Grafing Buchstabensuppe und Wortsalat

Schauspieler Thomas Peters ergründet während seines Eröffnungsvortrags für die Woche der Büchereien die "Welt der Buchstaben".

(Foto: Christian Endt)

Schauspieler Thomas Peters eröffnet die Woche der Büchereien

Von Theresa Parstorfer, Grafing

Thomas Peters ist entrüstet. "Wie? Sie können kein Klingonisch?", will der große, schlaksige Schauspieler von seinem Publikum wissen. Der vor ihm auf einen Stapel Bücher aufgestützte Beamer projiziert ein unentzifferbares Schriftbild an die Wand. Der Aufforderung, den dort angeblich geschriebenen Witz vorzulesen, kommt niemand nach. Die sieben Stuhlreihen, die vor der Bühne in der Grafinger Stadtbücherei zwischen der Gesellschaftsspiel-Abteilung und den Roman-Neuerscheinungen aufgebaut wurden, sind voll besetzt, die Auftaktveranstaltung der Woche der Büchereien im Landkreis Ebersberg am Mittwochabend ist gut besucht.

Vor einigen Minuten noch strahlten warme Lichter durch die großen Glastüren hinaus in die dunkle Novembernacht, und die Besucher plauderten gut gelaunt bei Tomatensalat und Käsespießchen im Foyer der Bücherei. Jetzt werden Schirmherr Landrat Robert Niedergesäß, Bürgermeisterin Angelika Obermayr und einige ihrer Kollegen aus den umliegenden Gemeinden sowie das "normale Lesepublikum" von Thomas Peters in die "Welt der Buchstaben" eingeführt, so das diesjährige Thema der zum vierten Mal stattfindenden Woche. Elf Tage lang wird in den verschiedenen öffentlichen Büchereien im Ebersberger Landkreis ein abwechslungsreiches Programm geboten sein. Von Lesungen, Konzerten und Ausstellungen bis hin zu Bastel- und Filmvormittagen ist alles dabei.

Bei der Einführung am Mittwochabend geht es jedoch erst einmal um die Grundlagen, und die sind in diesem Jahr, so Peters zu Beginn, einfacher als die sehr breit gefächerten Themen "Weite Welt" und "Heimat" der Vorjahre, für die der Schauspieler auch schon die Einführung übernommen hatte. "Mit Sprache kennt sich jeder aus, oder?", fragt er rhetorisch ins Publikum. Aber so rhetorisch ist die Frage dann gar nicht, denn durch einige "Experimente" wird klar, dass Buchstaben, all ihre mögliche Kombinationen und damit verbundenen Bedeutungen sehr viel schlüpfriger, um nicht zu sagen problematischer sind, als auf den ersten Blick vermutet werden möchte. Denn Bedeutung und Verständnis sind eben auch an die Mitgliedschaft in einer bestimmten Sprachgruppe gebunden. Klingonisch etwa kann niemand lesen, und auch "Galliumarsenid" scheint für die meisten Besucher eine eher unbekannte Größe zu sein.

Entlang einer humorvollen Collage aus wissenschaftlichen Erklärungsmodellen ("Sprache ist ein Zeichensystem, das Kommunikation ermöglicht"), geschichtlichen Exkursen (schon Friedrich der Staufer ließ Experimente mit Kindern durchführen, die ohne Sprache aufwachsen mussten - und starben), Texten von Journalisten und Comedians (beispielsweise Axel Hacke über den Ursprung von Wörtern, Andreas Hock über die Vermittlung von Grammatik und Dieter Nuhr über "Gendersprache") sowie sinnfreien Piktogrammen aus dem öffentlichen Raum hangelt Peters sich durch die "Welt der Buchstaben". Dabei gibt er in regelmäßig an den zweiten Peters des Abend ab, den Frontmann von Blue Delight, Uwe Peters. Die Band zaubert mit Oldies wie "Mad World", "Wish you were here" oder "Perfect Day" Glanz in die Augen und verträumte Lächeln auf die Lippen des Publikums.

Zwei Päckchen Buchstabensuppe und Buchstabenkekse bekommen Jutta Sirotek, Ortsvorsitzende der CSU in Zorneding, und Landrat Niedergesäß für jeweils einen Gastauftritt, bei dem es um die Politisierung von Sprache geht. Auch wenn es nicht wirklich gelingt, die Frage, warum sich die AfD über die "Vergenderung" des Deutschen echauffiert, zufriedenstellend zu beantworten, dient der Vorwurf von "Sprachpanscherei" Peters als Überleitung zum Thema Jugendsprache. "Im Anfang war die Universe leer u schwarz wie 1 coke zero am bimsen, also buildete Gott 1 Earth u 1 Heaven. Aber die Earth war dark wie 1 Berghain u needete 1 Boss-Transformation." So in etwa würde die Schöpfungsgeschichte auf "Vong" lauten, einer vor allem in sozialen Netzwerken gepflegten Art der Sprache, bei der bewusst grammatikalische Fehler gemacht sowie die Ziffer 1 anstelle unbestimmter Artikel verwendet werden.

Während der Textsalat für schallendes Gelächter sorgt, bringt Peters den Abend zu einem nachdenklich-philosophischen Abschluss: Forderungen nach einer reinen Sprache müsse man mit der Tatsache kontern, dass "jede Sprache schon immer gepanscht" sei, denn sogar auf den ersten Blick durch und durch deutsche Begriffe wie "Semmel" oder "Kartoffel" könne man ins Asyrische oder Italienische zurückverfolgen. Das sei auch gar nicht schlimm, denn, und das sind Peters Schlussworte: "Sprachen werden in jeder Minute neu geschaffen."