Frauenneuharting Kursänderung gegen den Untergang

Ernst Weeber hat ein fortschrittskritisches Buch geschrieben. Inspiriert wurde er dazu von dem Astrophysiker Peter Kafka

Von Carolin Fries, Frauenneuharting

"Kann man heute noch zuversichtlich sein, wenn man realistisch bleiben möchte?" Das ist die Frage, die Ernst Weeber seinem Buch "Weiter gegen den Untergang - eine Auffrischung" (oekom Verlag) zugrunde legt. Und auch wenn man "Gegen den Untergang" von Peter Kafka nicht kennt, von dem der in Frauenneuharting lebende Ernst Weeber sich zu diesen Seiten inspiriert fühlte, ist man dankbar, dass sich jemand diese Frage nicht nur stellt - sondern sie mit aller Konsequenz durchdenkt. Denn dass sich die Welt und die Lebensverhältnisse verändern, kann man nicht leugnen. Der Astrophysiker Peter Kafka, der nicht mit Franz Kafka verwandt ist, schrieb 1994 von einer "globalen Beschleunigungskrise". Als Krisensymptome führte er den Klimawandel und die zahlreichen Bürgerkriege an. Doch eine Krise, so Kafkas Theorie, bedeute nicht den Untergang - wohl aber eine Entscheidung. Auch eine ganz persönliche Entscheidung.

Ernst Weeber hört erstmals 1997 von Kafka - im Radio. "Der Mann sprach von einem Zeitproblem, dass ihn seit zwanzig Jahren beschäftige, aber von seinen Zeitgenossinnen und Zeitgenossen kaum gesehen würde. In der Mitte seines Lebens sei ihm plötzlich bewusst geworden, dass fast alles, was er als Kind lieben gelernt hatte, gar nicht mehr da war. Inzwischen habe er feststellen müssen, dass seine Kinder diese Erfahrung bereits am Ende ihrer Schulzeit machten."

Nun, vielleicht hat auch Weeber diese Erfahrung gemacht, jedenfalls war er "angestachelt und begeistert" von Kafkas Idee, den Motor der Krise auszubremsen, der gemeinhin als "Fortschritt" bezeichnet würde. Immer noch weiter und noch schneller, das war Ernst Weeber sofort klar, könne es nicht gehen. Die Gegenparole Kafkas, der sich selbst einen Wanderprediger nannte, sollte unter den Schlagwörtern Vielfalt und Gemächlichkeit geführt werden. Der 63 Jahre alte Weeber war von den Inhalten, aber auch von der wissenschaftlichen Herangehensweise des Physikers gefangen. Dieser war fest davon überzeugt, dass jeder einzelne Mensch durch sein Wollen diesen Entscheidungsprozess mitgestaltet. Deshalb, so Weeber in seinen einleitenden Worten, habe er sich für eine Auffrischung entschieden: "Um das engagiert tastende Ich vor dem Burn-out zu bewahren, vor der Resignation angesichts schier unerträglicher Umstände und ,Fortschritte." Peter Kafka starb im Jahr 2000 in München.

Weeber, der Philosophie und Erziehungswissenschaften studiert hat und mehr als 30 Jahre lang geistig behinderte Menschen betreut hat, arbeitet seine Gedankengänge ebenfalls methodisch und wissenschaftlich auf. Er stellt Fragen und beantwortet sie ehrlich. Wenn er etwas nicht sicher weiß, aber meint, etwas kapiert zu haben, oder aber sagt: Ich weiß es nicht. Um Rechthaberei aber geht es ohnehin nicht, denn ob unsere Welt wirklich lebenswert ist, dazu gilt es zunächst einmal zu klären: Was ist wirklich? Und was ist lebenswert? Fragen, die wiederum neue Fragen aufwerfen, und so arbeitet sich Weeber konsequent durch Soziologie, Philosophie und diverse Studien über Wirtschaftswachstum. Sogar aus der Bibel und dem Grundgesetz zitiert er. Festzuhalten ist, dass die Wirklichkeit ein fortschreitender Prozess ist, der beeinflussbar ist. "Die Realitäten sind nicht so zwingend, wie sie erscheinen." Festzuhalten bleibt zudem, dass der Mensch ein großes Verlangen danach hat, dass es nicht nur ihm, sondern auch seinen Artgenossen und der Umwelt gut geht. "Wahrscheinlich ist also die Sehnsucht nach funktionierender, Heimat bietender Gemeinschaft ebenso tief in unseren Seelen verwurzelt, wie die "Selbstsucht". Das führt dazu, dass Weeber ausführlich und durchaus interessant die Idee eines "bedingungslosen Grundeinkommens" diskutiert.

Seine entscheidende Botschaft aber ist, dass der Mensch auch gegen allerlei Widerstände die Kraft hat, die Gesellschaft zu gestalten und somit globale Strukturen zu verändern. Das kann man in entsprechenden Organisationen und politischen Parteien versuchen, das kann man aber auch "indem wir darüber reden", wie Weeber schreibt. "Es geht doch darum, dass wir uns gegenseitig in dem Wollen bestärken, wirksame Bestandteile einer vielfältigen, lebendigen, liebevollen gesellschaftlichen Bewegung zu sein". Trotz aller Gesellschaftskritik kommt Ernst Weeber zu dem Schluss, dass man durchaus zuversichtlich sein kann. Ja, dass die Zuversicht sogar Teil dieser "Kursänderung gegen den Untergang" ist. Man hört den Autor bei diesen Worten, wie er manch einem müden, zornigen, in Selbstmitleid und Zweifel rudernden Leser ein frohes "Weiter!"

zuruft. Ernst Weeber: "Weiter gegen den Untergang - eine Auffrischung", 172 Seiten, erschienen im oekom Verlag.