Glonn Lächeln, um zu leben

Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge und Schüler der Mittelschule stehen in Schloss Zinneberg gemeinsam auf der Bühne. Das Ergebnis ist ein neues Miteinander und viel Kommunikation

Von Alexandra Leuthner, Glonn

Es ist schön, über die Köpfe der Anderen hinweg schauen zu können. Ein bisschen wacklig und auch ein bisschen seltsam, weil die Füße und Unterschenkel mit kräftigen Gurten an Stelzen befestigt sind, die sich nur durch den entschlossenen Einsatz der Oberschenkelmuskeln bewegen lassen. Für einen ganz entspannten Stelzenlauf braucht es wohl erst einmal eine Menge Übung. In jedem Fall aber bringt der neue Blickwinkel eine ganz andere Sicht auf die Welt.

Und genau darum geht es für viele der jungen Flüchtlinge, die an diesem Vormittag in der Turnhalle von Schloss Zinneberg als Teil einer spielerischen Inszenierung der Fernsehshow "Spiel ohne Grenzen" unterwegs sind. Hoch auf Stelzen, 80 Zentimeter über dem Boden. Die Aufführung, zu der sich neben Mitarbeitern des Jugendamts, dem stellvertretenden Landrat Toni Ried auch die Vizepräsidentin der Regierung von Oberbayern, Maria Els, und eine Menge weiterer Zuschauer eingefunden haben, bildet den Abschluss einer außergewöhnlichen Woche im Schloss Zinneberg. K.I.D.Z. heißt das Projekt, das in einer Kooperation des Jugend- und Kulturfördervereins KunstBauStelle und des Zinneberer Jugendhilfezentrums über die Bühne gegangen ist. Finanziell unterstützt wurde es vom Aßlinger Verein Horizonte und dem Aktionsplan Grass 21. Als Ideengeber und Mitorganisator war Stephan Reischl mit von der Partie - Neffe der Einrichtungsleiterin und Koordinator von internationalen Jugendprojekten des Goethe-Instituts. Den interkulturellen Ansatz des Modellprojekts fand der Bayerische Landtag so förderungswürdig, dass er 21 600 Euro aus dem Kulturfonds für ähnliche künftige Projekte bewilligt hat.

Weit weg von Flucht und Vertreibung - das Projekt K.I.D.Z in Schloss Zinneberg bringt jugendliche Flüchtlinge für eine Weile auf andere Gedanken.

(Foto: Christian Endt)

Kurz bevor sich der Vorhang hebt, der den Bühnenraum der Turnhalle vor den Zuschauern verbirgt, vibriert die Luft jenseits der Abtrennung. Jugendliche aus 14 Ländern, unbegleitete Flüchtlinge und Schüler der Mittelschule, fiebern ihrem Auftritt entgegen. Sie sind in grüne, rote, gelbe und blaue T-Shirts gekleidet, tragen Maske und Kopfschmuck. Verschlungene Ornamente, Kringel oder riesenhafte Ohren in den Farben der Shirts türmen sich über ihren Köpfen auf. Hergestellt haben sie sie selbst, unter Anleitung der Festspiel-erprobten Kostümbildnerin Renate Stoiber, die dafür ein besonderes geeignetes Material entdeckt hat: Trittschalldämpfer, ein Mittelding aus weichem Styropor und Filz, wie man es unters Parkett legt. Dann beginnt die Show.

Ein Schlagwerk ist zu hören, das den Takt gibt, dann wird die Aufnahme zweier jugendlicher Ansagerinnen auf die Trennwand projiziert, die das Spiel ankündigen - "Spiel ohne Grenzen" statt "Grenzen dicht machen" hatte Einrichtungsleiterin Schwester Christophora Eckl in ihrer Begrüßungsrede gesagt. Bevor die Eurovisionsmelodie, das berühmte Tedeum-Präludium erklingt, beginnen die Ansagerinnen mit einer schier endlosen Aufzählung der vermeintlich angeschlossenen Fernsehstationen - angelehnt an die Aufzählung der Rundfunkanstalten, wie man das noch aus den 70er-Jahren kennt. Nur hießen die damals Sender Freies Berlin oder Nordwestdeutscher Rundfunk und nicht TV Äthiopien, TV Syria, Al Jazeera, NT Somalia oder Albanisches Staatsfernsehen. Dort wo diese Sender sitzen, haben die Jugendlichen ihre Heimat.

Beim Stelzenlaufen ist es wichtig, sich immer aufrecht zu halten und niemals stehen zu bleiben. Die langen Stangen sind Stütze und Verbindung.

(Foto: Christian Endt)

Die Show selbst folgt dann nicht unbedingt den klassischen Spielregeln. Schon allein, weil die vier Teams nicht zu je einem Land gehören, sondern bunt zusammengesetzt sind aus jungen Leuten aus Somalia, Äthiopien, Afghanistan, Deutschland, aus Eritrea, Syrien, Nigeria oder Kurdistan. Und so ist das Spiel auch zwangsläufig eines, das weniger von Worten als von dem Gemeinschaftsgefühl lebt, das hier spürbar gewachsen ist.

"Weg vom Tunnelblick" sagt Wolfgang Hauck dazu. Mit seinem Theater "Die Stelzer" kultiviert er das Theaterspielen ohne Worte. Die Truppe braucht keine Bühnen sondern macht die Öffentlichkeit zum Theater, in malerischen Kostümen sind die Schauspieler unterwegs, und weil sie - fast - ohne Sprache auskommen sind sie prädestiniert dafür, als Kulturbotschafter Workshops mit Jugendlichen in aller Herren Länder zu veranstalten. "Nur drei Ausdrücke in allen Sprachen", sagt Hauck, "die brauchen wir wirklich: Lächeln, Knie hoch und aufrecht halten". Das was dabei entsteht, funktioniere in einem Flüchtlingscamp an der syrischen Grenze ebenso wie bei den jungen Leuten im Schloss Zinneberg. Es bringt auf den Punkt, was hier wie dort dringend nötig ist. "Lächeln müssen die Stelzenläufer", - nicht nur um das Luftholen in fast zwei Metern Höhe nicht zu vergessen. Die aufrechte Haltung, ohne die der Stelzer ins Schwanken kommt, brauchen sie nicht hoch auf den hölzernen Beinverlängerungen. Sie hilft ihnen auch bei der Stabilisierung ihres Selbstgefühls, und dabei, "wieder im Leben anzukommen".

Eine ganz ähnliche Funktion haben die anderen Elemente der Show, die eineinhalb Stunden lang das Publikum in Zinneberg fesselt: Meist geht es um Körperbeherrschung, beim Jonglieren oder beim Springen auf dem Trampolin mit gleichzeitigem Korbwurf; um neues Selbstempfinden beim gemeinsamen Percussion-Spiel auf Bongos, Congas und selbst gebauten Cajons. Zugleich aber auch immer darum, dass einer der Jugendlichen für den anderen da ist, so wie Akash aus Pakistan. Er hilft seinem weniger sicheren Stelzenpartner Abdu - dem die Herausforderung die Schweißperlen auf die Stirn treibt - zuverlässig dabei, wieder auf den rettenden Sprungkasten zu kommen.

Auf einige Elemente der Aufführung hätten die Jugendlichen selbst bestanden, erzählt Stephan Reischl, so wie das kleine Schauspiel um ein Mädchen, das mit einer Gruppe von Jungs aus einem anderen Land eine Party feiern will, bis ein männliches Mitglied ihrer Familie auftritt und die anderen schlägt. Mitten im Geschehen ruft jemand "Stopp" und die Szene wird wieder auf Anfang gesetzt. Zum Projekt gehört auch eine Kochgruppe aus Mittelschülern und Flüchtlingen, die gemeinsam für das Fest-Buffet gesorgt haben, während in das Funktionieren des Rundherums Hausmeister und Lehrer viel Zeit und Energie gesteckt haben, wie es Schwester Christophora wichtig ist, zu betonen. Junge Leute mit Schildern in der Hand fungieren als Lotsen und bringen die Besucher zum Buffet, zum Videoraum, wo eine Dokumentation des Projekts gezeigt wird, oder auch zur Ausstellung über das kleine Buch "Gegenlicht". Texte der Flüchtlingskinder sind hier zusammengefasst, fünf von ihnen lesen daraus vor, einer davon, Kurdistan ist das Thema - geht in etwa so: "Viele Probleme, Tote, Scheiß Regierung, Schluss."