Landkreis Ebersberg Zugreise aus Verona endet mitten im bayerischen Wald

Wenige Meter vor dem umgestürzten Baum kommt der Eurocity zum Stehen.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Ein umgestürzter Baum zwischen München und Rosenheim zwingt einen Eurocity und einen Meridian zum Halt - und löst massive Beeinträchtigungen im Bahnverkehr aus.

Von Korbinian Eisenberger

Es war um kurz nach 14 Uhr, als der Stamm fiel. Der Zug mit der Nummer EC 88 war da gerade auf der Strecke. Wahrscheinlich, so teilt ein Bahnsprecher später mit, nur knapp von der Stelle entfernt, an der jetzt ein Baum auf dem Gleis liegt. Der Lokführer musste eine Vollbremsung hingelegen. Sein Zug, ein Eurocity aus Italien, kam zehn Meter vor dem Stamm zum Stehen.

Donnerstagnachmittag, 16.30 Uhr, die Sonne scheint über Oberbayern. Auf der Bahnstrecke in Elkofen liegt ein 30 Meter langer Stamm quer auf dem Gleis, wenige Meter vor der Zugspitze eines Eurocitys. 200 Meter unterhalb der Unfallstelle, am Fuße eines Abhangs, stehen Einsatzwagen der Feuerwehr, unter anderem aus Aßling und Nettelkofen. Drinnen im Zug sitzen 250 Passagiere, unter ihnen eine schwangere Frau. Der Zug kam aus Verona, die meisten Fahrgäste wollten nach München, doch ihre Reise endet in einem Waldstück mitten im Landkreis Ebersberg.

Der Grund: An einem Steilhang neben der Bahnstrecke lösen sich die Wurzeln eines Baums aus dem feuchten Untergrund, sodass der tonnenschwere Baum nach unten kracht. Er fällt auf die Oberleitungen und bleibt auf den Schienen liegen. "Es gab zum Glück keine Verletzten", teilt ein Sprecher der Deutschen Bahn am späten Nachmittag mit. Die Strecke muss gesperrt werden, der Strom wird gekappt. Zur gleichen Zeit ist in der Gegenrichtung ein Meridian aus München kommend in Richtung Rosenheim unterwegs und muss ebenfalls stehen bleiben.

Es ist etwas mehr als ein Jahr her, als ganz in der Nähe, im 40 Kilometer entfernten Bad Aibling (Landkreis Rosenheim), zwei Züge zusammenstießen und Menschen starben, menschliches Versagen war damals die Ursache. Diesmal hatte die Natur die Finger im Spiel und es ging glimpflich aus.

Während die Feuerwehr in Grafing beginnt, den Meridian zu evakuieren, sitzen die 250 Passagiere des Eurocity an der Henneleiten bei Aßling im Zug fest. Mehrere Dutzend Feuerwehrmänner klettern über Leitern einen steilen und rutschigen Hang hinauf, um das Gleis zu erreichen. "Vor kurzem wurde hier ausgeschnitten, deswegen wachsen die Bäume hier nur zu einer Seite aus", sagt ein Feuerwehrmann aus Nettelkofen. Die Äste des Baums, der umfiel, standen nur zur Sonnenseite heraus - also in Richtung Gleis. "Durch den Regen der vergangenen Wochen war der Boden zudem aufgeweicht", sagt Einsatzleiter Markus Lobinger von der Feuerwehr Aßling.

Die Unglücksstelle ist nur schwer zugänglich.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Das Problem: Durch die beschädigten Oberleitungen ist die Energieversorgung gekappt, der Eurocity aus Verona und der Meridian aus München können weder vor noch zurück. In Grafing fängt die Feuerwehr mit der Evakuierung des Meridians an, was "ziemlich kompliziert ist, weil das Gebiet dort schlecht zugänglich ist", wie ein Sprecher des Unternehmens mitteilt. 60 Passagiere werden aus dem Zug herausgeholt, ehe eine Diesellok den Zug zurück nach Grafing Bahnhof zieht, wo die restlichen etwa 140 Passagiere aussteigen können. An der Unfallstelle dauert es, ehe dort Feuerwehren eintreffen. Am späten Nachmittag liegt der Baum nach wie vor unverändert auf der Strecke. Gegen 16.45 Uhr stapfen vier Nettelkofener Feuerwehrler mit Motorsägen zur Unfallstelle und beginnen ihn zu zerlegen, während die Passagiere nach wie vor im Zug gefangen sind.

Die Presse soll nach 15 Minuten die Unfallstelle wieder verlassen, weil die Gefahr bestehe, dass ein weiterer Baum umstürze, heißt es vom Einsatzleiter. Um kurz nach 17 Uhr rollt auch hier eine Diesellok an und zieht den Zug mit allen 250 Passagieren zurück nach Aßling. Dort warten am Bahnhof fünf Busse, sie werden die Fahrgäste am Abend nach München bringen, wo der Zug hätte enden sollen.

Die Zugstrecke zwischen München und Rosenheim bleibt bis in die Nacht gesperrt, ob dort am Freitag wieder gefahren werden kann, bleibt am Abend unklar. Ein spezieller Triebwagen soll den Baum von den Oberleitungen hieven. Erst wenn die Strecke wieder frei ist, könne geklärt werden, wie stark die Leitungen beschädigt sind. Die Bahn reagiert schnell - Züge, die ansonsten von München Hauptbahnhof über den Ostbahnhof, Grafing und Aßling nach Rosenheim fahren, werden über Holzkirchen umgeleitet. Ab Bahnhof Rosenheim, so die Bahn, fahren die Züge wieder im Normalbetrieb Richtung Salzburg und Italien. Am Ende dieses Tages sind etwa 450 Zugpassagiere mit dem Schrecken davon gekommen, und die meisten von ihnen auf Umwegen doch noch ans Ziel.

Zug gegen Zug

Am Morgen des 9. Februar führt ein fataler Fehler zu einem Zugunfall nahe Bad Aibling mit zwölf Toten und 89 Verletzten. Chronologie eines vermeidbaren Unglücks. mehr...