Kirchseeon Hausaufgaben für die Ministerin

Ministerin Nahles lässt sich zeigen, welche Berufe, zum Beispiel des Bäckers, in St. Zeno ausgebildet werden.

(Foto: Christian Endt)

Andrea Nahles besucht die Abschlussfeier im Berufsbildungswerk St. Zeno in Kirchseeon. Ein wichtiges Thema ist dabei, wie junge Flüchtlinge besser integriert werden können

Von Mariel Müller, Kirchseeon

Es war ein wichtiger Tag für die Absolventen des Berufsbildungswerks St. Zeno, schließlich bedeutete er das erfolgreiche Ende ihrer Ausbildung. Ein bisschen aufregender wurde der Tag aber noch durch die Besucherin, die dafür nach Kirchseeon kam: Andrea Nahles, Bundesministerin für Arbeit und Soziales, feierte mit den jungen Leuten. "Als Tochter eines Maurers und Enkelin eines Schmieds achte ich das Handwerk sehr", sagt Nahles. Es koste viel Einsatz, Talent, Können und vor allem Willen, um die Ausbildung durchzuziehen, betont die Bundesministerin in ihrem Grußwort an die Jugendlichen. "Das ist das, was Sieger ausmacht. Und Sie sind die Sieger des heutigen Tages."

Nach bis zu dreieinhalb Jahren haben die Auszubildenden in 23 verschiedenen dualen Ausbildungswegen ihren Abschluss mit Gesellenprüfung bestanden. Das Berufsbildungswerk St. Zeno ist ein Ort der gelebten Inklusion, hier werden psychisch behinderte junge Menschen bei ihren ersten Schritten in eine eigenständige berufliche Zukunft gezielt unterstützt und gefördert. In einem Rundgang über das Gelände bekam Arbeitsministerin Andrea Nahles einen Eindruck von den Ausbildungsmöglichkeiten. Eine Auszubildende zur Bäckereifachverkäuferin erklärt der Ministerin, die Arbeit sei anstrengend und auch der theoretische Teil ihrer Ausbildung sei anspruchsvoll: "Wir lernen das Gleiche wie in anderen Berufsschulen auch. Unser Vorteil sind nur die kleineren Klassen." Im hauseigenen Übungsverkaufsraum, in dem alle Waren - Brezen, Baguettes, Torten - aus Plastik sind, üben bis zu fünf Lehrlinge alltägliche Verkaufssituationen und den Umgang mit den Kunden. Einen Raum weiter, in der Backstube, versucht sich Andrea Nahles am sogenannten Bäckerwurf, dem Formen einer Breze in der Luft. Vermurkst, nennt sie das Resultat später. Die Stimmung ist heiter bis fröhlich - Ausbilderin Marianne Linner holt zurück auf den Boden der Realität: Immer weniger junge Menschen würden den Bäckerberuf wählen, "das Bäckerhandwerk stirbt bald aus, wenn das so weitergeht", warnt sie. Seit sieben Jahren bildet sie in St. Zeno aus und beklagt die zunehmend mangelnde Lernbereitschaft der Lehrlinge. Schuld an der schwierigen Situation im Bäckerhandwerk sei neben dem ausbleibenden Nachwuchs die Billigbackware aus der industriellen Herstellung.

In einer ausgewählten Runde um den Bundestagsabgeordneten Ewald Schurer (SPD), den Leiter des Berufsförderungswerks Bernd Zimmer und Vertreter des Stiftungsrats und Kuratoriums sowie der Agentur für Arbeit kommt das Gespräch schnell auf das derzeit dringlichste Anliegen: den hohen Bedarf an jungen motivierten Fachkräften und Bewerbern für Ausbildungen in Handwerksbetrieben - und dem gegenüberstehend die Menge an jungen Flüchtlingen, die gerne in eben solchen Betrieben eine Ausbildung beginnen wollen, aber nicht können. Seit einer Gesetzesänderung dürfen Flüchtlinge nach drei Monaten zwar arbeiten, aber in der Realität sind das meist nur Praktika, Mini-Jobs und Aushilfen. Bernd Zimmer fordert, junge Flüchtlinge schon parallel zu den Deutschkursen ins Berufsleben zu integrieren, sprich: sie eine Berufsausbildung machen zu lassen und so nicht unnötig Zeit zu verlieren. Bei der Arbeitsministerin stößt er damit auf offene Ohren: "Je schneller wir die Leute integrieren", so die Ministerin, "desto schneller lernen sie auch Deutsch." Es kämen gute Leute nach Deutschland, aber die Sprache sei die größte Hürde. Flüchtlinge in den Berufsförderschulen aufzunehmen, wäre eine gute Lösung, weist Zimmer hin, da hier Deutsch besonders gefördert wird. Das wolle die Politik aber nicht: "Das ist politisch, dass man sagt: Flüchtlinge sollen nicht in die behinderte Ecke geschoben werden, da haben wir ein Problem." Aus der Flüchtlingsthematik wolle man keine Behindertendebatte machen, so Zimmer. "Inklusiv denkt man immer bloß in die andere Richtung: Wenn jemand in die Förderberufsschule kommt, ist er dann behindert." Andererseits sei aber klar, dass Flüchtlinge in den regulären Berufsschulklassen mit 20 Schülern nicht entsprechend gefördert werden können. Die Ministerin für Arbeit und Soziales sieht das ähnlich: "Diese jungen Leute wollen integriert werden, denen ist der Weg im Zweifel auch egal. Hauptsache, sie kommen einen Schritt weiter. Da bin ich wesentlich pragmatischer an so einer Stelle." Ein weiterer Bereich, wo man nach Ansicht der Runde handeln müsste, sind die assistierten Ausbildungen, in der sowohl der ausbildende Betrieb als auch der Auszubildende unterstützt wird. Diese seien erst ab Herbst 2016 vorgesehen - eine Übergangslösung sei dringend nötig, so die Forderung in Kirchseeon.