Kabarett Frischzellenkur im Stirnlappen

Kabarettistin Andrea Limmer lässt ihren Zuhörern im Schnitzelgaudi keine Zeit zum Atemholen.

(Foto: Christian Endt)

Andrea Limmer macht aus Zuhörern Mitdenker

Von Ulrich Pfaffenberger, Markt Schwaben

"Mit dem Wetter haben wir richtig Pech gehabt." Es gab wohl nicht viele, die am Samstagabend diesen Satz von sich gegeben haben. Andreas Keipp, der Wirt vom "Schnitzelgaudi" in Markt Schwaben, durfte ihn mit Fug und Recht aussprechen. Denn wie groß sind bei 27 Grad die Chancen, eine Gaststube zu füllen, in der Kabarett geboten wird?

Das Dutzend Gäste, das die Hoffnung auf flammende Satire dem Holzkohlen-Grill vorzog, durfte sich in seiner Wahl bestätigt fühlen: In Andrea Limmer brennt ein Reaktor, befeuert mit Herz und Geist, entzündet im Spannungsfeld des alltäglichen Irrwitzes. Natürlich ist es ein Widerspruch in sich, wenn sie mit ihrem Programmtitel "Das Schweigen der Limmer" suggeriert, sie hätte nichts zu sagen. Zwei Stunden lang bereitet sie mit Wortwitz und semantischer Akrobatik ihr Publikum auf den Moment der Stille vor - der über einen hereinbricht, wenn spät in der Nacht, als sie schon längst wieder nach Niederbayern abgereist ist, aus der Tiefe der Gehirnwindungen heraufdämmert, was sie da so alles gesagt, vor allem aber angedeutet hat. Allein die Erinnerung an die wirbelnden Gedanken eines Albtraums von Shakespeare'scher Wortgewalt, mit dem sie von ihrem Eintauchen in den Strudel des alltäglichen Sanifair-Wahnsinns erzählt, liefert den Stoff für schlaflose Nächte.

War dieser Refrain von "Zwischen Hirn und Mund, da gibt's a Schranke" ironisch oder giftig? Darf man die Geschichte von der geschändeten Natur, "die's doch auch will, sonst würde sie eine Armlänge Abstand zu uns nehmen", so böse nehmen, wie sie wohl gemeint war? Ist die feministisch-sozialistische Häkelgruppe "Wammerl & Sichel" nur alberner Scherz oder gnadenlose Abrechnung? Darf man über Zilly lachen, den Archetyp der Landfrauen-Oma, die der Enkelin am Telefon grußlos mitteilt, "wer gerade gestorben ist, wer bald sterben wird und wer eigentlich besser sterben soll"? Wenn Andrea Limmer nur etwas Zeit zum Luftholen ließe, die quirlige Frau, klein an Gestalt. Es ist das Privileg der Kabarettistin, aus Zuhörern Mitdenker zu machen. Ein Privileg, das sie kompromisslos nutzt - für den Moment des direkten Zusammenstoßes mit einem Gedanken oder einer Pointe, aber auch zur subkutanen Therapie mit einem Nadelkissen des Nonkonformismus und dem rebellischen Gestus der Widerborstigen. So, und nur so, fügt man den ewigen Wegduckern und Mitläufern jene Kratzer zu, die Narben hinterlassen. Politisches Kabarett mit Andrea Limmer, an diesem Abend zugunsten des zwischenmenschlichen Frühjahrsputzes auf einige Sätze reduziert, dürfte schmerzhaft sein. Kein Wunder, dass ihr Freund Obsti, wenn's auf Reisen geht, sie ins Katzenkisterl packt. Das Tempo ihres Auftritts fordert das Publikum. Nicht nur wegen der gelegentlichen Einladung zum Mitsingen, die nach anfänglichem Zögern ins Lustvolle wechselt. Wer die ganzen zwei Stunden lang an Limmers Seite bleibt, dem widerfährt eine Frischzellenkur im Stirnlappen. Sie gibt einem den Glauben daran zurück, dass auf absehbare Zeit es den Alexas dieser Welt nicht gelingen wird, über das Wort hinaus in den Tiefsinn vorzudringen - auch wenn der durchschnittliche Wetter-Depp des Digitalzeitalters statt zum Fenster hinaus lieber ins Windows hinein schaut. Wäre dies nicht schon kabarettistische Leistung genug, heißt es obendrein noch den Hut zu ziehen vor der musikalischen Kunst Andrea Limmers. Die Ausdruckskraft und Klarheit ihrer Stimme ist mitreißend im Sturm und Drang, berührend in der Lyrik und voll Leuchtkraft in den Melodien. Auf den Tönen einer Ukulele lässt sie ihren Gesang fließen, in bester Liedermacher- und Poetentradition eines Hannes Wader und mit dem sprachlichen Feingefühl eines Reinhard Mey. Da reift der Wunsch, mehr, mehr, mehr davon zu hören.