Musik-Festival Das Finale des Ebe-Jazz 2017

Das "HCL-Quartett" aus Oldenburg und die "Schola Monsapri" der örtlichen Musikschule verneinen jeden Gedanken an Trennendes.

(Foto: Christian Endt)

In Sankt Ägidius in Grafing begegnen sich Jazz und Gregorianische Musik. Aus der scheinbaren Gegensätzlichkeit wird ein inspirierendes Erlebnis.

Von Ulrich Pfaffenberger, Grafing

Wer sich mit der liturgischen und kirchengeschichtlichen Seite des "Kyrie" befasst, dringt tief in die Seele des christlichen Glaubens vor. Das "Herr, erbarme dich" ist mehr als nur eine Bitte zu Beginn des Gottesdienstes, es ist Bekenntnis zum göttlichen Herrscher ebenso wie ein Zeichen der Verbundenheit mit Glaubensgeschwistern, jahrhundertealte Ökumene im besten Sinn des Gedankens.

Ein treffender Titel mithin für ein Konzert zum Ausklang von EBE-JAZZ 2017, bei dem es im Kirchenraum von Sankt Ägidius in Grafing zur Begegnung der scheinbar gegensätzlichen Stilrichtungen Jazz und Gregorianik kommt, im Programmheft vielversprechend als "eigenständige, organisch gewachsene Musikform" angekündigt. Wofür das HCL-Quartett aus Oldenburg gemeinsam mit der Schola Monsapri der Musikschule Ebersberg am Sonntag einen glaubwürdigen Beweis antreten, mit staunender Begeisterung angenommen vom Publikum in einem fast voll besetzten Gotteshaus.

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Wie dieser Beweis gelingt? Zunächst durch das (Er)Schaffen eines Klangraums, der die Zuhörer nicht nur umgibt, sondern in sich aufnimmt. Die strenge Form des Chorals baut diesen Raum, der freie Fluss des Jazz füllt ihn mit Gedanken. Doch was heißt hier schon "streng", was heißt hier "frei"? Natürlich, und dieses Wort sei hier in seinem ursprünglichen Sinn verwendet, ist selbst die strengste Form auch frei, weil es die individuellen Unterschiede der Sänger und ihre stimmliche Ausprägung möglich machen.

Die Freiheit im Jazz reicht wiederum nur so weit, wie es die physischen Grenzen von Instrument und Musiker zulassen. Weshalb Gregorianik und Jazz sich eben nicht in zwei unvereinbaren, parallelen Welten bewegen, sondern im Universum alles Musikalischen. Ihre Begegnung und Berührung in der Gegenwart eines Konzerts sind unvermeidlich, ihre gemeinsame Sprache unmissverständlich. Womit, erfreulicherweise, auch wieder einmal geklärt wäre, dass "reine Lehren" bei musikalischen Stilen glatter Unfug sind. Die Klasse und die innere Stärke der beiden Ensembles räumt jeden Zweifel beiseite, der ein Beharren auf dem Trennenden rechtfertigte.

(Foto: )

Vielleicht hat sich die Erde nach ihrer Entstehung so angehört

Denn es passt alles nahtlos zusammen. So freundschaftlich nahe kommen die Vokale der Sänger den Tönen, die aus dem Trichter des Saxofons aufsteigen. So harmonisch schwingen die Saiten des (glänzend gezupften) Kontrabasses mit den Stimmbändern der Schola zusammen. So präzise ticken die Besen des freisinnigen Schlagzeugs die Interpunktion in die Fermaten des Gesangs.

So mühelos übernimmt das Piano den Fluss der Gedanken aus dem Choral in sein eigenes "Voicing". Mancher, der in Gedanken die Blicke schweifen lässt über die Bilder an Altar und Deckengewölbe, fühlt sich inspiriert, der Frage nachzugehen, ob diese Gemälde nicht auch eine Form des Jazz sind, diese Ausdruck, Form und Farbe gewordenen Gedanken eines Künstlers, der eben kein Instrument in der Hand hatte, sondern Palette und Pinsel.

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Wie man sich überhaupt bei einem solchen Konzert immer wieder Fragen stellen kann, deren Antworten einem wundersamerweise dann ohne Umweg zufliegen. Zum Beispiel: "Wie jazzig ist Latein?" Sehr sogar, überraschenderweise nicht nur als "Latin Jazz", sondern auch in der alten Spielweise. Schon die Namen der Instrumente deuten die weit zurückreichenden Wurzeln an: Vocals, Percussion, Piano...

Auch sonst dürfen sich die Humanisten im Publikum erinnert fühlen an den Tag, an denen ihnen erstmals die Bedeutung des Wortes "animus" nahegebracht wurde: der Wind, der Hauch, die Seele. Berührt uns nicht genau dieser Atem, der menschlichen Kehlen genauso entströmt wie dem Saxofon? Das Ineinanderfließen der Gedanken von Schola und Band ist von überwältigender Intensität an diesem Spätnachmittag in Sankt Ägidius und belebt aufs Neue die Botschaft: "Der Geist weht, wo er will".

Vielleicht hat sich die Erde ja auch so angehört, kurz nach ihrer Entstehung: scheinbar zufällig, fließend und chaotisch wie der Jazz oder strukturiert, geordnet und klar wie die Gregorianik. Vielleicht sind beide Formen sich schon damals begegnet und haben sich in dem verankert, was später unsere DNA werden sollte. Eine gute Stunde nur dauert das Konzert, doch seine Impulse reichen weit über den Tag hinaus, wenn wir Glück haben, bis ins nächste Jazzfestival hinein. Es war eine großartige Idee, in diesem Jahr damit zu beginnen.

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