"Handmade Tattoo Machines" Unter die Haut

Der Grafinger Stefan Fischer exportiert Tattoo-Maschinen in alle Welt - und ist selbst ein Gesamtkunstwerk

Von Luisa Seeling

"Ich werde wohl nicht mehr in einer Sparkasse arbeiten." Der Mann, der diesen Satz sagt, sieht dabei nicht besonders traurig aus. Er blickt an sich hinunter, und es fällt wirklich schwer, ihn sich hinter einem Bankschalter vorzustellen. In den sommerlich kurzen Klamotten sieht man es besonders gut: Stefan Fischer ist am ganzen Körper tätowiert, nur das Gesicht hat er ausgespart, "da sitzt zu viel Persönlichkeit". Dafür trägt er einen sorgfältig frisierten Bart und drei Piercings unterhalb der Unterlippe. Es kommt vor, dass Menschen, die ihn nicht kennen, die Straßenseite wechseln. Sicherheitshalber. Weil sie nicht einschätzen können, was er für ein Typ ist, weil sie seine Tattoos martialisch finden. Hier in Grafing passiert das nicht mehr so oft. Hier kennt man ihn, hier kennt man auch seine Firma in der Bahnhofstraße, "Bavarian Custom Irons". Hier produziert der 37-Jährige "Handmade Tattoo Machines": Tätowier-Maschinen und Zubehör - Anschlusskabel, Fußschalter, Griffe, Magnetspulen. Fischer bedient einen Nischenmarkt, und er ist ziemlich erfolgreich.

"Ich habe einen Angestellten, Praktikanten, Subunternehmer", erklärt er. Seine Produkte exportiert er in alle Welt, er beliefert Händler und Profi-Tätowierer, "keine Spinner, die zuhause einfach mal lostätowieren wollen". Geschäftszahlen nennt er keine, lässt aber durchblicken, dass es gut läuft. Bavarian Custom Irons, sagt er, hat europaweit kaum Konkurrenz. Zwar werden auch anderswo Tätowiermaschinen gebaut, doch dabei handelt es sich meist um halbprivate Bastler. Und die asiatischen Importprodukte können mit der Qualität von Fischers "Irons" nicht mithalten. Dass aus Grafing bayerische Wertarbeit kommt, hat sich herumgesprochen: Fischer beliefert Geschäftspartner in Australien, den USA und Asien. Die staunen dann nicht schlecht, wenn sie ihn besuchen - und in seiner eher unscheinbaren Grafinger Werkstatt in der Bahnhofstraße landen.

Fischer hat Industriemechaniker gelernt, er weiß, wie man Feinmechanisches zusammenbaut, auch wenn er seine Ausbildung nicht zu Ende gebracht hat. Danach hat er zwölf Jahre lang als Kinderpfleger gearbeitet, bis er "keinen Bock mehr" auf die soziale Arbeit hatte. Schon damals beschäftigt er sich mit Tätowieren, mit der Kunst an sich, aber auch mit der Herstellung des Werkzeugs. 2007 wagt er den Sprung in die Selbständigkeit. An seine erste Tätowierung erinnert er sich genau: ein Tribal-Tattoo auf dem Oberarm, heute längst überstochen. "Damals hatte ich einfach noch keinen Plan, was ich wollte", kommentiert er die ästhetische Jugendsünde. Die "richtig schweren Sachen" kamen später, als er um die 30 war - Tätowierungen, die auch außerhalb der Kleidung sichtbar sind. Eine Lebensentscheidung. "Man muss abwägen, ob man sich das erlauben kann, sozial und beruflich", sagt er. Seinen eigenen Tattoo-Stil beschreibt er als "polynesisch" - großflächige, grafische Muster, keine realistischen Motive, keine feinen Linien oder Details. "So etwas hält nicht lange, breite Linien sind beständiger". Sie verändern sich nicht so schnell, wenn die Haut altert.

Die skeptischen Reaktionen seiner Umwelt auf seinen Körperschmuck amüsieren ihn. Manchmal, wenn er mit seinem dreijährigen Sohn schwimmen geht, gucken die Leute erstaunt, und er kann ihnen ansehen, was sie denken: Dieser Typ soll der Vater von dem süßen Jungen sein? Doch bei aller Farbe auf der Haut ist Fischer kein schriller Vogel. Er beschreibt sich als fleißig, als einen, der seine Steuern zahlt, täglich acht Stunden in seiner Werkstatt steht und Pünktlichkeit schätzt. Er lässt nichts in Fernost fertigen, alle seine Einzelteile kommen aus Deutschland, die meisten seiner Subunternehmer sitzen in Bayern. Vielleicht ist es das, was Bavarian Custom Irons so erfolgreich macht: dass Stefan Fischer weltweit vernetzt, aber auch tief verwurzelt ist in seiner Heimat. Dass der gebürtige Münchener sein ganzes Leben in Grafing verbracht hat und dort nicht weg will. Dass er lebt, was er anderen verkauft. "Das hier ist mein Lebenswerk", sagt er über seine Firma. Er kann sich nicht vorstellen, etwas anderes zu machen, "diese Hingabe werde ich bei keiner anderen Arbeit empfinden". Sein Sohn fängt jetzt an, nach den väterlichen Tattoos zu fragen. "Vor kurzem musste ich ihm etwas auf den Arm zeichnen", erzählt Fischer. Ab 16 Jahren darf man sich mit elterlicher Erlaubnis tätowieren lassen. Doch er wird dem Sohn raten, noch länger zu warten. Und wer weiß, vielleicht schlägt die Tattoo-Freude des Vaters beim Sohn einmal in das Gegenteil um. Stefan Fischer hält kurz inne, dann sagt er trocken: "Vielleicht will er ja irgendwann mal zur Sparkasse."