Kabarett Streben nach Glück

In seinem aktuellen Programm schildert Andreas Giebel die Tücken des Alltags. Dabei gerät er in Situationen, bei denen er schon einmal genervt das Gesicht verziehen muss. Dem Publikum im gefällt's.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Mit seinem Programm "Das Rauschen in den Bäumen" möchte Andreas Giebel das Interesse am Menschen wecken. Mit vollem Körpereinsatz schlüpft er in unterschiedliche Rollen

Von Sandra Langmann, Ebersberg

Eine Augenbraue ist nach oben gezogen, und der vorwurfsvolle Blick lässt vermuten, dass dem bayerischen Kabarettisten etwas gar nicht in den Kram passt. Das ist auch verständlich, denn Andreas Giebel erzählt gerade davon, wie er für einen Maler als Aktmodell posieren sollte. Dem guten alten Freund konnte er eben keinen Gefallen abschlagen. Auf einem Bein stehend und eine Querflöte in den Händen andeutend, imitierte er für das Gemälde den griechischen Hirtengott Pan. Schon alleine die Vorstellung daran, wie der stämmige Bayer in dieser Position ausharren musste, erheitert das Publikum am Dienstagabend im Alten Kino.

Sein Programm "Das Rauschen in den Bäumen" präsentierte Andreas Giebel erstmals im Herbst 2013; und auch jetzt ist er damit wieder auf Tour. Die Geschichte, die darin erzählt wird, ist dieselbe geblieben. Mit der Zeit habe sich vieles verändert, verrät Giebel. Er erzähle nach Gefühl und es komme auf die Situation an, welche Passagen wann zum besten gegeben werden. Hin und wieder verschwinden auch Anekdoten. "Das fällt mir aber immer erst ein paar Tage später auf", erklärt Giebel.

Über die Jahre haben die Zuschauer den Kabarettisten, der gut gelaunt auftritt, aber auch gerne den bayerischen Grantler mimt, lieben gelernt. Gerade auch deswegen, weil er sein Programm mit einer Leidenschaft präsentiert, die ansteckend ist. Giebel erzählt von Menschen, die uns im Alltag begegnen und die einem aufgrund ihrer Charakterzüge nur allzu bekannt vorkommen.

Beispielsweise der Kaufmann, der eine kleine Drogerie am Marktplatz besitzt. Der Laden gehört keiner Drogeriekette an, der Verkäufer möchte seinen Kunden um jeden Preis etwas andrehen. Dafür lässt er auch traurig den Kopf hängen; seine Frau habe ihn doch vor kurzem verlassen und auch noch den Hund mitgenommen. Der Verkäufer drückt ordentlich auf die Tränendrüse, damit zusätzlich zur Brille auch noch das passende Etui gekauft wird. Auch seiner Haushälterin Anna kann Giebel nichts abschlagen. Wenn sie ihm mit ihrem russischen Temperament eine Schale voller Datteln unter die Nase hält und mit den Worten "Brauchst du?" schroff zum Essen auffordert, greift er trotzdem zu, obwohl er gar kein Freund dieser Frucht ist.

Auf der Bühne verarbeitet Giebel also, was er so über sich ergehen lassen muss. Egal ob er zwei Stunden beim Arzt wartet, oder versucht, sich in einen Flugzeugsitz zu zwängen. Das Leben hat so seine Tücken, stellt der Kabarettist fest. So ärgerlich das auch sein mag, man finde sich offenbar damit ab, sei dann aber doch tagtäglich auf der Jagd nach Glück, um zufrieden zu sein. "Aber ist das nicht die falsche Reihenfolge?", fragt sich Giebel. Erst wenn man zufrieden sei, habe man das Glück gefunden.

Die Rollen, in die der beliebte Krimidarsteller in seinem Programm schlüpft, sind teils statisch, doch einige seiner Figuren lässt er auch eine Entwicklung durchmachen. Damit möchte Giebel erreichen, dass die Menschen "Interesse am Menschen zeigen", wie er sagt. Das Publikum solle dabei nicht nur deren Verhalten hinterfragen, sondern auch über sein eigenes Handeln nachdenken. Natürlich sollte man keine Vorurteile gegenüber anderen haben, sondern mit offenen Augen durchs Leben gehen, meint Giebel. Doch ganz könne man das nicht vermeiden, und es sei ganz gut, manche Dinge kritisch zu betrachten.

So spielt er mit verschiedenen Typen und tobt sich dabei auf der Bühne richtig aus. In seiner Stammkneipe treffe er zum Beispiel öfter den Sizilianer Antonio. Dieser überschütte ihn zwar mit seinen Weisheiten, habe bislang aber selbst kein Glück bei den Frauen. Als Zuschauer bekommt man richtig Mitleid mit dem armen Kerl, als er sich mit den Händen verzweifelt durch das zerzauste Haar fährt und mit rauer Stimme den Zuschauern sein Leid klagt. Bei den tiefen, übertrieben dargestellten Seufzern fällt es einem aber schwer, ernst zu bleiben. Eine Parodie auf Robert De Niro, wie Giebel erklärt. Mit vollem Körpereinsatz verleiht er jeder Figur einen gewissen Charme und stellt sie zugleich authentisch und humorvoll dar.

Als Zuschauer bekommt man dadurch tatsächlich das Gefühl, die witzigen Charaktere irgendwo schon einmal gesehen zu haben. Und auch, wenn es um die Probleme des Alltags geht und der eine oder andere mürrische Blick folgt, präsentiert sich der Künstler in guter Stimmung. Mit dem grimmigen Krimi-Schauspieler hatte er nur die nach oben gezogene Augenbraue gemein, ein starkes mimisches Markenzeichen Giebels.

Den Kabarettisten scheint er also vom Schauspieler zu trennen. Wenn es doch eine Verknüpfung gebe, sei ihm das noch nicht aufgefallen. Er versuche die Figuren so darzustellen, wie sie den Leuten gefallen könnten, erzählt Giebel. Das Programm spielt er dann so lange, bis er genug davon hat. Doch davon sei er noch weit entfern, denn die Freude daran packt ihn sichtlich immer wieder.

Immer wieder fordert Andreas Giebel dazu auf, die Welt und die Menschen mit offenen Augen zu betrachten. Vom Leben könne man einfach nicht genug bekommen, ist er überzeugt. Und so gibt er seiner Zuhörerschaft noch Folgendes mit auf den Weg: "Baue einen Sarg aus hundertjährigen Eichen, die erst morgen gepflanzt werden."