Lautstark gegen Flächenfraß Mit Trillerpfeifen für den Tunnel

Die Gegner der Kirchseeoner Südumfahrung machen ihrem Ärger Luft. Rund 150 demonstrierten am Samstag vor der Obersten Baubehörde in München

Von Bastian Hosan

Mit Trillerpfeifen und Transparenten waren die Südumfahrungsgegner aus Kirchseeon im März 2013 vor die Oberste Baubehörde in München gezogen.

(Foto: Robert Haas)

"Wir wollen unsere Kinder schützen", rufen die Demonstranten. Oder: "Die Straße frisst viel zu viel Land." Mit Vuvuzelas, Trillerpfeifen und mit lauten Parolen machen sie ihrer Wut Luft. Um ein Zeichen gegen die geplante weiträumige Südumfahrung in Kirchseeon zu setzen, sind Einwohner des Ortes sowie Bürger aus betroffenen Nachbargemeinden am Samstag in München auf die Straße gegangen und haben mächtig Krach gemacht. Mit zehn Traktoren zogen die rund 150 Protestierer vom Isartor zur Obersten Baubehörde. "Vor dreißig Jahren wurde diese Straße schon abgelehnt", erklärt Andreas Scherer, Vorsitzender des Vereins zum Schutz des Kirchseeoner Südens, der die Demonstration initiiert hat. "Was soll sich in dieser Zeit geändert haben? Das Grundwasser fließt ja immer noch in dieselbe Richtung, oder?"

Darum geht es den Demonstranten: Sie wollen für den Schutz ihrer Natur eintreten. Sie gehen dafür auf die Straße, weil sie wollen, dass ihre Stimmen gehört werden. "Die Mehrheit der Bürger will diese Straße nicht. Das wurde ja schon beim Bürgerbegehren deutlich", sagt Scherer. So seien 54 Prozent der Kirchseeoner gegen den Bau der geplanten Straße gewesen. "Von einer Mehrheit für die Straße kann da keine Rede sein."

Zur Erinnerung: Weil sowohl das Ratsbegehren der Marktgemeinde als auch das Bürgerbegehren zum Schutz des Kirchseeoner Südens mehrheitlich angenommen wurden, war im Juli 2012 die Stichfrage entscheidend gewesen. Darin sprachen sich 50,44 Prozent der Wähler für eine Umgehung im Süden aus und 49,56 Prozent dagegen. 40 Stimmen machten den Unterschied.

Auch mehr als ein halbes Jahr danach ist bei den Gegnern der Südumfahrung die Angst geblieben, dass die geplante Umgehungsstraße ihnen ihre letzten Naturreservate nimmt. Deshalb diese Demonstration, die vorwiegend bereits gehörte Argumente wieder in Erinnerung ruft. "In Kirchseeon steht Bayerns größter Altlastenfall", erklärt Scherer. "Daher ist unser Trinkwasser im Ort für die nächsten Jahre verseucht." Mit dem Altlastenfall meint Scherer das ehemalige Bahnschwellengelände, wo auf etwa 20 Hektar Fläche im Herzen Kirchseeons giftige Substanzen wie Teeröl und Schwermetalle im Erdboden lagern. Und die geplante Umfahrung solle nun genau durch ein Trinkwasserschutzgebiet gebaut werden, erklärt der Vereinsvorsitzende. "Bei einem Unfall wäre auch das letzte Kirchseeoner Trinkwasser verseucht." Genau diese Angst machen die Demonstranten auf ihren Plakaten deutlich. Mit Sprüchen wie: "Schützt unsere Natur", "Stoppt den Landfraß" oder "Hände weg vom Trinkwasser".

Und auch die Politik des Rosenheimer Straßenbauamtes, dessen Arbeit der Verein schon häufiger kritisiert hatte, wollen sich die Kirchseeoner Demonstranten nicht länger bieten lassen. "Die sagen, die Südumfahrung sei die einzige Möglichkeit", sagt Demonstrantin Yvonne Köcknitz. "Wir fordern aber einen Tunnel, um unsere Natur zu schützen." Ihre Argumentation: Für den Bau des Tunnels aufgenommene Schulden könne man abbezahlen, der Schaden an der Natur sei irreparabel.

Mit ihrer Demonstration wollen die Protestierer aber nicht nur ein Zeichen gegen die Politik des Straßenbauamtes in Rosenheim setzen. Sie wollen auch im Bundesverkehrsministerium gehört werden. "Das Verkehrsministerium sagt, dass Straßen nur gebaut würden, wenn sich in der Bevölkerung eine Mehrheit findet", ruft der Vorsitzende des Vereins zum Schutz des Kirchseeoner Südens vom Anhänger des Traktors aus, mit dem er durch die Straßen von München fährt. Und genau daran müsse es sich jetzt auch in Kirchseeon halten, hallt es laut aus dem Megafon.

Die Parolen bei dem Protestmarsch sind einfach, aber eingängig - und alle schreien sie an diesem Samstag mit: "Wir sind das Volk, nicht der Olk." Claus-Peter Olk ist der Leiter des Rosenheimer Straßenbauamts. Die Gegner der Südumfahrung mögen ihn nicht besonders, weil er von der im Gemeinderat beschlossenen Kompromisslösung offenbar nichts wissen wollte und den B 304-Tunnel nicht als Alternativlösung melden wollte, wie Olk im August der SZ erklärt hatte. Inzwischen hat der Ministerrat zwar entschieden, dass der Freistaat beide Projekte für den Bundesverkehrswegeplan 2015 nach Berlin anmelden wird - doch für die Gegner der Kirchseeoner Südumfahrung ist dieser Beschluss immer noch zu wenig.

Sie werden nicht aufhören, gegen die Umgehungsstraße zu kämpfen, machen die Gegner bei ihrem Protestmarsch in München immer wieder deutlich. Vor der Obersten Baubehörde stoppen sie ihren Zug. Dort, vor dem Adressat ihrer Demonstration, wiederholen sie noch einmal ihre Forderungen. "Es muss die beste, nicht die günstigste Lösung umgesetzt werden", betont Andreas Scherer. Für ihn ist das ganz klar der B 304-Tunnel.