Premiere in Markt Schwaben Neues Leben für zwei Klassiker

Großartige Unterhaltung, starke Szenen und eine zeitlose Botschaft: Mit dem "Brandner Kaspar" beweist das Weiher-Ensemble sein Können

Von Ulrich Pfaffenberger

Die Weiherspiele 2018 überzeugen mit einer so geistreichen wie farbigen Inszenierung.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Ein wahrer Jubelsturm ist am Donnerstagabend über den Kirchweiher gefegt, nachdem der "Kerschgeist" seinen letzten Auftritt im Bühnenklassiker "Brandner Kaspar und das ewige Leben" gehabt hatte: Im gut besuchten Rund riss es das Premierenpublikum in die Höh', um dem Ensemble die Freude mitzuteilen, die es auf den Rängen ausgelöst hatte. Wobei die überschäumende Begeisterung zum geringsten Teil der einjährigen Enthaltsamkeit auf der schwimmenden Bühne zuzuschreiben ist. Die Aufführung war vielmehr so kurzweilig und geistreich, so aufregend und spannend, so heiter und so berührend, dass sie selbst jene überzeugte, die den "Kaspar" schon häufiger und auf Profi-Bühnen erlebt hatten. Die Weiherspiele 2018 haben sich das Prädikat "lohnt sich auf jeden Fall" verdient.

Vor allem deshalb, weil sich die Inszenierung auf eigenen Beinen all jenen Vorab-Kritikern entgegenstellt, die in der Wahl des Stücks ein "Auf-Nummer-Sicher-Gehen" sahen, als Versuch, die Weiherspiele vor dem Untergang zu bewahren. Die beiden Neuen an der Spitze Ferdinand Maurer und Franz Stetter haben nicht eine Titanic aus Eiswasser manövriert - sie haben einer großartigen Idee und einer langen Tradition neues Leben eingehaucht und dafür genau das richtige Stück gewählt. Was bei der Premiere zu sehen und zu spüren war, deutet zudem darauf hin, dass sie klug vor- und auf ihre Mitspieler zugegangen sind: Man durfte zwei Stunden lang erleben, wie Funken übersprangen.

Das kommt auch daher, dass die Regie nicht versucht, eines der bekannten Vorbilder nachzuahmen, aber auch keine Kopfstände macht, um unbedingt anders zu sein. Mit behutsamen Erweiterungen beim Text, mit einer Aufwertung weiblicher Rollen und einer gutdosierten Nutzung der beiden Spielflächen schafft das Ensemble seinen eigenen "Kaspar" und geht darin auf. Dies machte sich bis hinein in winzige Details bemerkbar, etwa als der Boandlkramer (Maurer) bei einem technischen Missgeschick vom Kaspar improvisiert: "Jetzt machen wir erst das Mikrofon wieder fest, dann kannst du weiterjammern." Szenenapplaus, genauso wie bei seinem "Spielrausch", der höchsten Bühnenkunst: einen Betrunkenen zu mimen, ohne albern zu werden. Das ist neu am Weiher: Geistreiches und Komisches steht nicht im Skript, es entsteht aus dem Spiel.

Überhaupt: Schauspielerisch überzeugt die Truppe vom ersten bis zum letzten Satz. Auch wenn Stetter und Maurer nicht nur wegen Hauptrollen, sondern auch wegen ihres leidenschaftlichen Spiels herausragen, so erreicht das ganze Ensemble durchgängig hohes Niveau. Man merkt, dass es nicht die Konzentration ist, die die jeweilige Rolle prägt, sondern die Identifikation. Man spürt die Begeisterung dafür, sich an einem großen Stück der Theaterliteratur versuchen zu dürfen, genauso wie der Wille sich Bahn bricht, bei diesem Versuch zu bestehen.

Das gute Gefühl für Sprache und fließende Bewegungen im Raum verkürzen die Distanz zum Publikum noch mehr, als es die herangerückte Bühne macht. Die Glaubwürdigkeit von Mimik und Gesten, nun bestens sichtbar, schlägt eine tragfähige Brücke. Endlich, endlich ist die jahrelange Arbeit an der Jungen Bühne auf dem Weiher angekommen! Wenn einem nichts anderes an diesem Abend gefallen hätte, so wäre schon diese Leistung einen starken Applaus wert gewesen.

Ein schmuckes Bühnenbild, eine aufmerksame Lichtregie und ein schlüssiges Konzept bei Maske und Kostüm: Die Inszenierung macht dem Auge Freude. Ebenso dem Ohr, denn auch musikalisch sitzt der Anzug, den der Kaspar am Weiher tragen darf. Die drei Stücke, die in guter Tradition die Aufführung anreichern, fügen sich nahtlos in die Dramaturgie ein. Die Arrangements auf Basis von Volkslied und Volksmusik sind einfach und unkompliziert, aber alle drei - "I bin halt a Lump", "So steht's ihr da", "Staad-sei-Tango" - haben in frischem, mundartlichen Balladenstil das Zeug zum Ohrwurm. Wie überhaupt die saubere Beherrschung des Dialekts das ganze Stück prägt. Selbst das vom Original übernommene Preiß'n-Derblecken bleibt frei von aller Bösartigkeit, während Worte wie "hantig", "nei'gschbieb'n" oder "was zahnst" jene Kanten einziehen, die grob und nahbar zugleich sind.

Die Schauspieler nehmen ihr Herz in die Hand - allen voran Ferdinand Maurer als Boandlkramer und Franz Stetter als Brandner Kaspar.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Neben kurzweiliger Unterhaltung auf hohem Niveau bleibt den Gästen obendrein eine ebenso aufwühlende wie anregende Beobachtung: Was Bühnenautor Kurt Wilhelm da vor vielen Jahren aus einer Erzählung Franz von Kobells gemacht hat, ist von zeitloser Kraft und Gültigkeit. Anders als der Titelheld wird das Stück in der Tat ein ewiges Leben haben. Sei es in seiner unverkrampften Botschaft über den Wert mitmenschlichen Verhaltens. Sei es in seiner herzlichen Vermittlung dessen, was christliche Leitkultur ausmacht. Sei es im Entlarven der "Deal-Maker" und "Vertrags-Trickser", die nichts weiter als ihren "Grasober" in der Hand und ihren Vorteil im Sinn haben, denen aber die Seelen egal sind, die sie ins Unglück stürzen. Nicht von ungefähr ist der einzige, der an diesem Abend nie lacht, der Erzengel Michael mit seinem Flammenschwert. Zu sehen wiederum, wie der geflügelte Himmelswächter selbigem einen süffigen E-Gitarrensound entlockt, ist nur einer von vielen guten Gründen, diesen "Brandner Kaspar" auf keinen Fall zu versäumen.

Weiherspiele in Markt Schwaben: "Der Brandner Kaspar und das ewige Leben", gespielt wird bis 4. August, donnerstags, freitags und samstags, Beginn jeweils um 20 Uhr. Karten unter www.theater-marktschwaben.de oder am Schloßplatz 1, mittwochs und freitags, 16 bis 18 Uhr, (08121) 224 22.