Kirchseeon Erst mischen, dann wischen

Per Bluetooth bekommen die Kinder den Arbeitsauftrag an ihr iPad geschickt.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Wer in der 9c des Kirchseeoner Gymnasiums sitzen will, braucht sein eigenes Tablet. In der Chemie-Stunde ergießt sich dann schon mal ein Reagenzglas über dem Ipad.

Von Jan Schwenkenbecher, Kirchseeon

Der Wecker am iPad klingelt. Der Kohl ist gar, das Wasser ist lila. Die Kinder gießen es in drei Reagenzgläser. Zum ersten geben sie etwas Süßstoff hinzu, das Wasser wird blau. Zum zweiten Zitronensaft, das Wasser wird rot. Das dritte bleibt pur. Ein Junge trifft das Röhrchen nicht, der Sud läuft über sein Tablet. Mit dem Pullover-Ärmel korrigiert er das Malheur. "Macht mal ein schönes Foto", sagt Klassenlehrerin Karin Röber, die in der 9c Chemie unterrichtet. Nach und nach heben alle Kinder ihre iPads zwischen ihr Gesicht und die Reagenzgläser, fotografieren die bunten Ergebnisse. Die Bilder ziehen sie auf dem Gerät in eine Präsentation. Bei einem Jungen in der letzten Reihe klappt das nicht ganz, immer wieder verschwindet das per Touchpad markierte Bild.

Die 9c des Kirchseeoner Gymnasiums ist seit eineinhalb Jahren besser bekannt als die iPad-Klasse. Seit Beginn des Schuljahres 2015/16 muss jeder Schüler der Klasse sein eigenes Tablet mitbringen. BYOD - Bring your own Device. Wer noch kein iPad besaß, musste sich eins besorgen, zwischen 300 und 1300 Euro kosten die Geräte. In der 9c sei das für keinen ein Problem gewesen, sagt Röber. Bevor das Projekt startete, wurden Eltern und Schüler gefragt, ob sie Interesse hätten. In der Achten werden die Klassen ohnehin neu gemischt, 30 interessierte Schüler wurden zusammengewürfelt. Sie wussten, was kommt, die Eltern wussten, was es kosten würde.

Doch nicht überall dürfte das so glatt laufen wie in Kirchseeon. Bei der Frage, ob Tablets in Schulen Standard werden sollten, ist das Geld eines der Hauptprobleme. Nicht jede Familie hat im Budget Spielraum für ein iPad, nicht für jeden Schüler könnte der Staat ein Gerät bezahlen. Doch nicht nur die Kostenfrage drängt sich auf bei der Digitalisierung der Schulen: Was sind die Vor-, was sind die Nachteile? Überwiegen die Vorteile? Und die wichtigste: Was kann das iPad, was herkömmlicher Unterricht nicht kann?

Den Arbeitsauftrag für die heutige Doppelstunde haben die Schüler nicht auf einem Blatt Papier, sondern in einer Keynote-Präsentation erhalten. Röber hat sie per Bluetooth an die Klasse geschickt. Im normalen Chemie-Unterricht nutzt sie die Tablets eher selten, in der Chemie-Übung - wie heute - aber regelmäßig. Es geht um Säuren und Basen, um den Unterschied von Rotkohl und Blaukraut. Die Kinder lasen die Anweisung, dann stürmten sie los. Sammelten Bechergläser, Bunsenbrenner und Pipetten aus den Metallschränken, schnitten ein paar Kohlblätter klein, gaben sie in das Becherglas, stellten es auf ein Metalltischchen, schoben den Brenner darunter. Am iPad stellten sie den Wecker. Dann legten sie die Geräte wieder auf den Tisch.

Die Geräte haben keine Kindersicherung

Dass sie ihr Tablet dabei haben, dafür sind die Kinder selbst verantwortlich. Auch dafür, dass es aufgeladen ist, dass die nötigen Apps installiert sind und dass nichts Verbotenes darauf gespeichert ist. Eine Kindersicherung gibt es nicht. Den Internetzugang stellt die Schule, es gibt Wlan, und meist reicht auch die Bandbreite. Nur wenn alle gleichzeitig einen Film schauen, wird es schwierig. Sollten ein paar der von Bundesbildungsministerin Johanna Wanka für die Digitalisierung der Schulen angedachten fünf Milliarden Euro nach Kirchseeon fließen, man würde sich dort sicher nicht beklagen.

Der Zitronensaft sollte besser ins Reagenzglas als auf das Tablet.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Die Politik unterstützt Projekte wie das in der 9c voll und ganz, das zeigen nicht nur die fünf Milliarden. Die Enquete-Kommission der Bundesregierung "Internet und digitale Gesellschaft" schrieb 2011 in einem Bericht: "Jede Schülerin und jeder Schüler soll einen eigenen Laptop oder einen eigenen Tablet-PC bekommen." Und auch das Bayerische Kultusministerium befürwortet auf seiner Webseite explizit den BYOD-Ansatz. Doch jenseits der Politik ist die Digitalisierung von Schulen umstritten.

Etwa in der Wissenschaft. Einer, der sich auskennt, und gleichzeitig einer der größten Kritiker der Digitalisierung ist, ist Manfred Spitzer. Der Psychologe und Mediziner, Leiter der Psychiatrischen Universitätsklinik in Ulm, schrieb 2012 in seinem Bestseller "Digitale Demenz" zu iPads in Schulklassen: "Tatsächlich gibt es bis heute keine unabhängige Studie, die zweifelsfrei nachgewiesen hätte, dass Lernen alleine durch die Einführung von Computern und Bildschirmen in Klassenzimmern effektiver wird."

Nun ist 2012 schon eine Weile her, doch geändert scheint sich das auch bis heute nicht zu haben. Stefan Aufenanger, Professor für Medienpädagogik an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, beschreibt zwar in einem Sammelband verschiedener wissenschaftlicher Aufsätze zum Thema, den er Anfang des Jahres im Springer VS Verlag mit herausgab, den Erfolg von Tablets in Schule und Unterricht, gesteht allerdings ein, dass sich dieser "nicht immer in besseren Leistungen ausdrückt."

Klassenlehrerin Karin Röber gibt Anweisungen.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Spitzer ist sich sogar sicher, dass eine Digitalisierung der Schulen Kindern eher schadet denn nutzt. Dass Schüler keine Medienkompetenz aufbauen, sondern schlicht zocken und auf Facebook chatten. Dass Lernzeit verloren geht. Wenn nicht im Unterricht, dann später, zu Hause. Erst im Oktober hielt Spitzer dazu einen Vortrag im Alten Speicher in Ebersberg. Auch Karin Röber war an diesem Abend zu Gast, sie hörte Spitzer Sätze sagen wie diesen: "Wenn man das Smartphone an Schulen verbietet, werden die Schüler besser."

Oder auch diesen: "Wenn Sie eine Playstation verschenken, dann verschenken Sie schlechte Noten." Wegen solcher Aussagen werfen ihm Kritiker - wie neulich der Blogger und Journalist Sascha Lobo in der ARD-Talkshow Anne Will - immer wieder vor, mit seinen scharfen Formulierungen betreibe er lediglich Werbung für seine Bücher. Alle diese Aussagen, so populistisch Spitzer sie auch vorträgt, basieren jedoch auf wissenschaftlichen Studien.

Eine Reihe gescheiterter Projekte

Am Ende fotografieren die Kinder das Ergebnis.

(Foto: Karin Röber)

Der Forschung zum Trotz hält die Politik an der Digitalisierung fest. Vielleicht mit Blick ins Ausland, wo so manche Nation schon bedeutend weiter ist als die Deutschen. Bereits Mitte 2011 wurde gemeldet, Südkorea stelle bis 2014 alle Schulbücher auf E-Books um. 2012 begann die thailändische Regierung, Tablets an alle Erstklässler zu verteilen. Anfang 2013 waren hochrangige Vertreter von Apple in der Türkei, verhandelten mit der Regierung die Ausstattung aller Schulen mit iPads. Und ebenfalls 2013 begann die Stadt Los Angeles, iPads an alle Schüler auszugeben.

Aber alle Projekte scheiterten. Die südkoreanische Regierung beschloss nach eineinhalb Jahren, doch auch gedruckte Bücher zu behalten. Die thailändische Präsidentin wurde im Mai 2014 vom Verfassungsgericht ihres Amts enthoben, die Kinder mussten die Tablets zurückgeben, das Geld fließt künftig in den Ausbau von Schulen. Aus der Türkei hörte man nie wieder von den iPad-Plänen und das Projekt in Los Angeles wurde nach kurzer Zeit gestoppt, da es Probleme mit der Lernsoftware gab, viele Schulen kein ausreichend schnelles Wlan besaßen und die Schüler flott die Verschlüsselung geknackt und das iPad zum Surfen verwendet hatten.

Ein Gegenbeispiel gibt es jedoch, und zwar in den Niederlanden. Dort gibt es seit Herbst 2013 sogenannte Steve-Jobs-Schulen, wo alle Lehrer und Schüler mit iPads arbeiten. Bisher läuft das Projekt gut, die Schulen gibt es mittlerweile auch in Spanien und Südafrika. In diesen Schulen sind die iPads immer im Einsatz, in der Kirchseeoner 9c entscheiden die Lehrer, ob, wann und wie oft sie die Tablets nutzen. Die Technik soll den Unterricht lediglich ergänzen.

Auf einer Folie der Präsentation ist eine Grafik des "naturwissenschaftlichen Erkenntniswegs". Röber hat das Bild einfach in die Präsentation kopiert, sie musste das Schaubild nicht anmalen, es nicht ausdrucken. Die Kinder mussten es nicht abschreiben oder lange in den Unterlagen kramen. Das ist aber nicht immer so, eine Versuchsskizze in Chemie etwa müssten die Kinder immer noch selbst zeichnen, sagt Röber, um es zu lernen. "Zwar nicht jedes Mal, wie früher, sondern vielleicht nur noch ein Mal im Halbjahr."

Ob die Kinder der 9c nun einen Vorteil haben, weil sie Zeit sparen, die sie in die nächste Aufgabe investieren können, oder ob sie einen Nachteil haben, dadurch, dass sie den Erkenntnisweg nicht noch mal abschreiben müssen, ihn sich vielleicht weniger gut einprägen - diese Fragen kann Kirchseeon nicht beantworten. Vielleicht gleicht es sich einfach aus, vielleicht ist es auch egal. Eine wissenschaftliche Abhandlung darüber, ob Schüler mit iPad besser lernen oder nicht, einen Vergleich der Schulnoten etwa, gibt es nicht. Was allerdings abgefragt werden kann, ist die Meinung der Beteiligten.

Am Ende des Schuljahres findet in Kirchseeon eine Evaluation statt, in der Eltern, Schüler und Lehrer ihre Erfahrungen anhand eines Online-Fragebogens kundtun können. Die erste Bewertung, im Sommer vergangenen Jahres, fiel sehr heterogen aus, sagt Röber. Besser oder nicht besser? Stefan Mühlfenzl, Mitglied der Schulleitung, sagt dazu: "Wir müssen auch schauen, dass für keine der Schüler - iPad-Klasse, nicht iPad-Klasse - große Vor- oder Nachteile entstehen. Wir müssen alle Kinder zum Abitur bringen, das ist unsere Aufgabe."

Der Schüler in der letzten Reihe kämpft immer noch gegen die Technik und das stets verschwindende Bild. Röber eilt zu Hilfe. Sie selbst hat ihr iPad im Sommer 2015 gekauft, nur ein paar Wochen bevor das Projekt iPad-Klasse startete. Seit klar war, dass sie Klassenlehrerin in der iPad-Klasse wird. Vorher hatte sie nicht mal ein Smartphone. Jetzt aber kennt sie sich aus, mit zwei, drei Fingerwischern zieht sie das Bild an die richtige Stelle. Der Junge speichert ab und kann mit Hilfe der Präsentation für die nächste Klassenarbeit lernen.