimatpfleger an der Stelle, an der die alte Römerstraße einst über die Sempt geführt haben soll. Die Burg habe eine Schutzfunktion für Straße und Händler gehabt, glaubt Krammer.

Arnold Schmidt ist sich da nicht so sicher: "Es gibt auch die Annahme, dass die Burg in Berg oben war. Dort könnte auch die Kirche gewesen sein. Glaubst du das?" Krammer schüttelt den Kopf, während die Männer auf einer alten Holzbrücke über die Sempt spazieren: "Für mich ist der Platz eindeutig beim Umschlagsplatz." Er bleibt kurz hinter der Brücke stehen und deutet ein paar Meter in den Wald. Hier in etwa soll die Burg also gelegen haben. Ein paar Meter weiter kann man die Erhebung in der Wiese von Ludwig Deuringer noch sehen, die die inzwischen überwachsene Römerstraße hinterlassen hat.

Aber Belege dafür, dass hier einst eine mächtige Burg gethront hat, die einem der damals mächtigsten Grafen-Geschlechter in Bayern als Hauptsitz diente, gibt es nicht. "Wir brauchen technische Hilfe", sagt Arnold Schmidt. Dass Luftbilder weiterhelfen, die in manchen Fällen überwachsene Bodendenkmäler von oben erkennbar machen, glaubt Krammer nicht. Eher hofft er, dass das Landesamt für Denkmalpflege das Gelände digital vermisst. Vor einem Jahr hat eine solche Vorgehensweise etwa gezeigt, dass die alte Römerstraße zwischen Hohenlinden und Haag anders verlief als angenommen.

Doch nicht nur über den Standort gibt es Zweifel, sondern auch über die Bausubstanz. Burgen wurden im 9. Jahrhundert gewöhnlich aus Holz gebaut. Wäre das in Sempt der Fall, würde das das Auffinden des Grafen-Schlosses deutlich erschweren - wenn nicht sogar unmöglich machen. Markus Krammer glaubt aber fest daran, dass die Burg aus Stein war. Er verweist auf die Elkofener Anlage, die ebenfalls von den Grafen von Sempt gebaut wurde - aus Stein. "Die Grafen hatten zu viel Besitz, um so eine nichtige Burg hinzubauen." Immerhin erstreckte sich ihr Einflussbereich von Regensburg über Ebersberg bis nach Wels. Außerdem könnte eine Holzburg viel zu schnell in Brand gesteckt werden. Und dass das Grafengeschlecht, das sich seiner karolingischen Abstammung rühmte, dieses Risiko bei einem seiner vermeintlichen Hauptsitze einging, daran hegt Krammer Zweifel.

Zumal sich im 9. Jahrhundert bereits die Ungarn-Überfälle ankündigten. Die Burg von Sempt galt nicht mehr als sicher, denn gleich, wo sie genau gebaut worden war: Sie lag in der Ebene und ließ sich gegen Angreifer schlecht verteidigen. Das war auch der Grund für den Grafen Sighart, 880 nach Christus eine Burg in Ebersberg zu bauen und den Stammsitz der Familie dorthin zu verlegen.

"Ich verstehe nicht, dass sich das nicht überliefert hat", sagt Schmidt angesichts der Bedeutung, die das Forstinninger Schloss einst gehabt hat. Den Namen des Ansprechpartners im Landesamt für Denkmalpflege hat er schon notiert. Vielleicht, hofft er, schafft er es ja doch, die Behörde zu einer digitalen Messung zu bewegen. Aufgeben will er jedenfalls nicht: "Ich habe den Spruch gemacht, dass ich die Burg finde. Jetzt muss ich sie auch suchen."