Porträt Ein Leben in Bildern

Es ist nie zu spät, findet die Fotografin Inge Kolb aus Oberpframmern. Noch mit 80 Jahren sattelte sie auf die digitale Arbeitsweise um

Porträt von Franziska Langhammer

Ihre erste Kamera, eine Voigtländer, machte einen Abgang à la König Ludwig II.: Sie ertrank im Starnberger See. Inge Kolb, damals noch keine 20 Jahre alt, wollte einen Ausflug auf dem Faltboot machen. Als die Schwester dazu stieg, kippte das Boot samt Inhalt um. Die Kamera war nicht mehr zu retten.

Wenn Inge Kolb aus Oberpframmern in ihren Erinnerungen kramt, blättert sie unablässig in Fotoalben, untermalt das Erzählte mit Bildern, die sie schon immer begleiten. Oder begleitet sie ihr Leben, indem sie es mit der Kamera festhält? Die Grenze zwischen Tagebuchaufzeichnungen und Dokumentation verschwimmt im Gespräch mit der 91-Jährigen, die mindestens zwanzig Jahre jünger wirkt. Ihren wachen Augen entgeht nichts, fotografisch im Sinne des Wortes ist auch ihr Gedächtnis, beim Sprechen legt sie eine unbestechliche Heiterkeit an den Tag. Ihre Patentochter sagt: "Wir kennen sie eigentlich immer nur mit der Kamera vor dem Gesicht." Am besten lässt sich ihr Leben also genau so erzählen, wie sie es tut: in Bildern.

Momentaufnahme von 1936: Inge ist zehn Jahre alt, sie sitzt auf den Schultern eines Onkels auf einem Platz in Berlin, ihre erste Kamera um den Hals. Es ist das Jahr der Olympiade, die Menschen freuen sich auf das sportliche Großereignis, niemand ahnt, was auf sie zukommt. Die Kamera ist eigentlich ein Geschenk des Vaters an die Mutter. Inge beobachtet fasziniert seine Fotoarbeit, die er hobbymäßig betreibt. "Er hatte ein gutes Auge, immer schnell erfasst, was wichtig war", sagt sie. Wenige Jahre später wird der Krieg ausbrechen und Familie Hoffmann - drei Töchter, ein wissensdurstiger Vater und eine abenteuerlustige Mutter - auseinanderreißen. Während der Vater für die Wehrmacht Flugzeugpropeller herstellt, werden die Kinder in den Schwarzwald zu Verwandten evakuiert. Als kurz vor Kriegsende Inge und eine Schwester eingezogen werden, reist die Mutter in den Süden, um ihre Töchter wieder zu sich zu holen.

Alpenpanorama, 1946: Die Familie kommt auf einem Hof in Bayern unter. Inge arbeitet zwei Jahre in der Landwirtschaft, dann holt sie das Abitur nach. Ihr Vater gründet in den Ställen des Marstallgebäudes von König Ludwig II. eine Firma. Inge ist für die Werbung zuständig, fotografiert die Erfindungen ihres nimmermüden Vaters, der von der Leuchtstoffröhre über Textildrucke bis hin zu einem Blendschutz für Autos immer wieder neue Ideen auf den Markt wirft. Ihr erstes Fotolabor richtet sie sich in der Schräge unter der Treppe ein, wo es staubig und dunkel ist.

Porträt, um 1952: Inge ist 26, selbstbewusst schaut sie in die Kamera. "Ich hatte keine Lust mehr auf den Bürokram", erzählt sie. In München am Prinzregentenplatz beginnt sie eine Lehre zur Fotografin. Ihr Chef, ein bärbeißiger Bayer, lässt sie oft spüren, was er von der Berlinerin hält. Wenige Monate später gerät Inge nach einem glühend heißen Arbeitstag in ein Gewitter; die heftige Veränderung des Luftdrucks löst einen Netzhautgefäßverschluss im Auge aus. Zu spät sucht sie einen Arzt auf, ihr linkes Auge ist kaum mehr sehfähig. Ungerührt hält sie fest an ihren Plänen. Nach ihrer Ausbildung arbeitet sie einen Sommer lang in Schweden, nahe des Polarkreises, in einem Fotogeschäft. Danach hält sie sich mit Modefotografie in Stuttgart über Wasser, "BHs und Unterhosen geknipst", nennt sie es: "Wir haben nächtelang nur retuschiert."

Arbeitsprotokoll, 1958: Nachdem das Großlabor, in dem sie beschäftigt ist, keine Aufträge mehr bekommt, werden Inge und viele Kollegen entlassen. Ein halbes Jahr lang geht sie stempeln, bis schließlich übers Arbeitsamt ein Angebot reinkommt: Inge, die nie etwas für Medizin übrig hatte, fängt als Fotografin in einem großen Krankenhaus in München an. "Und da blieb ich dann 28 Jahre", sagt sie und lacht, selbst etwas ungläubig. In der Chirurgie muss sie die Verletzungen der Patienten vor und nach der Operation fotografieren. "Ich dachte anfangs, mir würde der Job viel mehr unter die Haut gehen", sagt sie. Doch die sterile Atmosphäre und die monotone Vorgehensweise lassen sie die Verbrennungen und Fleischwunden, die sie tagtäglich fotografisch festhalten muss, als das sehen, was sie sind: ihre Arbeit. Später muss sie vor allem plastische Chirurgen bei Schönheitsoperationen unterstützen: Sie dokumentiert, wie Hakennasen gerade oder große Brüste verkleinert werden. Um ihre Kasse aufzubessern, macht sie von den Kindern der Kollegen Porträts, fotografiert etwa zu Weihnachten die Silhouetten der Familienmitglieder, hält Betriebsfeiern der Ärzte fest.

Hochzeitsbild, 1970: Mit 44 heiratet Inge, geborene Hoffmann, den Kardiologen Peter Kolb. Ein fröhliches, unwirkliches Fest, an das schon niemand mehr geglaubt habe, sagt sie: "Mein Mann war damals schon 50, wir waren ausgekochte Junggesellen." Gemeinsam reisen sie mit einem klapprigen R4 und einem Zelt durch die Welt, wann immer es ihre Berufe erlauben, Spanien rauf und runter, Skandinavien, die griechischen Inseln. Mit der Rente legen sie sich einen VW Bus zu. Inge Kolb besucht die Wüste im Jemen, schaut sich die antike Oasenstadt Palmyra in Syrien an. "Schön, dass ich das alles noch sehen konnte, bevor es im Krieg zerstört wurde." Und immer hat sie die Kamera im Gepäck. "Das war meine Anforderung an die Reisen", sagt sie, "es musste etwas Interessantes geben." Heute hängen ihre Urlaubserinnerungen in Rahmen an den Wänden ihrer Wohnung, undatiert, aber Inge Kolb kann sie problemlos zuordnen. Ihre Serie zum Thema "Kopfbedeckungen" etwa zeigt die Ohren eines griechischen Esels, die aus einem Strohhut ragen, daneben die Aufnahme eines türkischen Jungen mit einem Fladenbrot auf dem Kopf. In manchen Fotos glaubt man das Augenzwinkern der zierlichen Dame zu erahnen, mit dem sie der Welt gegenüber tritt.

Sibirischer Schnappschuss, 2015: Nach dem Tod ihres Mannes beginnt ein anderes Reisen für Inge Kolb, sie fährt jetzt oft in Gruppen um die Welt; mit dem Bund Naturschutz nach Island oder mit anderen Fotografen nach Sibirien. Dort gelingt ihr ein eindrückliche Aufnahme: Eigentlich will sie das Muster eines Vorhangs fotografieren, da reckt sich im letzten Moment eine seltsam verknotete Hand an die Scheibe.

Bei einer Ausstellung in Ottobrunn, es muss um ihren 80. Geburtstag herum gewesen sein, belauscht Kolb, wie zwei Fotografen über sie reden. Einer erzählt kichernd: "Wir haben eine Alte bei uns im Club, die fotografiert immer noch analog." Inge Kolb steht daneben und denkt sich: "Scheiße." Im nächsten Moment weiß sie: Das kann ich auch. Ein dreiviertel Jahr vertieft sie sich in die digitale Fotografie, lernt, wie man Bilder bearbeitet und Effekte benutzt, wie man Filter über die Fotos zieht und dass die Möglichkeiten einer Digitalkamera schier unendlich sind. Bei der nächsten Ausstellung sehen die Kollegen das Ergebnis und sagen nichts mehr; erst recht nicht, als ein Galerist auf Inge Kolb zukommt und sie fragt, ob sie nicht bei ihm ausstellen wolle.

Digitalfotografie, heute: Inzwischen hat Kolb die digitale Fotografie nicht nur verinnerlicht, sondern erobert. Sie zeigt etwa das Schloss Neuschwanstein, wie man es noch nicht gesehen hat: klein und eingebettet in waldiger Romantik. Mit ihrem Neffen saß sie bei der Aufnahme in einem kleinen Motorflieger, dessen Fenster sie vor Begeisterung beinahe geöffnet hätte. "Die Verarbeitung, die ganze Archivierung ist anders", sagt Kolb, die noch tausende Dias in der Dachkammer liegen hat, die sie demnächst sortieren möchte. Wenn sie arbeitet, vergeht die Zeit wie im Flug. Einmal war sie zwei Nächte mit dem Verfremden eines Fotos beschäftigt und dabei so vertieft in das Geschehen am Computer, dass sie sich eine Thrombose holte und der Notarzt kommen musste. Wenn man sie fragt, was sie noch gerne sehen möchte - eine Frau, die die halbe Welt bereist und fotografiert hat - sagt sie: "Ich würde gerne wieder nach Mecklenburg-Vorpommern. Das fühlt sich dort schon noch sehr alles nach Heimat an." Auch von Georgien, den herzlichen Menschen und den alten Kirchen dort, schwärmt sie heute noch.

"Ich war immer spät dran, mit allem", sagt Inge Kolb beim Abschied, "aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass doch immer alles klappt, wenn man es nur will. Deswegen weiß ich: Es ist nie zu spät."