Mit Megaphon und Trommel Demo für humane Asylpolitik

Unterstützung aus München: Jana Weidhaase vom Bayerischen Flüchtlingsrat (am Lautsprecher) ist eine der Wortführerinen der Kundgebung vor dem Schweiger Brauhaus.

(Foto: Christian Endt, Fotografie & Lic)

Knapp hundert Menschen protestieren am Rande einer Wahlkampfveranstaltung gegen die Asylpolitik von Markus Söder in Markt Schwaben. Es geht friedlich zu - aber emotional und laut.

Reportage von Korbinian Eisenberger, Markt Schwaben

Zwei Buben mit Cityrollern, beide zehn Jahre alt, einer hat ein Käppie auf, der andere einen Hut. Sie wollten ins Bierzelt. "Zum Söder", sagt einer. Dann kam etwas dazwischen. Die Buben sind auf dem Bürgersteig stehen geblieben und schauen über die Straße, rüber zu den Menschen mit den Plakaten. Zwischen den Buben und den Demonstranten liegen zehn Meter. "Abschiebestopp, Abschiebestopp" tönt es durch den Motorenlärm der Autos. "Keine Menschen in Lager einsperren", steht auf einem Banner. Gut 20 Minuten stehen die Buben so da, sagen lange nichts, schauen und hören zu. Dann sagt der eine: "Möchten sie die wegschieben?" Sein Spezl sagt: "Die Armen."

Ein kleiner Moment, der diesen Abend in Markt Schwaben gut beschreibt: Zwei Buben, die mit CSU-Autogrammkarten gekommen sind, innehalten und die Gedanken sortieren, bevor sie ins Zelt gehen. Es ist kurz vor 19 Uhr, in wenigen Minuten wird Bayerns Ministerpräsident Markus Söder von der CSU im schwarzen SUV vorgefahren. Im Zelt wird er für seine Asylpolitik werben, die Menschen werden ihm auf seiner Wahlkampfveranstaltung zujubeln. So wie anderswo auch. An den Biertischen warten 1700 Gäste auf eine Inszenierung. Das ungeschminkte Leben spielt sich hingegen draußen ab, auf und neben der Straße. Dort, wo an diesem Abend Söder-Fans und Söder-Gegner aufeinander treffen.

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Es sind turbulente Zeiten im politischen Bayern. Weil im Oktober Landtagswahlen anstehen - und weil Markus Söder mit seinem Kurs polarisiert wie lange kein Ministerpräsident mehr. Das merkt man den Stunden vor seinem Auftritt in Markt Schwaben an. Knapp hundert Demonstranten ziehen am frühen Abend unter Polizeigeleit mit Plakaten und Trommeln durch den Ort. Ihr Ziel ist das Bierzelt der Markt Schwabener Brauerei Schweiger, wo Söder für seine umstrittene Politik werben wird: den Kreuzerlass, das neue Polizeigesetz und seinen Asylplan - das Kernthema im Zelt und bei den Demonstranten.

Die Demonstranten kritisieren vor allem die Asylpolitik der CSU - neben diversen anderen Themen.

(Foto: Christian Endt, Fotografie & Lic)

"Warum stellen Sie sich nicht den Flüchtlingen und hören sich an, was die zu sagen haben"

Auf der Demo geht es friedlich zu, aber laut. Ein Mann mit Bart hält einen Lautsprecher in der Hand. Der Markt Schwabener Tobias Vorburg hat die Demo mit seinen Kollegen vom Asylhelfer-Verein "Seite an Seite" initiiert. "Warum stellen Sie sich nicht den Flüchtlingen und hören sich an, was die zu sagen haben", ruft Vorburg Richtung Bierzelt. Dann spricht einer, der selbst geflohen ist. Mohamad Ghaleb Al Alwani aus Syrien hat eine Botschaft. "Deutschland verdanken wir unser Leben", sagt der 33-Jährige. "Wenn Sie aber so anfangen, wie sollen wir unter solchen Bedingungen die Sprache lernen und uns integrieren?" Al Alwani floh 2015 nach Deutschland, er hat ein dauerhaftes Bleiberecht, wohnt und arbeitet seit zweieinhalb Jahren in Markt Schwaben.

Ihn dürfte eine Verschärfung des Asylrechts kaum mehr betreffen. Al Alwani und den anderen Demonstranten geht es um Menschen, die zukünftig in Bayern Schutz suchen. Das sieht man an den durchgestrichenen Ankern auf ihren Plakaten. Viele, die hier stehen, sind in Asylhelferkreisen engagiert oder haben selbst zeitweise in Turn- oder Traglufthallen gewohnt. Söder plant nun in jedem der sieben bayerischen Bezirke ein Lager, wo bis zu 1500 Menschen untergebracht werden - sogenannte Anker-Zentren (Ankunft, Entscheidung, kommunale Verteilung bzw. Rückführung). "Solche Unterkünfte sind menschenunwürdig", ruft eine Frau ; Jana Weidhaase ist für den Bayerischen Flüchtlingsrat aus München nach Markt Schwaben gekommen. Sie steht neben einer Vertreterin der evangelischen Kirche. Ein anderer Demonstrant hat ein Holzkreuz dabei, so schwer, dass es wohl keine Wand der Welt halten könnte.

Beim Einmarsch ins Bierzelt am Montagabend hat Ministerpräsident Markus Söder die Fans auf seiner Seite.

(Foto: Christian Endt, Fotografie & Lic)

Es wäre ein ungestörtes Schaulaufen der Christsozialen geworden. So kommt es zwischen Bierzelt und Bürgersteig zu Spannungen. "Schleichts euch", ruft ein Mann mit Trachtenhut und Lederhose den Demonstranten zu. Ein anderer beschwert sich bei den Polizisten über den Lärm. Eine Frau hält einen Söder-Flyer aus dem Autofenster, es fallen Begriffe aus dem Tierreich. Zu Handgreiflichkeiten, wie beim Besuch Edmund Stoibers 1995 in Grafing, kommt es nicht, auch weil viele in friedlicher Absicht da sind. Einige Passanten halten an, wippen im Takt der Trommel oder klatschen zaghaft mit. Wieder andere bleiben nur stehen. Wie die zwei Buben mit den Cityrollern. Sie beobachten und hören.

Verstehen statt verurteilen. Manchmal lohnt es sich, das zu versuchen, auch wenn die anderen Seite noch so weit entfernt scheint. Die CSU führt als Argument für den neuen Asylkurs die Abschreckung auf. Nach dem Motto: Es wird sich schon rumsprechen, dass es in Bayern nicht mehr so gemütlich zugeht wie 2015. Willkommenskultur ade, wie der Franke sagen würde. "Wir müssen die Möglichkeiten nutzen, auch an der Grenze zurückzuweisen", wird Söder in seiner Rede später selbst erklären. Dass "Bayern ein tiefes Lebensgefühl" sei, und "die Nummer eins bleiben" solle - Stammtischparolen, die schon bei Franz Josef Strauß zündeten, und auch im Markt Schwabener Zelt Jubel auslösen.

Um 19.04 Uhr steigt Söder aus seinem Wagen aus. Die Buben haben jetzt ihre Cityroller eingeklappt und holen sich ein Autogramm von dem Mann, den sie sonst im Fernsehen sehen. Dann geht er im Trachtenanzug voran, gefolgt von der Ebersberger CSU-Kreisprominenz. Niemand im Bierzelt wird sich gleich beschweren, wenn Söder, der Franke, das oberbairische Wort "Dahoam" verhunzt, das ist jetzt schon abzusehen. Drinnen setzt die Markt Schwabener Marktkapelle zum Defiliermarsch an. Draußen, im Freien, tönt noch der dumpfe Klang der Trommel.

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