Landgericht München II Stiefvater soll Mädchen zehn Jahre lang sexuell missbraucht haben

  • Mindestens 1203 Mal soll ein 55-Jähriger seine damals neunjährige Stieftochter über Jahre hinweg missbraucht haben. Während der Ermittlungen ging die Staatsanwaltschaft von 2500 sexuellen Übergriffen aus.
  • Der Angeklagte weist zu Prozessbeginn vor dem Landgericht München II die Vorwürfe von sich, will sich aber sonst "zur Sache nicht äußern".
  • Der Prozess dauert an.
Von Andreas Salch

Über einen Zeitraum von zehn Jahren soll ein Lkw-Fahrer aus dem südlichen Landkreis Ebersberg seine inzwischen 25-jährige Stieftochter sexuell missbraucht haben. Die Staatsanwaltschaft am Landgericht München II geht von insgesamt 1203 Fällen aus. Der 55-jährige Angeklagte muss sich seit Dienstag vor der 1. Jugendkammer verantworten. Denn das mutmaßliche Opfer war erst neun Jahre alt, als es der Lkw-Fahrer erstmals missbraucht haben soll.

Der 55-Jährige ließ zu Beginn des Prozesses über seinen Verteidiger, Rechtsanwalt Claus Pinkerneil, erklären, dass er sich "zur Sache nicht äußern" werde. Außerdem, so der Anwalt, bestreite der Angeklagte die Vorwürfe.

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Bei der Zahl der Übergriffe, von der die Staatsanwaltschaft in ihrer Anklage ausgeht, handelt es sich um einen "Schätzwert". Wie oft sich der Lkw-Fahrer an seiner Stieftochter vergangen haben soll, ist nicht sicher. Wie die Vertreterin der Staatsanwaltschaft zum Auftakt erklärte, sei während der Ermittlungen sogar von 2500 sexuellen Übergriffen ausgegangen worden. Zugunsten des Angeklagten habe man jedoch einen "Sicherheitsabschlag" vorgenommen.

Dieses Vorgehen kritisierte der Anwalt des 55-Jährigen vor Verlesung der Anklage massiv. Die Taten, die seinem Mandanten zur Last gelegt werden, würden nicht "hinreichend konkretisiert". Die vorliegende Anklageschrift biete "keine tragfähige Grundlage für ein faires Verfahren". Nach einer geheimen Beratung wies die Kammer unter Vorsitz von Richterin Regina Holstein die Kritik des Verteidigers zurück. Die Anklageschrift entspreche "den gesetzlichen Voraussetzungen", lautet die Entscheidung.

Die Stieftochter des Angeklagten tritt in dem Verfahren als Nebenklägerin auf. Sie sitzt mit im Sitzungssaal. Der Lkw-Fahrer blickte kein einziges Mal zu der 25-Jährigen. Während der Verlesung der Anklage zeigte der 55-Jährige keinerlei Regung. Seine Stieftochter atmete schwer, als die ungeheuerlichen Vorwürfe aus der Anklage von der Vertreterin der Staatsanwaltschaft vorgetragen wurden. Warum sie sich weder ihrer Mutter noch einem anderen Menschen anvertraute und von den mutmaßlichen sexuellen Übergriffen durch ihren Stiefvater etwas erzählt hat, blieb zum Auftakt der Verhandlung unklar.

2002 hatte der Lkw-Fahrer die Mutter des damals knapp neun Jahren alten Mädchens kennengelernt. Die Beziehung hielt bis zum Sommer 2011. Das Paar lebte zunächst in Sachsen-Anhalt, wo es bereits zu Missbräuchen an dem Mädchen gekommen sein soll. 2008 zog die Frau, die als Verkäuferin arbeitete, in den Landkreis Ebersberg. Ihr Partner folgte ihr kurze Zeit später. Zu den mutmaßlichen sexuellen Übergriffen soll es im Lkw des Angeklagten gekommen sein, beziehungsweise bei Fahrten in dessen Auto oder in den Wohnungen, in denen er im Laufe der Jahre mit seiner Partnerin im Landkreis Ebersberg wohnte. Laut Anklage soll der Lkw-Fahrer seine Stieftochter, als sie 14 war, mitunter täglich sexuell missbraucht haben.

Der Lkw-Fahrer hat drei Kinder mit drei verschiedenen Frauen. Das jüngste ist zwei Jahre alt. Seine Mutter saß zum Prozessauftakt im Sitzungssaal. Der 55-Jährige und die Frau, die etwa Anfang vierzig ist, lächelten sich in den Verhandlungspausen immer wieder an. Der Prozess wird fortgesetzt.

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