Kirchseeon In schwieriger Mission

Für die Kirchseeonerin Sonja Naumann ist der Flüchtlingszustrom zur Lebensaufgabe geworden.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Sonja Naumann leitet den Helferkreis Kirchseeon. Nach den Anschlägen hat sie Angst, dass die Stimmung kippen könnte

Von Christoph Hollender, Kirchseeon

Als Sonja Naumann am Freitagabend von den Anschlägen in Paris erfährt, weiß sie, dass sich etwas ändern wird - in Europa, in Deutschland, vielleicht auch in Kirchseeon. Sie ist aufgeregt. Dann beginnt sie etwas am Computer zu tippen. Noch in der Nacht schickt sie einige E-Mails, eine geht an den Ebersberger Landrat Robert Niedergesäß. Die Zahl der Opfer in Paris steigt indes an. Sonja Naumann hat Angst, dass die Stimmung in Deutschland kippen könnte. In einer Zeit, in der das Flüchtlingsthema für große Spannung sorgt. Und dass die Anschläge mit den Flüchtlingen in Verbindung gebracht werden. "Die Ereignisse in Frankreich werden auch unser Agieren vor Ort beeinflussen. Ich möchte die Chance nutzen, die Politik vor Ort wach zu rütteln", schreibt sie.

Sonja Naumann leitet den Helferkreis Asyl in Kirchseeon. Sie sagt, dass sich seit Monaten die Lage in Kirchseeon von Stunde zu Stunde verändert - nach diesem Wochenende wahrscheinlich noch mehr. Vor einigen Wochen bereits wollte ihr Telefon nicht stillstehen. Es klingelte bis zu 50 Mal, tags und nachts. Alltag für sie und ihre Familie. Sonja Neumann erlebt die Flüchtlingskrise in Kirchseeon wie kaum jemand anderes. Ohne Menschen wie sie würde es in Kirchseeon - und in vielen anderen Kommunen Bayerns - momentan wahrscheinlich anders aussehen.

Die Krise ist zur Lebensaufgabe von Sonja Naumann geworden. Sie sagt: Es ist eine Chance. Deshalb will sie helfen, da anpacken, wo es am nötigsten ist: im Ort selbst. Seit Monaten tut sie das, und dabei kommt die 53-Jährige immer wieder an ihren Grenzen. Alle Fragen rund um das Thema Asyl schlagen irgendwann bei Sonja Naumann auf. Das Ehrenamt ist so zur Vollzeitstelle geworden. Natürlich unbezahlt, und vielleicht auch zu wenig be- oder geachtet. Oft war sie enttäuscht von der Politik; dass die hohe Politik versagt habe in der Flüchtlingskrise, sprach sie nie offen aus. Sonja Naumann sucht keine Schuldigen. Sie sagt, man müsse den Menschen, die da sind, jetzt einfach helfen. Die Menschen müssen partizipiert und integriert werden, denn der Flüchtling von heute sei vielleicht der Nachbar von morgen. Da lohne es sich freilich anzupacken. "Wir werden in Zukunft mit den Menschen Tür an Tür leben", sagt sie. Aber das Helfen der vielen Freiwilligen werde schwierig, wenn die Behörden nicht noch mehr unterstützen würden.

Vieles, was Sonja Naumann noch vor Wochen kritisiert oder gefordert hat, habe sich mittlerweile verbessert, sagt die 53-Jährige. Der Helferkreis Asyl wächst, 30 aktive Helfer engagieren sich inzwischen. "Die Menschen wollen den Flüchtlinge helfen", sagt Naumann. Es gibt jetzt eine eigene Telefonnummer und eine eigene Homepage des Helferkreises. Auch die Zusammenarbeit mit der Gemeinde wird immer vernetzter und besser.

Als Sonja Naumann vor drei Jahren den Helferkreis gründete, waren 32 Schutzsuchende in Kirchseeon. Von Krise sprach noch niemand. Heute, im November 2015, sind es 215 Flüchtlinge, die in Kirchseeon Schutz finden. Der große Teil lebt seit Juli in der Turnhalle des Gymnasiums. Im Frühjahr sprachen die Helfer davon, dass der Druck immer höher werde und dass die Kommune mehr unterstützen müsse, vielleicht auch mit einer hauptamtlichen Stelle in der Verwaltung. Das Thema wurde im Marktgemeinderat debattiert, es kam jedoch zu keiner Entscheidung. Kirchseeons Bürgermeister Udo Ockel (CSU) hat sich klar gegen den Vorschlag ausgesprochen. Seiner Ansicht nach ist eine eigene Stelle in der Gemeinde "nicht notwendig". Eigene Stellen in Kommunen würden eher selten geschaffen werden - die Koordination der Asylsuchenden sei Aufgabe des Landkreises, findet Ockel. Dies bestätigte auch das Landratsamt Ebersberg. Enttäuscht zeigte sich Sonja Naumann nicht, dennoch gab sie zu verstehen, dass es nicht zur Integration der Flüchtlinge beitragen würde, wenn sich das Rathaus restriktiv zeige.

Heute habe sich auch hier vieles verändert, sagt Sonja Naumann. Sie ist begeistert: "Es hat sich eine riesige Struktur zwischen dem Rathaus und den Helfern entwickelt." Wichtig sei es, dass die Flüchtlinge schnell in das Gemeindeleben eingebunden werden. Sprache und Arbeit seien die Elemente gelungener Integration. Dass die Verwaltung jetzt auch gemeinnützige Tätigkeitsstellen für Asylbewerber schafft, findet Naumann einen "gelungenen Einstieg" und "absolut lobenswert". Vieles ändere sich Stück für Stück zum Guten, sagt die 53-Jährige. Beispielsweise habe Pater Georg den Pfarrsaal geöffnet, damit dort das Begegnungscafé stattfinden kann. Aber es gibt noch genug zu verbessern, betont Naumann. Weil die Turnhalle seit Monaten mit Flüchtlingen belegt sei, werde die Lage dort kritisch. Viele der Menschen stecken sich mit Krankheiten wie Grippe ständig gegenseitig an. Auch der Platzmangel, beispielsweise um Deutschunterricht abzuhalten, stellt die Behörden und freiwilligen Helfer immer wieder vor große Probleme.

Die Freiwilligen des Helferkreises begleiten die Flüchtlinge zum Arzt, helfen beim Lernen der Sprache oder bei der Arbeitssuche, geben Tipps, wie man sich richtig verhält, oder sind einfach da, damit die oft traumatisierten Menschen nicht alleine sein müssen. Im Helferkreis Asyl wird Menschlichkeit sichtbar. Nicht alle Flüchtlinge wollen das - auch das wissen die Helfer aus Kirchseeon. Sonja Naumann sagt, sie könne ebenso manche Sorgen der Bevölkerung bei diesem sensiblen Thema verstehen. Diese Sorgen würden aber bleiben, je weniger die Flüchtlinge direkt integriert werden.

Die Anschläge in Paris mischen ihrer Ansicht nach die Karten in der Flüchtlingskrise neu - auch in Kirchseeon. Es müssten jetzt deutliche Signale gesetzt werden, und dazu brauche es die Helfer im Ort, sagt sie: "Wir sind es, die Brücken schlagen zwischen den Flüchtlingen und der Bevölkerung. Wir sind es, die ständig erklären und aufklären. Wir sind es, die besänftigen und relativieren - gegenüber den Geflüchteten und unsrer Landkreisbevölkerung." Sie befürchtet, dass vieles, was in den vergangenen Monaten aufgebaut wurde, jetzt kaputt gehen könnte. Ihr Appell: Die Bevölkerung müsse sich jetzt noch mehr anstrengen, damit es ein friedliches Miteinander gibt.