Jahresausstellung Schau-Plätze

Am Samstag wird die Jahresausstellung des Kunstvereins Ebersberg eröffnet. Neben der hohen Qualität der Arbeiten überzeugt die intensive Auseinandersetzung vieler Künstler mit dem Thema Wahrnehmung.

Von Rita Baedeker, Ebersberg

Die Szene hat etwas unheimlich Heimeliges. Da stehen zwei Menschen hinter einer halbtransparenten Gardine, deren Raffungen die Körper in Schemen verwandeln und schauen aus dem Fenster. Man kann nicht erkennen, ob es sich um Mann und Frau oder Frau und Kind handelt. Ob die sitzende Frau lange Haare hat oder einen Schleier trägt.

Karl Orth hinter seiner eigene Skulptur im Ausstellungsraum.

Die Schöpferin des Ölgemäldes, die Konzeptkünstlerin Bianca Patricia, nimmt hier einen diskreten Beobachtungsposten ein. Sie und die beiden Personen schauen auf eine gegenüberliegende Fassade mit Fenstern, ein paar sind beleuchtet. Vage ist durch das horizontale Streifenmuster des Vorhangs die Lehne eines Sessels zu sehen. Die Szene ist in düsteres Blau getaucht und scheint eine komplexe Geschichte zu erzählen.

Fühlen die beiden Menschen am dunklen Fenster sich vielleicht wie in einem Gefängnis? Sind sie isoliert, einsam? Sehnen sie sich nach dem bunten Getriebe am Broadway? Oder sind sie bloß Gaffer, gar Voyeure? Der Titel des Gemäldes, "Times Square 1", könnte ein narrativer Schlüssel sein, bildet der Platz doch den Mittelpunkt des Theaterviertels von Manhattan, wo der Einzelne sich in Häuserschluchten verlieren kann. Welche Geschichte sich aus diesem "Schau-Platz" entwickeln lässt, ist eine Frage der Perspektive, der Sichtweise.

Despina Olbrich-Marianou beschäftigt sich mit realen und gefühlten Grenzen.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Wie sieht der Mensch seine Welt, wie steht er in der Welt? Und wie versteht er sie? Das nicht gestellte, aber als roter Faden erkennbare Thema wird in der Jahresausstellung des Kunstvereins Ebersberg in beeindruckender Weise variiert. Die Jury, zu der Stefan Bircheneder, Helmut Mühlbacher, Rosa Quint, Franz Ferdinand Wörle und Albin Zauner, Preisträger des ersten Landkreis-Kunstpreises im vergangenen Jahr, gehören, hat 66 Künstler mit insgesamt 83 Arbeiten für die Ausstellung ausgewählt und zeichnet auch für die sorgfältige Hängung verantwortlich. Techniken und Materialien scheinen unerschöpflich. Plastik, Fotoarbeiten, Karton, Tusche, Video, Wachs, Papier, Porzellan, Grafit, Radierung, Lithografie, Zeichnung, Holz, Straußenei, Bronze, Ton und andere mehr. Die Projektleitung hatte Vera Schüller, stellvertretende Vorsitzende des Kunstvereins.

Bei aller Lust am Spiel mit Formen und Materialien fallen zwei Qualitäten dieser Ausstellung besonders auf: eine inhaltlich und formal intensive Auseinandersetzung der Teilnehmer mit der umgebenden Natur, der engeren Heimat; und das Fehlen beinahe jeglicher "L'art pour l'art-Attitüde". Ob es mehr an der strengen Auswahl der Jury liegt oder an der hohen Qualität der eingereichten Arbeiten - Ideen, Konzepte und Ausführung überzeugen.

Gewohntes anders sehen und empfinden, darum geht es auch in der Plastik "Die Macht der Bilder" von Hubert Maier. Der in Moosach lebende Steinbildhauer wählte ein machtvolles Medium, um etwas Vergängliches - und inzwischen Vergangenes - darzustellen, wobei er sich als Zugabe offenbar noch ein Wortspiel erlaubt hat. "Diabas" heißt die Gesteinsart, aus der Maier einen Abschnitt eines Dia- oder anderen Films, wie man ihn früher in den Fotoapparat einlegen musste, samt Lochstreifen geschnitten hat. Das "Bild" ist sogar schon "belichtet": In der Mitte ragt ein Berg auf, das Fotomotiv. Eine steinerne Skulptur, die sich nicht auf den ersten Blick erschließt, dann aber Staunen erregt.

"Normaltropfen"-Installation nennt sich dieses Werk von Martin Weiand.

(Foto: Photographie Peter Hinz-Rosin)

Auch bei anderen Arbeiten fällt der "Groschen" mit Verzögerung, dann aber mit doppelter Wirkung. Wer Despina Olbrich-Marianous Arbeit "Grenzen" betrachtet, wird zunächst an die Bilder von jenem Grenzzaun der spanischen Exklave Melilla erinnert, über den täglich afrikanische Flüchtlinge zu klettern versuchen. Als Chiffre für die Begrenzungen der Existenz weist die Darstellung jedoch über aktuelle Bezüge hinaus. Die in Athen geborene Künstlerin hat auf einen schwarzen Hintergrund ein Gatter aus Draht und dornigen Ästen montiert. An den Stacheldrähten hängen die Abgüsse von jeweils fünf Fingern.

Von ferne wirkt die Installation wie ein grafisches Muster, die Erkenntnis folgt beim Näherkommen. Ebenso ist es bei dem Bild "Sind Rosen rot?" von Peter Ivanowitsch Dubina. Zunächst denkt der Betrachter an Kohl, Zwiebelscheiben, ja auch an Rosenblätter. Doch bei längerem Hinsehen löst sich die optische Illusion auf: Da liegt ein Mensch, die Hände auf dem Rücken gefesselt, das Gesicht von einer Augenbinde bedeckt. Ja, auch Rosen sind zuweilen rot! Aber das ist nicht die Antwort.

Suggestive Wirkung entfaltet auch das dreiteilige Tableau "Verlorene Jugend auf der Suche nach Heimat" des Grafinger Künstlers Thomas Hümmler. Der Betrachter schaut in 45 Gesichter, in 45 Augenpaare; einige wenige scheinen zu lächeln, die meisten verraten Ernst, Trauer, Zweifel. Neben anderen Fotoarbeiten, etwa den vier ruhigen Naturimpressionen vom Bodensee (Christine Meder), hat Martin Weiand, Fotograf und Mitglied des Kunstvereins, eine Versuchsanordnung aufgebaut, die jeden Physikunterricht schmücken würde. Er hat ausgerechnet, wie viele Tropfen ein Liter Wasser enthält. Für jeden einzelnen, insgesamt 20 000 Stück, hat er eine Karte produziert und mit Tropfenmotiven bedruckt. Die Karten kann man für je einen Cent kaufen. Was wie ein Werbegag anmutet, hat durchaus tieferen Sinn: Wasser ist kostbar, nicht überall steht es selbstverständlich und allzeit zur Verfügung.

Wer die Macht der Bilder brechen will, dem stellt Ruth Strähhuber in einer der Nischen der Galerie ihre "Anleitung zum Unsichtbar werden" (Video und Digitaldruck) zur Verfügung. Ob es funktioniert, kann man an Ort und Stelle ausprobieren.