Hohenlinden Stets zu Diensten

Der frühere Hauptkommissar Klaus Hinkelmann sammelt Polizeiuniformen, Mützen, Kellen und 20 000 Abzeichen. Seinen Traum - ein eigenes Museum - hat er inzwischen aufgegeben.

Von Carolin Fries

Fährt Klaus Hinkelmann mit seinen "Carabinieri"-Autos herum, bremsen italienische Lastwagen sofort.

(Foto: Photographie Peter Hinz-Rosin)

Erst vorige Woche ist Klaus Hinkelmann mit seiner "Giulia Super" nach München gefahren. Eine Arbeitskollegin denkt darüber nach, sich das Auto für ihre Hochzeit auszuleihen. "Carabinieri" leuchtet auf allen tiefblau lackierten Fahrzeugseiten in hellem Weiß, auch auf den Sichtscheiben. "Die italienischen Lastwagen bremsen da sofort", erzählt Hinkelmann. An diesem Tag ist der Hohenlindener zusammen mit Sohn Luca, 10, nach Grafing gefahren, wo er eine Garage angemietet hat. Seine "Giulia" parkt der 54-Jährige draußen, in der Garage ist kein Platz. Dort steht ein Fiat 500 L aus dem Jahr 1967, ebenfalls ein Modell der italienischen Polizei. Umringt wird das kleine Auto von lauter stocksteifen Menschen in Uniformen.

Hinkelmann hat die Schaufensterpuppen in Uniformen gesteckt, wie sie Polizisten auf der ganzen Welt trugen und tragen. Aus Italien, Frankreich, den USA, England und selbstverständlich aus Deutschland dokumentiert er in seiner Garage ein Stück Zeitgeschichte. Da ist der Münchner Polizeimeister in dunkler Lederjacke, wie man ihn aus der 60er-Jahre-Serie "Isar 12" kennt, daneben ein berittener Carabinieri mit Feder auf dem Hut und Troddeln an den Schulterklappen, wie er um die Jahrhundertwende um 1900 durch Italien trabte. Und weiter hinten, die blonde Mähne unter einem weißen Helm zusammengebunden, ein Lieutenant des Police Departements Los Angeles neben einer schweren Kawasaki aus dem Jahr 1999.

Im Fundus hat der Hohenlindener auch Uniformen eines berittenen Carabiniere aus den Zeiten um die Jahrhundertwende...

(Foto: Photographie Peter Hinz-Rosin)

Was seine Sammlung betrifft, kennt Hinkelmann keine Landesgrenzen. Eigentlich gar keine Grenzen. Denn es sind längst nicht nur Uniformen und Autos, die er hortet, sondern alles, was mit Polizei zu tun hat: Mützen, Funkgeräte, Taschenlampen oder Anhaltekellen. Sogar einen Polizei-Feuerlöscher aus dem Jahr 1956 hat Hinkelmann. Und Abzeichen - 20 000 Stück schätzt er, gezählt hat er sie nie. Alleine von der bayerischen Staatspolizei sind es 350 Stoff- und Metallembleme.

Diese Welt hat er in Regale gepackt, zu Hause ("da ist alles voll") sowie in angemieteten Lagern. Eine 200 Quadratmeter große Lagerhalle hatte er in Forstinning angemietet, bis die Räume vor zwei Jahren feucht wurden. Also zog er mit seiner Sammlung nach Grafing um - wo ihn im vergangenen Jahr das Pfingsthochwasser erwischte. Ein bis zwei Meter hoch stand das Wasser in der Garage. Es hat seine Spuren an die Wände gemalt, als wollte es auch ein Jahr später partout nicht vergessen werden. Hinkelmann hat zwei Tonnen Material entsorgen müssen. Manchen Uniformen sieht man den Wasserschaden noch an, andere blieben verschont. Der modrige Geruch aber hat sich festgesetzt, auch wenn Hinkelmann seine uniformierten Puppen bei jeder Gelegenheit in die Sonne zerrt. "Man muss verrückt sein, wenn man so was macht", sagt er über sich selbst. Sein Sohn, der in kurzen Hosen auf der Kawasaki sitzt, sagt: "Ich finds cool."

... und einen Scotish Guard mit einer Mütze aus dem Jahr 1949.

(Foto: Photographie Peter Hinz-Rosin)

Sammeln. Früher habe doch fast jeder etwas gesammelt, meint er, "da war das so üblich". Zu jener Zeit, da gab es auch noch Tauschbörsen für Sammler, auch für jene, die sich auf Polizeisachen spezialisiert haben. Hinkelmann hat solche Flohmärkte dreimal in München am Oberanger organisiert. Unter den Sammlern hat er einen Namen, sogar in Amerika. Ein deutscher Hubschrauber-Pilot, der in den 60er Jahren Dienst in New York tat, schickte ihm seine alte Uniform. Sie gehört heute zu seinen Lieblingsteilen - neben der klassischen französischen Uniform in Beige, wie sie auch Louis de Funès in seiner Rolle als Gendarme Ludovic Chruchot immer trug. "Die habe ich geliebt", schwärmt Hinkelmann, der trotz seiner grauen Haare plötzlich ganz jung wirkt. Woher diese Liebe zur Polizei kommt? "Daheim in Nordrhein-Westfalen war ich Schülerlotse und da gab es einen netten Polizisten, der kam immer mit seinem Käfer vorbei."

Hinkelmann wurde selbst Polizist. Seit 1988 arbeitet er als Hauptkommissar für die Münchner Polizei. Früher sei er viel auf Streife gewesen, jetzt arbeitet er im Innendient. Was seine Kollegen zu seiner Sammlung sagen? Die meisten wissen es nicht, sagt Hinkelmann, "ich bin so ein Verborgener." Seine Schätze, die sollten hingegen nicht verborgen bleiben. Der fünffache Vater träumte immer von einem Museum. Jetzt allerdings nicht mehr. "In sechs Jahren gehe ich in Pension."

1977 hat alles begonnen, das weiß Hinkelmann noch genau. Von der britischen Militärpolizei bekam er damals einen Bobby-Helm geschenkt, dem der Polizei-Stern fehlte. Also schrieb er nach Amerika, "einen Brief, keine E-Mail". Es folgten Telefonate - und dann war der Stern da. "Wenn man die Sachen dann hat, sind sie schnell uninteressant", sagt Hinkelmann über das, womit die Suche nach anderen Sternen, Abzeichen und all dem begann, was ihn "ein Vermögen" kosten sollte. Auch Frustkäufe waren dabei. Und Fehlkäufe. Heute lacht Hinkelmann darüber, dass er vor einigen Jahren "aus Versehen" ein Tausende Dollar teures Motorrad im Internet gekauft hat, das er eigentlich nur beobachten wollte. Stattdessen klickte er auf die "One-click-Buy"-Taste. Hinkelmann schleppte sogar mal ein amerikanisches Feuerwehrauto mit sieben Litern Hubraum, meterhohe Poster und natürlich Polizeifilme und -serien auf DVD an.

Was seine Frau dazu sagt? "Die hat mich ja so kennengelernt." Sie sei Halbitalienerin - "vielleicht mag ich deshalb die italienischen Uniformen besonders gern". Und die deutschen Uniformen? "Die sind auch schick."

Hinkelmann ist keiner, der seine Schätze überbehütet. Er leiht sie sogar aus. Filmunternehmen aus der ganzen Welt verwenden seine Uniformen, Autos oder Abzeichen, ob von der Münchner Bavaria, aus Babelsberg oder Hollywood. Die Zeichen und Marken fertigte er sogar selbst in seinem Keller an, "wie vor hundert Jahren" mit einer Graviermaschine. Per Hand hat er die Stücke dann emailliert. "Lediglich für Sammlerzwecke", wie er betont.

Und eben für Film und Fernsehen. Er freut sich dann, wenn er seine Marken beim Glotzen entdeckt, wie erst neulich wieder, als damit Beamte in Los Angeles ermittelten. "Die haben einen besonderen Touch", sagt er nicht ohne Stolz. Er stattete unter anderem den Tatort "Kalte Herzen" aus und die Serie "LA Confidential".

Jetzt will er viele seiner Sammlerstücke wieder loswerden. "Ich schaue immer wieder, was geht. Und was nicht geht, behalte ich". Es geht Hinkelmann nicht ums Besitzen oder Behalten. "Mich interessiert vorwiegend der geschichtliche Hintergrund, speziell die Nachkriegsgeschichte im Polizeiwesen." Vielleicht ist das auch der Grund, weshalb er mit seiner Sammlung "keine jungen Leute hinter dem Ofen hervorlockt", wie er zu wissen glaubt. Denn: "Die Älteren schauen immer."