Markt Schwaben Erkennen, Reagieren, Heilen

Gerd Schulte-Körne (links) und Frank Schneider fordern mehr staatliche Mittel für die Forschung.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Bei den Markt Schwabener Sonntagsbegegnungen sprechen zwei Klinikdirektoren über psychische Erkrankungen

Von Max Nahrhaft, Markt Schwaben

Dass nicht alle Krankheiten und Leiden physischer Natur sind, darüber herrscht inzwischen ein gesellschaftlicher Konsens. Dennoch werden noch immer psychische Krankheiten als Stigma gesehen. Zu den Markt Schwabener Sonntagsbegegnungen trafen sich zwei Kenner ihres Fachs, die da ganz anderer Meinung sind: Gerd Schulte-Körne, Direktor der Münchner Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, und Frank Schneider, Direktor der Universitätsklinik in Aachen für Psychiatrie.

Über einen grundlegenden Punkt sind sich die beiden Professoren einig, nämlich, dass die Zahl der psychisch Erkrankten nicht zugenommen hat. Alleine zehn bis 20 Prozent der Kinder in Deutschland seien psychisch belastet oder sogar erkrankt, so Schulte-Körne. Allerdings sei ein verstärktes Bewusstsein für solche Krankheiten und Störungen entstanden. "Die Gesellschaft hat gelernt hinzuschauen", sagte Schulte-Körne. Damit geht einher, dass viele Krankheiten zwar chronisch auftreten, aber nicht ein Leben lang unheilbar bleiben. "Es gibt inzwischen viele effektive Therapiemöglichkeiten, und die Behandlungsnachfrage geht entsprechend in die Höhe", sagte Schneider. Dennoch scheuen sich immer noch viele Menschen, sich ein Problem einzugestehen und im nächsten Schritt professionelle Unterstützung aufzusuchen. Ein Grund dafür sei, dass die Patienten und deren Angehörigen ausgegrenzt oder stationäre Einrichtungen landläufig eher als "Klapsen" verkannt werden. "Viele Menschen haben diffuse Ängste, mit dem professionellen System in Kontakt zu kommen. Sie assoziieren mit Psychiatrien immer noch abgeschlossene Institute, an deren Tür man nicht nur das erkrankte Kind, sondern auch jegliche Kontrolle abgibt", sagte Schulte-Körne. Hier sei viel Aufklärung zu leisten.

Trotz der veränderten Wahrnehmung der psychischen Leiden in der Gesellschaft, klafft immer noch eine große Lücke in der Finanzierung von Behandlungsformen - womit in letzter Konsequenz auch das Wohl der Patienten gefährdet sein könne, wie die Fachleute sagten. Es sei nämlich sehr schwierig, staatliche Mittel für die Therapieforschung zu erhalten. Diese sei aber notwendig, um keine unwirksamen Methoden am Patienten anzuwenden. Die politischen Ministerien sähen sich nicht in der Pflicht, Kosten für Behandlungsleitlinien zu tragen, so die beiden Klinikdirektoren. Das führe dazu, dass viele Forschende auf das Geld aus Stiftungen und Lehrstühlen angewiesen sind. "Diese Leitlinien wären so wichtig, um medizinischen Wildwuchs einzudämmen und Verbindlichkeiten zu schaffen, auf deren Grundlage die Krankenkassen bestimmte Maßnahmen finanzieren", sagte Schneider.

Gerade in der Kinder- und Jugendpsychiatrie ist es zunächst einmal wichtig, die Erkrankung überhaupt zu erkennen. Hier spielen besonders die Lehrer eine wichtige Rolle, da sie im schulischen Alltag solche Störungen bemerken können und häufig die ersten Ansprechpartner für die Kinder sind. "Wir wollen die Lehrer nicht zu Psychotherapeuten machen, aber wir sollten sie in jenen Bereichen stärken, in denen sie schon jetzt aktiv sind", sagte Schulte-Körne. Dazu sei aber eine veränderte Lehrerausbildung von Nöten, um sie auch als pädagogische Fachkräfte zu professionalisieren.

Eine neue Gruppe an Hilfsbedürftigen sind die minderjährigen Flüchtlinge, die ohne Verwandte in Deutschland angekommen sind. "Das große Problem ist, dass wir Geflüchtete nur in Notfällen behandeln dürfen. Wenn die betroffene Person nun aber schon seit einem Jahr an einer psychischen Erkrankung leidet, dürfen wir nichts tun", so Schneider. Hinzu kommt die sprachliche Barriere: Viele Krankheiten, wie zum Beispiel posttraumatische Belastungsstörungen, seien nichts Unheilbares, doch es würden schlichtweg keine finanziellen Mittel für ausreichend Übersetzer zur Verfügung gestellt. "Was da gerade passiert, läuft richtig schlecht", kommentierte Schulte-Körne.