´Ich mach dich kalt.` Todesangst auf dem Fußballplatz

Der Forstinninger Schiedsrichterfunktionär Andreas Hitzlsperger kapituliert vor der Gewalt

Von Christian Hufnagel

- Allein in diesem Jahr musste Andreas Hitzlsperger mindestens dreimal um seine Gesundheit, wenn nicht gar um sein Leben fürchten. Erfahrungen, die der kaufmännische Angestellte in seiner Freizeit macht. Eigentlich geht der Forstinninger dabei keinem gefährlichen Hobby nach. Der 39-Jährige hat weder Fallschirmspringen oder Autorennen für sich entdeckt. Hitzlsperger hat sich im Grunde einen wenig spektakulären "Ausgleich" zu seinem Bürojob gewählt. Er ist Wochenende für Wochenende auf Fußballplätzen unterwegs, um sich die notwendige Bewegung zu verschaffen. Er kickt nicht selbst, sondern leitet Spiele in der Kreisliga, welche sieben Klassen von der großen bedeutsamen Welt der Bundesliga entfernt ist.

Dass der Bruder des Fußballprofis Thomas Hitzlsperger vielleicht nicht immer den rechten Pfiff zu aller Zufriedenheit trifft, liegt in der Natur dieser emotionalen uns höchst parteiischen Sache. Das kann er jederzeit auch verstehen. Dass der Vater eines kleinen Sohnes aber inzwischen Angst haben muss, heil vom Platz und nach Hause zu kommen, will er nicht mehr hinnehmen. Denn bis zu "Morddrohungen ist alles dabei", lautet seine niederschmetternde Bilanz allein in diesem Jahr. Und weil der Verband "dem vorherrschenden Gewaltproblem auf oberbayerischen Fußballplätzen hilflos gegenübersteht", hat Hitzlsperger nun sein Funktionärsamt nach sechs Jahren "schweren Herzens" hingeschmissen. Er hatte sich als stellvertretender Obmann der Schiedsrichtergruppe Dachau über seine eigene Tätigkeit hinaus um den Nachwuchs gekümmert und junge Referees bei ihren Einsätzen beobachtet, bewertet und gecoacht.

Aber Letzteres kann der Forstinninger nicht länger für sich verantworten: "Wenn Eltern anrufen und fragen, ob ihr Kind auf dem Fußballplatz auch sicher sei, wenn es Schiedsrichter werden will, kann ich das nicht mehr garantieren", sagt Hitzlsperger resigniert. Und erzählt von einem jungen Kollegen, der nach einer A-Jugendpartie im Münchner Osten von Spielern mit dem Tod bedroht worden sei und deshalb sein Hobby aufgegeben habe: "So weit sind wir jetzt." Es sind im übrigen Gefahrenmomente, die er selbst nur allzu gut kennt - und in seinen "Meldungen" an den bayerischen Fußballverband auch hinreichend und bedrückend dokumentiert hat - in Aussagen wie "Ich mach Dich kalt, Du Wichser." Oder: "Wir sehen uns mal außerhalb eines Sportplatzes und dann bist Du dran." Drohungen eines Spielers und des Trainers einer Kreisligamannschaft nach einer verlorenen Partie. Hitzlsperger konnte nur aufgrund des "sehr gut funktionierenden Ordnungsdienstes" die Spielstätte sicher verlassen.

Trotz der negativen Erfahrungen wird der Forstinninger mit dem Pfeifen aber nicht aufhören. Das mache ihm zu viel Spaß. Und man könne auch nicht pauschal alle Vereine verurteilen, nach dem Motto: "In der Stadt ist alles schlecht und auf dem Land alles gut." Es sind für ihn vielmehr einzelne Münchner Vereine, gegen die der Verband härter durchgreifen müsste. Und zu diesen fährt er nicht mehr hin. Selbst wenn er dafür eingeteilt wird: "Ich bin doch nicht lebensmüde." Zur Abwechslung wird er am nächsten Wochenende in einem sogenannten Austauschspiel in einem anderen Kreis pfeifen, nämlich eine B-Klassen-Partie in Aichach: "Da draußen weiß keiner, um was es hier bei uns geht", drückt der 39-Jährige die Hoffnung auf einen Ausflug aus, bei dem der Spaß und nicht die Angst überwiegt. Ein paar Tage darauf darf er sich dann mal richtig entspannen: Der von ihm kritisierte Fußballverband will Hitzlsperger ehren - für 20 Jahre ehrenamtliche Tätigkeit als Schiedsrichter.