Relikt der Mönche Ein Blick in die Geschichte

Kreisheimatpfleger Markus Krammer hat ein Fundstück von der Baustelle des Einkaufszentrums untersucht und die Botschaft des Reliefsteins übersetzt

Von Wieland Bögel

Ebersberg Markus Krammer mit Funden aus der Baugrube im E-Einz

(Foto: Christian Endt, Fotografie & Lic)

- Natürlich können Steine nicht reden, was aber nicht bedeutet, dass sie nichts zu sagen hätten. Manchmal erzählen sie eine Geschichte, und manchmal weist diese tief in "die Geschichte", die Historie eines Ortes und seiner Bewohner. Ein solcher sprechender Stein ist im vergangenen Jahr auf der Baustelle des neuen Einkaufszentrums in der Ebersberger Innenstadt ans Tageslicht gelangt. Bei einer Rettungsgrabung in den Überresten des historischen Klosterbauhofes fanden Archäologen vier Bruchstücke einer Marmortafel.

Bruchstücke des Reliefs von der Baustelle des Einkaufstentrums in Ebersberg

(Foto: Markus Krammer)

Schnell war klar, dass es sich bei dem Stein um ein Artefakt aus der frühen Neuzeit handelt. Darauf weisen Reste einer in gotischer Minuskel gehaltenen Inschrift, wie sie zu Beginn des 16. Jahrhunderts üblich war, hin. Auch eine Verbindung zum Anfang des 19. Jahrhunderts im Zuge der Säkularisation aufgelösten Ebersberger Kloster sahen die Archäologen als gesichert an, schließlich zeigt das auf der Tafel befindliche Relief zwei Männer in mönchischer Tracht, genauer einer Kutte, wie sie die Benediktiner trugen. Weniger klar war den Archäologen allerdings die Botschaft, die das steinerne Bild in sich trägt. Sie glaubten aber, einen Palmzweig und einen mit Edelsteinen verzierten Becher auf dem Relief zu erkennen.

Ebersbergs Kreisheimatpfleger Markus Krammer hat sich in den vergangenen Wochen darangemacht, die Sprache des Steins zu übersetzen. Für ihn war dabei schnell klar, dass der Stein an zwei ganz bestimmte Ereignisse und an zwei ganz bestimmte Personen erinnern soll. Nämlich an die Errichtung des Klosterbauhofes durch den Benediktinerabt Sebastian Häfele und den Bau des gotischen Tores durch seinen Nachfolger Leonhard I. Häfele stand dem Kloster zwischen 1472 und 1500 vor, und sein Zeichen war ein "irdener Topf", wie Krammer erklärt. Ein solcher sei es, und kein Becher mit Edelsteinen, der auf der Platte abgebildet ist, und ein solcher Topf findet sich auch auf Häfeles Grabstein in der Stadtpfarrkirche. Denn der Abt war der Sohn eines Töpfers, auch sein Familienname leitet sich wohl davon ab. Dass der Abgebildete eine Tonsur und eine Kutte nach Art der Benediktiner trägt, ist für Krammer ein weiterer deutlicher Hinweis auf Häfele.

Weniger klar zu erkennen ist die zweite Person auf dem Relief. Die Archäologen haben sie einfach als weiteren Mönch bezeichnet, doch laut Krammer kann das nicht stimmen. Denn auch wenn das Gesicht der Figur nicht erhalten ist, seien am Kragen seines Gewandes deutlich die Reste langer, offen getragener Haare zu erkennen, eine für Benediktiner höchst untypische Frisur. Das Gewand der Figur, ein weit geschnittener Mantel, unterscheidet sich ebenfalls von jenem seines Gegenübers. Dass der zweite Mann also ein Mönch sei, könne man mit Sicherheit ausschließen. Um den Unbekannten zu identifizieren, hat sich Krammer deshalb genauer angesehen, was er in seiner Hand hält. Dies sei mitnichten ein Palmzweig, wie es die Ausgräber sahen, sondern der gefiederte Schaft eines Pfeils, das Attribut des Ebersberger Stadtheiligen, Sankt Sebastian.

Diese Figur könnte eine Darstellund des Ebersberger Stadtheiligen St. Sebastian sein

(Foto: Markus Krammer)

Auch auf Häfeles Nachfolger Leonhard hat Krammer Hinweise auf der Tafel gefunden. Das kleinste der vier Bruchstücke zeigt nämlich ein Wappen, das frappierend jenem auf einem Glasfenster in der Kirchseeoner Sankt Koloman-Kirche ähnelt. Diese Kirche ließ Abt Leonhard Anfang des 16. Jahrhunderts umbauen, und sich mit seinem Wappen dort verewigen. Auf Leonhard weist auch die Umschrift auf der Tafel: Diese ist zwar größtenteils zerstört, doch an einer Stelle ist die Buchstabenfolge "LEONHA" zu lesen, an einer anderen liest man "GEPAT ... DAS TOR UND VEZEICHET". Dies interpretiert Krammer dahingehend, dass die Inschrift erzählt, wie Abt Leonhard das Tor nördlich des Klosterbauhofs und dessen Vorbauten, denn das bedeutet das Wort "Vezeichet" errichten ließ. Der Stein wäre also ein Denkmal für die beiden Erbauer des Klosterbauhofes.

Bruchstücke Relief, Baustelle Einkaufstentrum Ebersberg

(Foto: Markus Krammer)

Damit lässt sich die Entstehungszeit des Marmorreliefs ziemlich genau datieren, denn Leonhard war nur relativ kurze Zeit Abt des Klosters, zwischen 1500 und 1509. Krammer vermutet, dass der Stein eher in der ersten Hälfte dieses knappen Jahrzehnts aufgestellt wurde, als Abt Häfele noch am Leben war. Auch über seinen möglichen Standort hat Krammer eine Vermutung: Wahrscheinlich wurde er direkt am Tor aufgestellt, so dass Mönche wie Besucher des Klosters die Bauherrn immer vor Augen hatten.

Warum die Tafel schließlich zerschlagen und als Baumaterial für eine schnöde Kellerwand benutzt wurde, kann Krammer auch nicht mit Sicherheit beantworten. "Wahrscheinlich ist er einfach im Weg umgegangen." Vielleicht hatte der Stein rund zehn Generationen nach seiner Entstehung den Menschen auch einfach nichts mehr zu sagen, bis er zwei Jahrhunderte später sein Schweigen wieder gebrochen und interessante Einblicke in Ebersbergs Stadtgeschichte freigegeben hat.