Geschichtsstunde in Grafing NS-Opfer aus der Nachbarschaft

Neue Forschungsergebnisse: Historiker Bernhard Schäfer bringt die Namen der KZ-Häftlinge aus dem Landkreis ins Bewusstsein.

Von Christian Hufnagel

Wer sich immer mit Schuldgefühlen konfrontiert sieht, sucht nach einem Ausweg. Und der ist schnell mit dem Argument der Unwissenheit gefunden. Einen moralischen Freispruch beanspruchten für sich Generationen von Deutschen, wenn es um ihr Maß an Verstrickung in das nationalsozialistische Unterdrückungs- und Gewaltsystem ging. Von den Gräueltaten nichts gewusst zu haben, ist eine der Standardantworten auf Fragen nach schuldhafter Untätigkeit, Mitläufertum oder Täterschaft. Dass der Bürger aber unwillkürlich mehr von den Verbrechen mitbekommen hat, als er gemeinhin hinterher eingestand, machte eine hochinteressante Geschichtsstunde deutlich, die Kreisarchivar Bernhard Schäfer am Dienstagabend im evangelischen Gemeindehaus in Grafing hielt.

Im Begleitprogramm der Wanderausstellung "Namen statt Nummern - Gedächtnisbuch für die Häftlinge des KZ Dachau" erdete der Historiker das Thema gewissermaßen auf die lokale Ebene. Und machte deutlich, dass das erste Konzentrationslager der Nazis "nicht irgendwo weit weg war, sondern uns alle betroffen hat", wie Schäfer in seinem Resümee zu recht betonte. Er hatte zuvor detailreich veranschaulicht, dass die Bevölkerung im Landkreis schon kurz nach der Machtergreifung Existenz wie Folgen dieser Hafteinrichtung kennen musste.

So dürfte es nicht unbemerkt geblieben sein, wenn zwei Wochen vor deren Eröffnung am 10. März 1933 elf Anhänger der kommunistischen Partei aus dem Landkreis verhaftet worden sind. Und wer übersehen haben sollte, dass ein Nachbar plötzlich verschwunden war, der konnte es durch die Regionalzeitung unmissverständlich erfahren: "Es wurde eine größere Anzahl von Kommunisten verhaftet, darunter mehrere bekannte Radaubrüder, die es schon längst verdient haben, schärfer angefasst zu werden", schrie Der Oberbayer, rühmte zugleich die "verständnisvolle" Zusammenarbeit zwischen Gendarmerie und SA, um über die Verhaftungswelle zu dem Schluss zu kommen: "Irgendein Grund zur Beunruhigung der Bevölkerung besteht nicht."

Auch der vermeintliche Zweck des Konzentrationslagers konnte der lesenden Bevölkerung nicht verborgen bleiben: Sinn und Aufgabe sei es, so Der Oberbayer in der Ausgabe am 25. März, "den kommunistischen Insassen des Lagers nahezubringen", wie sehr sie bisher irregeführt worden seien. Die Mittel hierfür: Arbeit im Dachauer Moos und "heimatkundliche Vorträge". Am 6. Juni 1933 wurden 13 Landkreisbürger aus dem Amtsgerichtsgefängnis in dieses "vermeintliche Idyll einer politischen Therapieeinrichtung", so Schäfer, überstellt. Sie kamen aus dem ganzen Landkreis, aus Kirchseeon, Ebersberg, Forstinning, Poing, Grafing und Aßling. In den nächsten Jahren sollten weitere Verhaftungen folgen. Manche Opfer wurden wieder entlassen, andere überlebten die Inhaftierung nicht.

Dass eben die Beziehung zum KZ in Dachau enger war, "als man wollte", belegte Schäfer auch mit Auszügen aus Polizeiberichten über wieder entlassene Häftlinge. Aus ihnen geht hervor, wie spürbar die politische Überwachung war und wie so mancher Verfolgte offenbar "seine bisherige Gesinnung aufgegeben und sich der nationalen Bewegung" angeschlossen hat, wie die Polizeidienststelle Kirchseeon über den vormaligen KPD-Funktionär Lenz festhielt.

Dass Opfer nicht gleich Opfer sein muss und es diskussionswürdig sein kann, ob jeder KZ-Häftling ins Dachauer "Gedächtnisbuch" aufgenommen werden sollte, unterstrich der Historiker mit dem Fall des Grafinger Schreiners Josef Huber; nachweislich ein "schwerer Gewohnheitsverbrecher", der Anfang 1940 im KZ Mauthausen starb, angeblich an den Folgen eines Herzleidens. Diesem Häftling eine biografische Seite für die Nachwelt zu widmen, würde er nicht befürworten, betonte Schäfer. Und erntete Widerspruch aus dem Publikum: Auch Huber sei Unrecht geschehen, waren zwei der gut 40 Zuhörer der Meinung.

Unstrittig war indes das moralische Urteil über den einzigen "Täter", den der Historiker aus dem Raum Ebersberg an diesem Abend namentlich nannte: Bei Fritz Hintermayer aus Grafing handelte es sich schließlich um den letzten leitenden Lagerarzt im KZ Dachau. Er wurde am 15. April 1946 von den Amerikanern hingerichtet. Schließlich sei er in seiner Funktion für die Folterung, Misshandlung und Vernichtung von Häftlingen mitverantwortlich gewesen, so Schäfer. Von diesem Täter mussten die Grafinger immerhin soviel mitbekommen haben, dass am 29. April 1945 US-Soldaten sein Grafinger Haus am Goldberg umstellt hatten. Sie forderten den SS-Sturmbahnführer mit dem Megafon auf, sich zu ergeben, was er auch tat.

Die Goldbergstraße wurde nach dem Krieg von den Kommunalpolitikern in "Straße der Opfer des Faschismus" umgewandelt. Forscher Schäfer irrte sich aber in seiner Erkenntnis, die Umbenennung sei nie ausgeführt worden. Eine Zuhörerin konnte sich an dieses Straßenschild jedenfalls erinnern. Da kann die Ortsgeschichte in diesem Punkt leicht ergänzt werden. Aber für die Zeit nach der NS-Diktatur fiel das erkenntnisbringende Erinnern den Menschen plötzlich auch wieder leichter. Christian Hufnagel