Kulturkarriere Von ganzem Herzen Jazz

Enji hat neben ihrem Talent auch jede Menge Energie - gesehen beim Ebersberger Jazzfestival 2017.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Die Sängerin Enji war Studentin von Martin Zenker in Ulan Bator. Nun macht sie ihren Master - in München

Von Alexandra Leuthner, Ebersberg

Außer Michael Bublé hätten die Mongolen kaum jemanden aus dem Jazzbereich gekannt, hat Martin Zenker in einem Interview gesagt, kurz bevor er sich in die Aufregungen des Ebersberger Jazzfestivals stürzte. Der Jazz-Bassist aus Kirchseeon meinte damit die Zeit, bevor er selbst ins das ferne Land kam. Enji muss lachen, wenn sie so etwas hört. Als Zenker 2014 begann, gemeinsam mit dem Goethe-Institut einen Fachbereich Jazz an der Musikhochschule in Ulan Bator aufzubauen, war sie eine seiner ersten Schülerinnen. Inzwischen hat sie ihr Studium dort beendet und sich um einen Master-Studienplatz in München beworben - mit Erfolg.

Und wer Enji gehört hat bei den Ebersberger Jazztagen, im Alten Kino oder beim gemeinsamen Auftritt mit den Kommilitonen von der mongolischen Nachwuchsband Jazz Train auf der Bühne neben dem Einkaufszentrum, der kann nicht umhin zu konstatieren: Wow, das ist eine, die wirklich etwas drauf hat! Auch wenn sie den Studienplatz in Ulan Bator damals mit einem Pop-Song von Beyoncé ergattert hat, den sie Martin Zenker vorsang. Warum sie denn nun ausgerechnet Jazz studieren wolle, habe er sie gefragt - und sie angenommen, obwohl sie um eine Antwort verlegen war. Inzwischen weiß sie genau, warum: "Schon nach ein paar Monaten habe ich angefangen, den Jazz zu lieben."

Was Enji nicht wusste, als sie im Herbst in Ebersberg ankam, um beim Jazzfestival zu singen und um sich die Hochschule, ihre neue Wohnung und überhaupt München anzusehen, war, wo ihr Koffer abgeblieben war. "Er muss noch in Moskau liegen", erklärt sie händeringend, als sie gemeinsam mit ihren Freundinnen Arju und Jojo gerade von der Open-Air-Bühne beim Einkaufszentrum steigt und sich erst mal eine Flasche Wasser holt - Sangeskehlen wollen gut geschmiert sein. Vor allem die von Jazzerinnen: "Eine Jazzstimme ist ein Instrument." Jedenfalls war Enjis Koffer weg, als sie in München landete, mit all ihren Sachen. Sie musste sich Kleider von den Freundinnen leihen - mit denen sie weiterhin Musik machen will, auch wenn die Distanz groß ist zwischen München und der Mongolei. Und dann war da noch die Sache mit dem Visum. Mongolische Auslandsvisa zu bekommen, sei eine langwierige Angelegenheit, erzählt sie. Die Zeit seit ihrer bestandenen Aufnahmeprüfung an der Münchner Musikhochschule im Juni habe nicht gereicht, um alle Unterlagen herbeizuschaffen. Also musste die Mongolin nach den Ebersberger Jazz-Tagen noch einmal zurück in die Heimat.

Die Hin- und Herreiserei ist für die 26-Jährige nichts Neues. Einmal war sie schon hier, um eine CD aufzunehmen, in der mongolischer Gesang mit Jazz-Elementen verbunden ist. Begleitet wurden die Aufnahmen von Jazz-Saxofonist Johannes Enders und Schlagzeuger Billy Hart. 18 Tage war die Sängerin überdies in Deutschland unterwegs, um bei verschiedenen Konzerten aufzutreten. Und jetzt der Studienplatz in München, eine eigene Studentenwohnung mitten in der Stadt - vorläufig zumindest. Der Musikstudent, der dort eigentlich wohnt, ein Pianist, geht für ein Jahr nach Graz. "Und das Beste: Ich hab' nur fünf Minuten zur Schule und nur zwei Minuten zu Fuß zur Unterfahrt." Eine Jazzerin misst eben in anderen Kategorien. Als es darum ging, für den Master nach Deutschland zu kommen, habe sie im Internet gesucht, in welcher Stadt eine ordentliche Jazz-Szene zu finden ist. Da sei sie auf die Unterfahrt in München gestoßen, erzählt sie und lacht auf ein unnachahmlich ansteckende Art, die vor Spannung, vor Begeisterung, vor Lebensfreude vibriert.

Genauso ist es, sie auf der Bühne zu hören. Enji, Jojo und Arjus raue, warme Stimmen, die jede für sich ein ganz eigenes Timbre hat, erfüllen den Raum mit purer Energie. Enji-Sisters nennen sich die drei jungen Frauen, und ihre swingende Version des jiddischen Klassikers "Bei mir bist du scheen" ringt auch noch dem müdesten Rentner, der auf dem Weg zur Apotheke an der Arena-Bühne vorbeikommt, ein Lächeln ab. Wer sich die Zeit nimmt, um für ein paar Stücke zu bleiben, dem fahren die Töne in die Glieder. "Ich habe immer schon gerne gesungen", erzählt Enji, die eigentlich Enkhjargal Erkhembayar heißt, wobei der Vorname für Frieden und Freude steht, der Nachname sogar "besondere Freude" bedeutet - und wie gemacht zu sein scheint für die junge Frau.

Besondere Freude mache ihr Talent ihren Eltern, erzählt Enji. Sie sei die einzige Musikerin in der Familie, die Eltern betreiben seit Jahrzehnten in Ulan Bator eine Werkstatt für Strom und Heizungsbau. Sie hätten allerdings auch mit Enjis vorherigem Beruf kein Problem gehabt: Nach dem Abitur hatte sie zunächst eine Ausbildung zur Lehrerin gemacht, vier Jahre als Musiklehrerin gearbeitet - was sie auch wieder tun will, wenn sie ihr Studium hier beendet hat: als Lehrerin für Jazzgesang in die Mongolei zurückkehren.

Erst einmal aber geht es für sie um Dinge wie Harmonielehre, Gehörbildung und Arrangement, Deutschunterricht hat sie auch, obwohl sie sich nach zweieinhalb Jahren Unterricht bei den Dozenten vom Goethe-Institut unwahrscheinlich gut in der für sie so fremden Sprache ausdrücken kann. Wie gut, kann man erst ermessen, wenn man versucht, ihren mongolischen Namen richtig auszusprechen - und sich dabei schier die Zunge bricht. Deutsch werde zwar an mongolischen Schulen auch unterrichtet, erzählt sie, in erster Linie aber Englisch, auch Russisch und Koreanisch. Und dann, erklärt sie lachend, müsse sie hier ja auch Bairisch sprechen. Ein paar Worte habe sie bereits gelernt, sagt sie, konzentriert sich und setzte sich aufrecht hin, als würde sie zu einer schwierigen Singübung ansetzen. "I bin de Enji und do bin i dahoam." Klingt gar nicht so übel. Ein bisschen bayerische Volksmusik habe sie sich auch schon angehört, nur leider kein Wort verstanden. "Aber wenn ich Zeit habe, dann will ich das unbedingt probieren."

In ihrem neuen Leben in München ist Enji knapp 6600 Kilometer Luftlinie von ihrer Heimatstadt entfernt, von ihren Eltern, ihren Freunden, den Mitstudenten. Aber den Jazz, den sie dank Martin Zenker kennenlernen durfte, den hat sie in ihrem Herzen immer dabei. Die bayerische Landeshauptstadt, sagt die Mongolin, sei "so schön unmodern", aber das Schönste daran, das sei die Unterfahrt. Der Jazzclub, in dem man Enji mit Sicherheit schon bald hören wird.