Geheimnisumwitteter Beruf Alltag in der Vergänglichkeit

Der Tod ist Franz Soderers ständiger Begleiter: Er ist Bestatter.

Von Sophie Rohrmeier

Das Blut ist gen Erdmittelpunkt gesackt, die Totenflecken am Rücken zeigen es. Ein Handtuch mit bräunlichem Ausfluss um die Mundwinkel der Frau nimmt Franz Soderer ab. Dann fasst er den Kopf sachte an und streift der Verstorbenen einen roten Pullover über. Die Vergänglichkeit des Körpers ist für den 29-Jährigen eine pragmatische Angelegenheit: Körperflüssigkeiten, verstreute Gliedmaßen und Totenstarre - all das gehört zu seinem Arbeitsalltag. Der junge Mann ist Bestatter.

In der Pathologie gilt es, achtsam zu sein. Manche Tote sind infektiös, dann warnt ein roter Aufkleber. In jedem Fall aber will Franz Soderer dem Menschen vor ihm gerecht werden. Diesen Respekt widmet er auch der 84-jährigen Verstorbenen, die er heute in der Pathologie des Krankenhauses Neuperlach ankleidet.

Eine Stunde zuvor, gegen 8.30 Uhr, sitzt Soderer neben seinem Kollegen Daniel Zimmermann in dem silbergrauen Auto mit den Vorhängen. Er soll nicht hupen und darf nicht rasen. Das Rückwärtsfahren vom Hof des Bestattungsunternehmens Imhoff in Grafing, bei dem er arbeitet, ist besonders schwer. Eine graue, mit einem samtartigen Stoff bezogene Trennwand zum Sargraum verdeckt die Sicht nach hinten. Das Navigationssystem leitet die beiden Bestatter aus dem Landkreis hinaus auf die Autobahnen und nach München. Oft holen sie Leichen aus den Pathologien der Hauptstadt-Krankenhäuser.

Franz Soderer sieht vieles, was kein Mensch wirklich sehen will. "Ich lasse es nicht an mich ran. Ich habe eine Schutzwand aufgebaut." Wie sonst könnte er rund um die Uhr, jeden Tag, den Tod ertragen. Dennoch, er rettet sich nicht in die Kälte der Gleichgültigkeit oder gar in Respektlosigkeit - trotz eines Humors, der nicht immer weihevoll klingt. "Hier drin geht's bestimmt auch witzig zu", im Leichenwagen schauen er und die Kollegen "nicht die ganze Zeit ernst". Irgendwie muss man sich den Geruch wohl vom Leib halten, und die Menschenkenntnis des Bestatters erstreckt sich auch auf bestimmte Bestattungsformen. Der Verstorbene als Diamant sei ja vielleicht "auch etwas fürs Pfandhaus". In Wirklichkeit aber, so empfindet es Soderer, ist jede Leiche "wie ich oder jeder andere".

Auch wenn diese Sicht manchmal schwer fällt. Im Sommer ging ein Anruf von der Polizei ein, der Rat des Beamten lautete: "Bring keinen Lehrling mit." Wenn Soderer das hört, weiß er, was ihn erwartet - wie bei diesem Fall, als sich ein Mann auf den Bahngleisen zwischen Eisendorf und Pfadendorf das Leben genommen hatte. Der Güterzug erfasste ihn bei voller Geschwindigkeit. "Wenn so etwas passiert, liegt der Körper über 300 Meter verstreut. Und das größte Stück ist so . . ." Soderer zeigt seine halbe rechte Hand. "Dass der Körper vergänglich ist, das weiß ich ganz gewiss." Die vielen Bergungen, die vielen unmittelbaren physischen Begegnungen mit dem Tod haben ihn das gelehrt. Die Toten können nicht liegen bleiben. "Aber was das Geistliche betrifft. . ."

Er macht eine Pause, um nachzudenken. "Die Abbiegung liegt links vor ihnen." Die Stimme der Navigation füllt die geräumige Front des Wagens. Er glaube, so sagt Soderer schließlich nach langem Überlegen, ein gläubiger Mensch zu sein. Auch glaube er, dass "es nach dem Tod noch etwas gibt". Katholische, evangelische, sogar buddhistische Priester kennt er viele, und die katholische Trauerrede auswendig. Als Kind war er Ministrant bei Beerdigungen, als Jugendlicher begegnete er dem Tod als Feuerwehrmann bei Einsätzen. Das erste Mal einen Unfall-Toten zu sehen, "ist schon krass".

Mit diesem Attribut beschreibt der junge Mann mit Vorliebe die Eindrücke, die der Tod bei ihm hinterlässt. Eine einfache Sprache, eine harte ist es zuweilen - eben eine "berufsbezogen krassere Sprache", wie er sich vorauseilend entschuldigt. "Manches klingt so, als würde ich Menschen wie ein Stück Vieh betrachten", sagt Soderer mit Vorsicht. Das sei aber "nicht im Entferntesten so". Eigentlich ist der hagere Mann mit den schwarzen Haaren und gepflegter Erscheinung eher ein Romantiker im umgangssprachlichen Sinn. Den Mitarbeiterinnen im Münchner Kreisverwaltungsreferat brachte er schon eine Rose. Er mag es, Blütenblätter oder einen Engel neben die aufgebahrten Urnen und Särge zu drapieren. Besonders nahe geht ihm ein Satz, den er zitiert: "Ich trauere nicht um Dich, sondern um mich ohne Dich."

Sein Beruf hat, meint Soderer, "mit Herz zu tun"; oder damit, "sich Gedanken zu machen". Die Frage der Unendlichkeit stellt sich für ihn unmittelbarer als für die meisten seiner Altersgenossen. "Wenn etwas schief geht, kann ich das nie wieder gut machen, für die Angehörigen nicht, für den Verstorbenen nicht - und für die ganze Gesellschaft nicht." Wer die Verantwortung nicht spürt, für den lohnt sich diese Arbeit nicht. Die Gerüche etwa, mit denen ein Bestatter konfrontiert wird, sind für viele in diesem Beruf sehr belastend. "Ob man das bezahlen kann?"

Dennoch verdient er besser als früher, als Kfz-Mechaniker. Vor allem aber ging es in der Werkstatt nur um Arbeit auf Zeit. Jetzt danken ihm die Menschen seine Mühe - "und wenn man den Abschied, der immer für jemanden schrecklich ist, schön machen kann, ist das doch das Schönste". Er will nichts anderes mehr machen. Franz Soderer ist immer im Dienst, 365 Tage, 24 Stunden. "Ich weiß nicht, ob diese Arbeit je endet." Sterben lässt sich nicht terminieren. Und es ist ein unausweichliches Ereignis, solange es Menschen gibt. "Es ist ein Beruf, den man lebt."

In der Pathologie des Klinikums Neuperlach angekommen, sucht er das richtige Kühlfach, nachdem er den einfachen, hell-hölzernen Verbrennungssarg vorbereitet hat. Darin liegen eine weiße Matratze und ein weißes Kissen bereit. Einfache weiß-graue Spitze umrandet das Innere. Soderer pustet noch ein paar Holzspäne weg, bevor er das Kissen aufschüttelt. Mit Latex-Handschuhen öffnet er die Metalltür mit dem Namen der Verstorbenen und zieht die Schale mit dem überraschend schmalen Päckchen weißer Leintücher auf eine rollende Metall-Bahre. Mehr durch das, was der Beobachter erwartet, als durch die tatsächliche Form lässt das Gebilde die Umrisse eines Körpers erkennen. Soderer schiebt die Bahre neben den Sarg, bevor er sich der Verstorbenen zuwendet. Sie ist nicht besonders klein oder zart, aber die Tücher, in die sie gewickelt ist, lassen sie fragil wirken. Soderer faltet das Laken auseinander, das um die Füße der Frau gewickelt ist - er öffnet es nur bis unterhalb der Knie. "Man lernt als Bestatter bei Damen: Man beginnt mit den Beinen und der Schambereich bleibt so lange bedeckt wie es geht", erklärt er und zieht der Frau die hautfarbenen Socken über. "Das ist auch richtig so", fügt er leiser hinzu.

"Pietätvoll" ist ein weiteres Wort, das Soderer oft benutzt. Es ist ein ausgesuchtes Wort und in Hochsprache, es fällt auf im Dialekt des Bestatters. Nicht bei allen Bestattungsinstituten lernt man diesen Umgang mit den Verstorbenen, zu dem auch gehört, dass ihnen der Bestatter vielleicht eine Blume von der Terrasse in die Hand legt. In der "Massenabfertigung", wie Soderer es nennt, bei großen Bestatter-Ketten, bleibt keine Zeit für das "Pietätvolle". Das aber gehört zur Leitlinie des Betriebs, für den er arbeitet. Ein Bestatter bietet eben auch den Service "Pietät". Dennoch will Soderer das Wort selbst füllen, mit Leben. Seine Hände berühren den toten Körper nicht, als legten sie Wert auf den Schutz durch die Latex-Handschuhe. Die Haut des alten Körpers ist wächsern, wie das bekannte sprachliche Bild es sagt. Soderer zieht die Unterwäsche unter dem Laken hoch, die Windel belässt er, wo sie ist, "falls noch etwas austritt". Schließlich entblößt er mit geübten Handgriffen, aber vorsichtig Oberkörper und Gesicht.

Aber Soderer befasst sich auch sachlich mit den Umständen vor ihm. Den BH zieht er der Frau nicht an. "Da ist Eisen drin", nichts für die Feuerbestattung. Der Bestatter hebt, üblicherweise mit seinem Begleiter, den Körper von der Liege in den Sarg. Zum Schluss fährt er der Frau mit Desinfektionsmittel sanft über die Gesichtshaut und kämmt die kurzen, von einer Chemotherapie stoppeligen Haare. "Gekämmt wird jeder Tote", sagt Soderer, während er Geruchsvernichtungsspray mit Zitronenduft über Gesicht und Oberkörper sprüht. In diesem Fall eigentlich nicht nötig. Zwar durchzieht den Raum, in dem dieses Ankleiden sich vollzieht, der ziehende Geruch von Desinfektionsmitteln; er mischt sich mit etwas, das an das Giftige, Süßliche von Plastik erinnert. Doch die Leiche stinkt nicht - sie war gekühlt.

"Man riecht nach dem Tod auch nicht mehr, wenn jemand Raucher war oder wenn jemand stark schwitzt. Das geht weg. Nur Zehenkäse nicht." Ein Bestatter kommt dem Körper in einer Zeit der möglichst großen Perfektionierung von der anderen Seite her ganz nahe: vom absoluten Ende, das viele Bemühungen aufhebt. "Ich sollte einmal die Haare einer Griechin färben. Ich habe dann gesagt, bis die Dame in Griechenland angekommen ist, ist der Ansatz wieder da." Haare und Zehennägel wachsen nämlich nach dem Tod noch eine Weile weiter. Soderer lernt einiges über den Menschen und seine Grenzen, wenn er seine Touren fährt. Zu seinen Freunden zählte auch "Old Henry", ein früherer Chefpräparator der Münchner Pathologie. "Der hat mir erzählt, wie der perfekte Mord funktioniert."

Von der Pathologie aus geht es zu verschiedenen Behörden, mit der Verstorbenen im Wagen. Auch die Polizei muss erst die Feuerbestattung genehmigen. Es ist ein soziales Netzwerk zwischen Notarzt, Polizei, Feuerwehr und Bestatter, das die Beteiligten pflegen. "Mit den Kriminalern habe ich ein brutal gutes Verhältnis - und dann haben die auch ein gutes zu mir." Die Firma Imhoff hat einen Vertrag mit der Polizei im Landkreis, ihre Bestatter werden zu Bergungen gerufen. Die sind dankbar, wenn die Polizisten sie dann vorbereiten: "Die verkohlte Leiche musst du selbst aus dem Auto holen." Zwar überrascht Soderer noch immer manches in seinem Beruf - aber nicht, wie heiß ein solcher Körper ist, nichts von dem, was gemeinhin schocken würde, zerfetzte Menschen, tote Kinder, auch wenn "jeder Fall schrecklich ist".

Was ihn jedoch aus der Fassung bringt, sind manche Hinterbliebene. Der Streit ums Erbe beginnt oft schon vor der Beisetzung. Manchmal ist es auch die Ungerührtheit gegenüber dem Verstorbenen, die gegen Soderers Pietätsgefühl geht. Der Verlust eines Angehörigen scheint oft weniger schwer zu wiegen als der materielle. Die Haltung der Menschen habe sich verändert, meint Soderer. Als er anfing als Bestatter, habe man mehr die Würde des Toten geachtet. Heute gehe es eher ums Geld, nicht nur bei Leuten, die aufgrund der wirtschaftlichen Lage eben wenig hätten. "Inzwischen versuchen mehr Leute, Leistungen, die wir erbringen, nicht zu zahlen." Da geben etwa Hinterbliebene falsche Namen an, um später die Todesanzeige nicht zahlen zu müssen. Auf dem Land sei es aber noch ein bisschen anders: "Da lässt man sich nicht darauf anschauen. Sterben ist eben teuer."

Aber die Achtung vor dem Bestatter ist gesellschaftlich gering. "Einige finden's ganz cool. Aber es gibt Leute", erzählt Soderer, "die wechseln die Straßenseite, wenn sie am Bestatter vorbeigehen." Auf Frauen wirke der Beruf oft abstoßend, viele "blocken akribisch ab". Das waren seine Erfahrungen, als er mit 22 den Beruf wechselte. "Dass mir die Reaktionen der Leute heute wurst sind, das wäre zu viel gesagt." Aber irgendwann brauche man den Bestatter eben doch, sagt Soderer mit der erlernten und noch etwas brüchigen Selbstgewissheit eines Gemiedenen.

Das Unausweichliche des Todes betrifft damit auch ihn selbst. Das Nachdenken darüber hat zwei Fluchtlinien. Die eine ist der Scherz: "Ich kann ja gar nicht sterben, ich weiß ja nicht, wer dann meine Beerdigung machen sollte." Die andere Richtung einzuschlagen, fällt schwerer. "Wenn man in ein Hospiz geht und sich das ansieht, da würden neun von zehn auf einen Knopf drücken, damit es vorbei ist" - wenn es ihn gäbe. "Aber ob das dann auch so ist, wenn man wirklich in der Situation ist?"

Die eigene Entscheidung des Menschen ist ihm wichtig. Dieses Gefühl bestimmt ihn, wenn er zu Bergungen muss. Bei Selbstmördern denkt er: "Der wollte das ja so." Anders geht es ihm bei Unfällen, bei denen alles auch hätte anders kommen können. Seine Reaktion auf den Tod ist die eines Realisten. Vielleicht spielt er deshalb des Öfteren unverkrampft in Fiktionen mit, in Kriminalsendungen wie "Aktenzeichen XY" und zuletzt "Unter Verdacht" mit Senta Berger. Mit leisem Stolz erzählt er davon. Soderers Reaktion ist auch oft nah am Wesentlichen des Verstorbenen: Für einen Bierfahrer erntet er Gerste und auf einen alten Knecht, wie es ihn heute kaum mehr gibt, stößt er mit seinem Kollegen an: "Eine Halbe, das hätte er auch gemocht."

Mit einem Bein steht Soderer immer mit am Grab - die Gefühle seiner Kunden und die Würde der Verstorbenen darf ein Bestatter nicht verletzen; mit dem anderen Bein aber muss er fest in seinem eigenen Leben stehen. Würde er nur trauern, es würde ihm den Boden den Füßen wegziehen, er könnte darauf nichts gründen. "Man hat seinen Körper im Griff - und seine Gedanken", meint Soderer. Nur so funktioniert ein Mensch in diesem Beruf. Der allerdings lässt sich nicht leicht abgrenzen vom Privaten. "Ich würde im Fasching nie besoffen in einer Ecke liegen."

Gegen die Verzweiflung braucht der Mensch die Fröhlichkeit. Doch die gestehen manche Hinterbliebenen dem Bestatter kaum zu. Es ist ein heikler Beruf, ein Balanceakt. Nicht nur wegen des Wagens, den Soderer nun wieder zurück durch die enge Grafinger Gasse zum Institut steuert. Der letzte Satz der Navigation, "Sie haben Ihr Ziel erreicht", geht am Ende der Fahrt unter. Soderer weiß, wohin er gleich noch muss - zum Apfelstrudel seiner Kollegin. Im Büro hängt ein violettes Pappschild, darauf steht: "Ich lebe jetzt."