Konzertkritik aus Ebersberg Voll aufladender Energie

Der Chor beeindruckt durch ausgesucht saubere Artikulation und vorzüglich dosierte Kontraste in der Lautstärke.

(Foto: Christian Endt)

Das Ensemble "Vox Nova" lotet in seinem Konzert über "Ubi caritas" den Dialog zwischen Himmel und Erde aus

Von Ulrich Pfaffenberger, Ebersberg

"Wo Güte ist und Liebe, da wohnt Gott. Christi Liebe hat uns geeint. Lasst uns frohlocken und jubeln in ihm!" Über Jahrhunderte hinweg haben diese Zeilen als Wechselgesang die Teilnehmer der Gründonnerstags-Liturgie auf den schmalen Pfad zwischen Abschied und Hoffnung begleitet. In der Antiphon "Ubi caritas", diese Deutung sei den Nicht-Theologen erlaubt, verdichtet sich der christliche Glaube über Konfessionsgrenzen hinweg. Musiker haben nicht zuletzt deshalb diese Botschaft seit vielen Generationen als tragfähiges Fundament für Kompositionen erkannt, die über den Tag hinausgehen und die Seele der Menschen tief berühren.

Ein Konzert, das sich "Ubi caritas" als Thema wählt und die verschiedenen Spielarten des Mottos aufgreift, unterwirft sich daher von vorneherein einem besonderen Anspruch. Es gilt darin, der Kraft des Geistes wie der Musik gerecht zu werden, die Zuhörer zu gewinnen und sie am Dialog zwischen Erde und Himmel teilhaben zu lassen. In Vox Nova war am Palmsonntag in der evangelischen Heilig-Geist-Kirche von Ebersberg ein Ensemble zu Gast, dem man eine solche Aufgabe getrost anvertrauen mag. Nicht nur wegen der dort versammelten gesanglichen Qualitäten, sondern auch - und erst recht - weil von diesem Münchner Chor stets mehr zu erwarten ist als Repertoire-Gesang.

Vier Mal griffen Vox Nova das Thema "Ubi caritas" auf, vier Mal gaben sie den verheißungsvollen Versen jenen Klang, der selbst in der Düsternis der Karwoche an das Überleben des Lichts glauben lässt. Sie wählten dabei ausschließlich Kompositionen der vergangenen hundert Jahre, zwischen die sie als Gegengewicht Motetten, Choräle und Gesänge von der Renaissance bis zur Gegenwart setzten. Wobei an diesem Programm nichts Inszeniertes oder Gekünsteltes war: Am Ende des Konzerts zurücklauschend erschienen Abfolge und Gewichtung in ihrer Dramaturgie und Wirkungskraft als rundum schlüssig. Wozu ausgesuchte Köstlichkeiten und Raritäten wie "In Monte Oliveti" und "Tristis est anima mea" von Jan Dismas Zelenka oder "O Domine Jesu Christe" und "Vere languores" von Tomás Luis de Victoria einen maßgeblichen Beitrag leisteten; ebenso die beiden Kleinodien "Timor et tremor" und "Vinea mea electa" von Francis Poulenc. Selten genug, dass man diese Werke in so hoher Qualität geboten bekommt. Noch seltener aber, dass man sie alle zusammen in einem Konzert erleben darf - und dabei nicht von überbordender Schönheit erstickt, sondern von aufladender Energie erfüllt wird.

Neben den Kompositionen des Franzosen Maurice Duruflé, des Norwegers Ola Gjeilo und des Japaners Ko Matsushita setzte das "Ubi caritas" des 1987 geborenen Polen Jakub Neske das Glanzlicht des Konzerts. Vom anwesenden Komponisten dirigiert, arbeitete der glänzend aufgelegte Chor mit intensiven Farben und einem feinen Gespür für die Poesie der Notenbilder. Seine geistreich und elegant vollzogene Emanzipation von kirchenmusikalischen Grundmustern mündete in ein mehrfach überraschendes "Amen", hatte aber zuvor schon mit der Leuchtkraft eines modernen Kirchenfensters die Vielschichtigkeit und Tiefe des Themas zum Strahlen gebracht. Da freut man sich schon jetzt darauf, diesen Gesang wieder zu hören.

Dazu kommt: Die immer wieder überraschend gute Akustik dieser Kirche, verbunden mit einer ausgesucht sauberen Artikulation der Sängerinnen und Sänger sowie vorzüglich dosierten Kontrasten in der Lautstärke, ergab ein raumfüllendes Klangerlebnis. In der Potenzierung der sinnlichen Impulse wandelt sich das Publikum von Zuhörenden zu Teilhabenden. Wer die Augen schloss, fühlte sich in einen Mantel schöner Stimmen und bewegender Gedanken gehüllt, die ultima ratio eines Chorkonzerts.

Bei solch hohem Niveau wäre Vox Nova gut beraten, eine Modeerscheinung der Chorwelt links liegen zu lassen: die Italienisierung der lateinischen Texte. Während Gymnasiasten landauf, landab die Aussprache des "c" als "k" eingetrichtert bekommen, lassen sich selbst Chöre, die es besser wissen müssten, neuerdings dazu hinreißen, "dultsche" zu singen oder "tschälo". Das mag schick und geschmeidig klingen, elegant und werktreu ist es nicht. Ein klarer Fall für die B-Note, an der sich sowieso immer die Geister scheiden. Die Zuhörer in Ebersberg, die das Gotteshaus reichlich füllten, honorierten den hochklassigen Auftritt jedenfalls mit begeistertem, lang anhaltenden Applaus und durften sich das berührend Opus von Jakub Neske als Zugabe ein zweites Mal gönnen.