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Grafing Faust-Kampf

Einer, der seine Seele dem Teufel überantwortet hat: Schauspieler Michael Jacques Lieb bei seiner Jubiläumsaufführung des "Urfaust".

(Foto: Christian Endt)
Bei der Jubiläumsaufführung des Urfaust in Grafing ringt Michael Jacques Lieb mit Gott und der Welt. Nach nunmehr zwanzig Jahren wohl zum letzten Mal
Von Jan Schwenkenbecher , Grafing

Mit einem schwarzen und einem weißen Schuh, in einen langen schwarzen Mantel gehüllt, betritt Michael Jacques Lieb die Kirche. Andächtige Musik erklingt und füllt den sakralen Raum. Einen schwarzen Dreieckshut tief in das durch eine Mephisto-Maske verhüllte Gesicht gezogen, geht Lieb langsam, jeden Schritt sorgsam bedacht, vor zum Altar. Musikwechsel. Ein Beat setzt ein. Schnell, treibend. Den Mantel weg, die Maske herunter. Er wird zum Doktor, zum Faust. Rennt hin und her, schaut sich um. Links, rechts. Sieht Blätter. Durchwühlt sie, zerreißt sie. Er sucht. Immer hektischer. Sucht und sucht. Aber findet nicht.

Für Lieb war es ein Jubiläum, als er am Freitagabend in der Grafinger Auferstehungskirche den Urfaust aufführte. Den ersten Entwurf jenes Werks, das Goethe sein Leben lang weiterentwickelte. Vor fast auf den Tag genau 20 Jahren, am 14. März 1997, spielte er das Stück zum ersten Mal. Mehrere Hundert Mal kamen seitdem hinzu. Die Uraufführung in München-Laim war damals zugleich der Gründungstag von Liebs Ein-Mann-Theater, dem Theatro Liebido, mit dem Lieb, freischaffender Schauspieler und Schauspiellehrer, neben seinen Aufführungen auch als Schauspielpatient am Münchner Klinikum rechts der Isar arbeitet und als Clown in Kliniken und Seniorenheimen auftritt. Zum Jubiläum waren viele Freunde gekommen, bereits in der Pause stießen die etwa 50 Zuschauer im Pfarrheim zum ersten, aber nicht letzten Mal an. Nach der Aufführung wurde erneut geprostet, für noch später hatte Lieb sogar einen Tisch im Restaurant um die Ecke reserviert.

Doch erst die Arbeit. Erst mal das Schauspiel, für das die Ein-Mann-Show Lieb sowohl die Regie übernahm als auch die Musik immer wieder selbst an der auf den Altar gestellten Anlage startete. Diese hatte er zuvor sogar selbst aufgenommen, nachdem ihm die Gema-Gebühren zu teuer geworden waren. Zudem spielte er, natürlich, alle Rollen selbst. Den Faust, den Mephisto, auch das Gretchen. Nicht immer waren die Rollenwechsel zu erkennen. Meist jedoch wechselte Lieb so gekonnt Lautstärke, Betonung, aber auch Gesichtsausdruck und Gestik, dass die jeweilige Figur sichtbar war. Der Faust, der schreiend und torkelnd eine halbe Flasche Helles in einem Zug leert und den Rest auf Kirchenboden und die erste Reihe Publikum verschüttet. Der Mephisto, der schelmisch grinsend, dem Faust seine Verlockungen entgegen säuselt. Und das Gretchen, das mit sanfter, lieblicher Stimme zwischen den schroffen Betörungsversuchen des Doktors und den religiösen Idealen der Mutter zerrissen wird, schließlich der Versuchung erliegt und zuletzt an den Morden an der eigenen Mutter und ihrem neugeborenen Kind verzweifelt. Auch schafft es Lieb mühelos, zwei Mal 40 Minuten lang das Theaterstück frei vorzutragen. Die heute antiquierten Verse sitzen nicht immer perfekt, meist aber doch.

Lieb wechselt gekonnt zwischen den Figuren, stellt aber auch Veränderungen innerhalb der einzelnen Rollen ansehnlich dar - speziell die Entwicklung des Faust. Den suchenden, nach Erkenntnis strebenden Doktor, der schon "Philosophey, Medizin und Juristerey, und leider auch die Theologie" studiert hat, in dessen Brust zwei Herzen schlagen, und der erkennen will, was die Welt im Innersten zusammenhält. Sich dazu dem Geist, der stets verneint, hingibt. Nach und nach vom Weg abkommt und schließlich nicht nur sich selbst, sondern auch dem reinen, unbefleckten Gretchen nach und nach die Tugend austreibt, ihr, die ihm mit der einen bedeutenden Frage auf den Zahn fühlt: "Nun sag, wie hast du's mit der Religion?"

Immer wieder zieht Lieb auch die Zuschauer in sein Spiel. Nimmt ein junges Mädchen als Gretchen mit nach vorne, verteilt drei Gläser voll Wein, kniet anhimmelnd vor einer älteren Dame in der ersten Reihe mit den Worten "Euch Brüste wo? Ihr Quellen alles Lebens" nieder, die daraufhin sichtbar geschmeichelt lächelt.

Das Schönste an diesem Abends aber ist das Setting: Faust in der Kirche! Lieb, der, wenn er als Faust über Gott lästert, vor Altar und stählernem Kreuz steht, vier große Gemälde der Evangelisten an der Wand hinter sich, das Konterfei des Mephisto auf seinem T-Shirt. Immer wieder die Faust gen Jesus ballend, ins Kirchenschiff brüllend, Bier und Wein saufend, ein Kondom schwenkend. Den Kampf zwischen Religion und Wissenschaft, Geist und Welt, Glaube und Gelüsten, wo könnte der Kontrast größer, packender sein als in einer Kirche? Schade daher, dass es vermutlich die letzte Urfaust-Aufführung Liebs war, wie er am Ende, nach der dritten Beifalls-Runde, verkündet.