Kirchseeon Mensch, Brüni!

Beim Kriegsrat am Wormser Hof muss Kriemhild (Michelle Evola, Mitte) ihre Ledigkeit verteidigen.

(Foto: Christian Endt)

Das Oberstufentheater am Gymnasium Kirchseeon präsentiert "Der Nibelungen Not" mit großem Ensemble, modernem Touch und Augenzwinkern

Von Victor Sattler, Kirchseeon

- "Stark wie Siegfried, treu wie Hagen!" Wenige Sagengestalten konnten sich einen so ruhmreichen Platz im kollektiven Gedächtnis der Deutschen sichern. Die Kirchseeoner Gymnasiasten waren aber eher frech wie Oskar bei ihrer Neuinszenierung des Stückes. Am Montag stemmte ein großes Ensemble von 28 Darstellerinnen und Darstellern nach nur drei Probenmonaten "Der Nibelungen Not".

Not am Mann ist vor allem wegen zwei Frauengestalten, den beiden Hilden. Kriemhild (Michelle Evola) muss verheiratet werden, um dem Burgunderreich einen Partner im Kampf gegen die Sachsen zu verschaffen. Das sieht auch König Gunther so und spricht ein Machtwort, herrlich zaghaft und nichtsnutzig gespielt von Jenny Knoll. Kriemhild will von einer Zwangsheirat indes nichts wissen, sondern ihren eigenen Mann stehen. Als sie aber Siegfried den Drachentöter erblickt, ändert sich das ganz schnell. Dieser Siegfried (Oskar Thiemt) ist ein Macho, der auf dicke Hose macht. Wer in Drachenblut gebadet hat, kennt keine falsche Bescheidenheit. Seine Superkräfte stellt er auch unter Beweis, als dank seiner Hilfe die Sachsen bezwungen werden - und als er Gunther die Amazonenkönigin Brünhild verschafft, die nur zum Mann nehmen will, wer sie im Zweikampf besiegt.

Auf einer Trage wird die Isensteinerin als Trophäe nach Hause geholt, ihre Dienerinnen sehen wie eine Girl-Rockband aus. Die Doppelhochzeit wird gebührend gefeiert bei den Burgundern, es wird getrunken und gezankt, wie im ganzen Stück. Brünhild (erst eisig, dann feurig: Sabine Lörner) will in der Hochzeitsnacht aber immer noch nicht so richtig. Die garstige "Brüni", wie der hilflose Gunther sein Teufelsweib nennt, lässt den frisch Angetrauten sogar vom Balkon baumeln. Erst mit Siegfrieds Hilfe kann der König mit ihrem Slip-Höschen aus dem Turmfenster wedeln.

In der zweiten Hälfte wendet sich das Possenspiel dann aber zur Familien-Tragödie, denn Kriemi und Brüni sind sich auf einmal gar nicht mehr so grün. Ihr Zickenkrieg zieht bald eine blutige Linie durchs Reich, in dem nun sogar einem Mannsbild wie Siegfried ein klitzekleines Lindenblatt zum Verhängnis wird. Siegfried stirbt einen theatralischen Tod, Gunther guckt beim Attentat wie ein geprügeltes Hündchen - und Kriemhild sinnt nach Rache, auch noch nach zehn Jahren.

Diese Inszenierung ist ein dichter Schlagabtausch auf wenig Spielzeit, aber dafür mit großem Engagement. An "ein Monumentalstück" wollten sich die Schüler der Q11 und Q12 herantrauen, sagt Regisseurin Angelika Giglinger - etwas der Oberstufe Angemessenes. Darbietungs-Noten habe es bereits vor der Premiere gegeben, damit am Montagabend die Lust am Spielen im Vordergrund stehen durfte. Die konnte man den Kirchseeonern dann auch ansehen: Selbst jeder Statist auf einem Steckenpferd nahm stolz strahlend teil am großen Ganzen.

Der moderne Twist blieb jedoch unausgegoren, da Siegfrieds Selfie oder Giselhers Rap-Song auf einsamen Posten standen. Schön stimmig gelangen hingegen die Mischung aus altertümlicher Kleidung und moderner Lichttechnik, sowie die nahtlosen Übergänge von älteren Texten zu jüngeren Wortwüchsen der zerrissenen Figuren. Als Mittelsmann zwischen den beiden Zeiten diente dabei der vorlaute Zwergenfürst Sintram (Ronja Rothfuß), der von Beginn an mit allen nur Streit vom Zaun brach. Neben einigen Bonmots, altklugen Sprüchen und Liedern ist es auch Sintram, der auf einem Rollbrett über die Bühne wirbelt und alle aus den Betten holt, wenn wieder mal mitten in der Nacht eine Krise am Hof herrscht. Am Ende gilt "Töte nicht den Boten": Denn als Gunthers Zepter vom Rand einer mit Leichen übersäten Bühne baumelt, hat der Zwerg als einziger überlebt.