Kritik Hans Klaffl zieht in Ebersberg neue Saiten auf

"Irgendwas hamm wir komplett überseh'n. Ich fürcht, irgendwann müssen wir dafür g'rade steh'n": Hans Klaffl am Samstagabend bei der Premiere seines neuen Programms im Alten Kino in Ebersberg.

(Foto: Christian Endt, Fotografie & Lic)

Bei der Premiere im Alten Kino nimmt Hans Klaffl Lehrer, Eltern und das Bildungssystem aufs Korn. Das neue Programm des Ebersbergers ist politischer als bisher.

Von Korbinian Eisenberger, Ebersberg

Seine Stimme erinnerte schon immer an Konstantin Wecker - der Sopran mit dem harten "R", die Melodie beim Sprechen, als wäre es ein Lied. Ansonsten konnte man den Musikkabarettisten Hans Klaffl stets recht einfach vom berühmtesten Liedermacher Bayerns unterscheiden. Weil Klaffl die Leute zum Lachen bringt, und Wecker eher zum Grübeln. Nun ist hier ein Wandel passiert: Klaffl sitzt am Klavier und stimmt eine musikalische Dystopie an. Sie spielt im Jahr 2030, und die AfD ist an der Regierung. "War denn unser Geschichtsunterricht für gar nichts gut?"

Es ist nicht so, dass Hans Klaffl in seiner bisherigen Kabarett-Laufbahn als reiner Unterhaltungskünstler zu verstehen war. Sein neues Programm "Nachschlag! Eh ich es vergesse..." hat aber - fast Wecker-haft - den bisher stärksten politischen Anstrich. Das wird bei der Premiere am Samstagabend deutlich. Das Alte Kino ist ausverkauft, 160 Gäste sind gekommen zum Heimspiel des Ebersbergers in Ebersberg.

An den Tischen sitzen Menschen, die den 67-Jährigen seit Jahren kennen - auf und neben der Bühne. Klaffl lebt ja in Ebersberg, war jahrzehntelang Lehrer an mehreren Gymnasien. Eine frühere Kollegin erzählt, dass es im Lehrerzimmer einst die Regel gab: Klaffl durfte nicht neben seinem Spezl sitzen, "weil sie sich die zwei mit ihren Witzen immer so hochgeschaukelt haben", erzählt sie. Der Klaffl Hans, davon können hier viele berichten, war damals schon eine Gaudibrezn. Für keinen Witz verlegen, lange vor seiner Pensionierung. Das beweist er dann auch selbst.

Als Bub handelte er sich durch einen Witz über den Rektor einen Verweis ein

Es sind Geschichten wie diese, warum die Hütte bebt, wenn Klaffl kommt: Damals saß er selbst noch in der Schulbank, vorlaut wie er war. In einer Schule, dessen Direktor alle den "Zwergenkönig Laurin" nannten. Natürlich wurde das nur heimlich auf dem Schulhof thematisiert - aber nicht bei Klaffl: Unterricht im Klassenzimmer, da klappert die Tür. Alle fragen sich was das sein kann. Und der Hans in Reihe drei sagt: "Des is' wahrscheinlich der Chef, der springt nach der Türklinke." Im Lehrerzimmer hätten sie in der Pause gebrüllt vor Lachen, sagt Klaffl. Ähnlich geht es dem Publikum im Alten Kino. Für den kleinen Hans setzte es damals einen Verweis.

Für seinen Humor war Bayerns Schulsystem nie bekannt, eher für Leistung - und zuletzt für Tempo. In seinem vierten Programm nimmt Klaffl sich diese Entwicklung an Bayerns Schulen vor. Klaffl verwendet dafür das Gleichnis einer Autobahn, wo immer mehr von der rechten Fahrbahn auf die Überholspuren wechseln und so Verstopfungen auslösen. Die Konsequenz: Man reißt die rechte Spur weg und baut links eine neue. Bezogen auf Bildung heißt das bei Klaffl: "Irgendwann ist der Lehrstoff der Vorschule an der Uni angekommen", eine Kritik an der Verkürzung der Schul- und Studentenzeit in Bayern. Die Lehrpläne macht dann der Arbeitgeberverband, der Bachelor-Absolvent wird Tellerwäscher. "Das kommt raus, wenn die Bildung von der Wirtschaft diktiert wird."

Da bleibt den Ebersbergern das Lachen im Halse stecken. Spätestens jetzt wird die Botschaft des Werbe-Plakats vor dem Sprechpult deutlich. "Abitur für alle, die es sich leisten können. Juristische Hilfe ist erfolgreicher als Nachhilfe", steht da - bissige Satire, die nicht nur dem System gilt sondern auch jenen, die es fördern. Dazu zählen ja auch die sogenannten Helikopter-Eltern, mit dem Streben, ihre Kinder schon in jungen Jahren zu kleinen Alleskönnern zu formen. Deswegen noch der Hinweis: "www.helikopter.edu".

Klaffl wurde bei diesem Programm von Markus Bachmeier unterstützt, der Chef des Alten Kinos hat die Texte gewürzt und gekürzt. Herausgekommen sind etwas weniger Pointen als in Klaffls früheren Programmen, dafür bleibt eine größere Botschaft hängen, die er mit Kontrabass und Klavier vermittelt: Dass die Leute in diesem System nicht zwingend gescheiter werden.

Klaffl macht das auch an der Verhunzung der Sprache fest. Etwa in Modeläden: "Damen-BHs 50 Prozent reduziert" - ein interessanter Look. Es folgt die obligatorische Lehrer-Keule für die Presse: "Rückläufiger Bierkonsum", hat eine Münchner Zeitung offenbar einmal geschrieben. In einem andren Blatt las er: "Gute Piloten fallen nicht vom Himmel" - was fast schon wieder raffiniert ist. Dass er dem früheren Fußballer Lothar Matthäus einen mitgibt, ist verzichtbar, da stöhnt so mancher im Publikum. "Wäre, wäre, Fahrradkette", sagte Matthäus einst, ein alter Hut. Oder, wie Klaffl hinzufügt: "Richtig ausdrücken tun sich die meisten nur auf der Toilette."

Am Ende geht es passenderweise um braune Soße, und eine junge Partei. Keiner im Alten Kino denkt jetzt an Wecker, weil Klaffl die Leute mit Stimme und Klavier in seinen Bann zieht: "Irgendwas hamm wir komplett überseh'n. Ich fürcht, irgendwann müssen wir dafür g'rade steh'n."

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