Bahn In Grafing-Stadt gibt's Fahrscheine nur noch vom Roboter

Der Fahrkartenautomat mit Touchscreen von der Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG).

(Foto: Robert Haas)

Man mag das als eine Unverschämtheit sehen. Dabei leistet die Bahn hier einen unterschätzenden Beitrag zur geistigen Gesundheit.

Kolumne Von Wieland Bögel

Die Frage, wofür eigentlich gelernt wird, ist nicht ganz neu. Wer irgendwann mal fleißig Latein gepaukt hat, erinnert sich vielleicht an den berühmten Satz von Seneca, wonach der Schüler "non vitae sed scholae", also nicht fürs Leben, sondern für die Schule lernt. Ein Vorurteil, das in den knapp zwei Jahrtausenden, die seit dem Leben und Wirken des römischen Politikers und Philosophen nicht ganz aus der Welt zu schaffen war.

Obgleich sich um ihren guten Ruf bemühte Pädagogen - unter grober Ausnutzung der Latein- und Geschichtsunkenntnis ihrer Schüler - sehr um eine weniger lehrkraftzersetzende Variante des Seneca-Spruches bemühen: In vielen Klassenzimmern und auf mancher Schulwand wurde der alte Römer auf den Kopf gestellt, dort wird nun behauptet, nicht für die Schule, sondern fürs Leben werde gelernt. Diplomatische Naturen könnten nun anführen, was sie in ähnlichen Fällen immer tun, dass die Wahrheit wahrscheinlich in der Mitte läge. Was in Wahrheit aber Quatsch ist, denn in Wahrheit lernen wir weder fürs Leben noch für die Schule, sondern für die Bahn.

Jedenfalls legt dies eine Einladung nahe, die nun von der Stadt Grafing und der Deutschen Bahn ergangen ist - für eine Schulung am Fahrkartenautomaten in Grafing-Stadt. Hintergrund ist, dass es dort, wie mittlerweile an den allermeisten Bahnhöfen, keine menschlichen Ticketverkäufer mehr gibt - die kosten schließlich Geld. Den Fahrkartenverkauf hat daher "vorübergehend", wie die Bahn in ihrer Einladung schreibt, Kollege Roboter übernommen, also ein Automat. Der mit Sicherheit höchsten technischen Anforderungen genügt - sich nur aber leider der Kundschaft offenbar nicht so recht verständlich machen kann.

Darum nun also die Einladung zur Schulung, die sich besonders an die älteren Grafinger richtet. Den Interessierten erläutert "ein Fachtrainer der DB Vertrieb, wie man einfach und schnell am Automaten Fahrkarten sowohl für die Busse und Bahnen im MVV als auch für die bundesweiten und internationalen Züge lösen kann."

Nun könnten kritische oder gar mäkelige Naturen den Einwand vorbringen, dass es eigentlich doch eine Unverschämtheit sei, Verkaufsautomaten aufzustellen, die nur durch vorherige Einweisung durch fachkundiges Personal zu bedienen sind. Das kann man durchaus so sehen - muss es aber nicht. Denn gerade durch ihre unmöglich auf Anhieb zu kapierenden Automaten leistet die Bahn einen nicht zu unterschätzenden Beitrag zur geistigen Gesundheit bis ins hohe Alter. Wer im Oberstübchen rege bleiben will, muss es auch anstrengen - mit ein bisschen Kreuzworträtsel ist es da längst nicht mehr getan.

Warum also nicht Sitar spielen, alle Flüsse der Welt auswendig lernen - oder eben, für eher technisch Interessierte, sich ein komplexes technisches Gerät gefügig machen. Einen Ticketautomaten zum Beispiel. Und als Bonus für alle, die gut aufgepasst haben, gibt es dazu am Ende vielleicht sogar noch eine Fahrkarte - damit man weiß, wofür man gelernt hat.

Die Schulung am Fahrkartenautomaten am Grafinger Stadtbahnhof findet am Mittwoch, 14. Juni, um 14 Uhr statt. Anmeldung bis zum 8. Juni beim Vorsitzenden des Seniorenbeirats Josef Koller unter der Telefonnummer (08092) 4133 oder per E-Mail seniorenbeirat@koller-grafing.de.