Förderprogramm Der Schlüssel zur Welt

Seewinkel-Leiterin Nina Guridova und Fachberaterin Nina Bergs lesen nicht nur vor, sondern sprechen ganz viel mit den Kleinen in der Seewinkel-Kita.

(Foto: Christian Endt)

"Alles erklären, viel fragen" gehört zum Konzept vom Kinderland Seewinkel in Poing, einer der vier Sprachkitas im Landkreis. Kinder, so nämlich die Erfahrung der Pädagogen, sprechen zunehmend schlechter

Von Viktoria Spinrad, Poing

"Warum machen wir das so?", fragt die Erzieherin in den Morgenkreis hinein. Zuvor hat sie den dreijährigen Konrad* ermahnt, weil er in den Sitzkreis der 25 Kindergartenkinder hineingerobbt war, obwohl sie am Rand sitzen sollen. "Damit die Füße nicht den Nachbarn stören", antwortet Daniel, 5, dann singen die Kinder weiter.

Eine kleine Szene, scheinbar unbedeutsam, mit einer Frage, die aber einen Grund hat. Denn hier im Poinger Kinderland Seewinkel sollen die Kinder möglichst viel sprechen. Die Kita ist eine von bundesweit 6 672 sogenannten "Sprachkitas" - und damit Teil eines Förderprogramms des Familienministeriums "Weil Sprache der Schlüssel zur Welt ist". Ziel ist eine bessere sprachliche Bildung des Nachwuchses, und damit auch mehr Chancengleichheit für einheimische Kinder und Kinder aus anderen Ländern. Ein Anliegen auch von Maria Boge-Diecker. "Leider sprechen die Kinder zunehmend schlecht", beklagt die Geschäftsführerin der Kinderland Plus GmbH, dem Träger des Kinderlands Poing. Über die Gründe dafür kann sie nur spekulieren. "Ich denke, dass in den Familien weniger vorgelesen und miteinander gesprochen wird", sagt sie. Deshalb hat sie die Förderung mehrerer ihrer Einrichtungen beantragt. Auch in den Kitas "Kinderhaus Isen", "Little Feet - Big Steps" und dem Kinderland in Parsdorf soll möglichst viel gesprochen werden. Ein Fokus dabei dürfte auf den 35 der insgesamt 210 Kinder in den vier Einrichtungen liegen, die nicht-deutscher Sprachherkunft sind. Und so geht es auch um Inklusion, wenn die Erzieherinnen in Poing bestimmte Kinder nach dem Wetter, Wochentagen und Uhrzeiten fragt und ein Lied nach dem anderen anstimmen.

"Es geht aber nicht um frontalen Sprachunterricht - sondern darum, die alltäglichen Rituale der Kinder zu nutzen", erklärt Nina Bergs. Die 29-jährige Pädagogin berät als Teil des Bundesprogramms sieben Sprach-Kitas zwischen Haar und Taufkirchen bei der Umsetzung des Konzepts. Um die Kinder zum Sprechen von ganzen Sätzen anzuregen, rüstet die ehemalige Kita-Leiterin die Betreuer mit Tricks wie offenen Fragen aus, die sich in den Alltag einflechten lassen. Zum Beispiel beim Basteln. "Was machen wir jetzt, Annika*?", fragt eine Erzieherin. Annika flüstert: "Ohren." - "Ich kann dich nicht hören." - "Ohren für die Katze ausschneiden", wiederholt Annika und schnappt sich eine Schere. Oder beim Kochen, Wickeln, Zähneputzen. "Überall ist Sprache drin."

Nur nicht immer verbale Sprache. "Wenn Kinder miteinander spielen, verstehen sie sich auch ohne Worte", sagt Nina Guridova. Die Leiterin der Kita gibt ein weiteres Beispiel, mehr gesprochene Sprache in den Kita-Alltag der Kinder zu bringen: "Anstatt dem Kind nur seine Matschhose anzuziehen oder es zu wickeln, kann man gleichzeitig erklären, warum das gerade passiert." Das hätte auch noch einen weiteren Vorteil: Mit solchen sprachlichen Begleitungen verstünden die Kinder auch besser, was im manchmal hektischen Kindergartenalltag mit ihnen und um sie herum passiert.

Die Kita in Poing gibt es erst seit September, sie ist also noch ganz am Anfang. Seit im Januar die Förderung angelaufen ist, hat die Einrichtung eine halbe Stelle mehr, finanziert vom Bund. "Das spürt man", sagt Leiterin Guridova. In den nächsten Monaten wird es mit den zusätzlichen Mitteln darum gehen, die Betreuer weiter zu schulen. Dann soll neben der sprachlichen Bildung und der Inklusion die dritte Säule des Programms - die Zusammenarbeit mit den Familien - gestärkt werden. "Wir wollen Bildungsveranstaltungen für die Eltern organisieren", kündigt Fachberaterin Bergs an.

Bleibt die Frage: Ist es Aufgabe einer Kita, sprachliche Mängel eines Kindes abzufangen? "Sprachliche Bildung ist die Aufgabe von allen, die mit dem Kind in Kontakt sind", sagt die Leiterin. Auch Geschäftsführerin Boge-Diecker betont den Bildungsauftrag der Kitas. Dass dieser nun gefördert wird, kommt auch bei den Betreuern gut an. "Schön ist, dass das Programm nachhaltig ist, weil hier Routinearbeit gefördert wird", sagt eine Erzieherin. Die Förderung des Bundes läuft bis zum Jahr 2020. Bis dahin soll sich der Fokus auf die Sprache im Kita-Alltag in Poing verfestigen - damit sich die möglichen Wege der Antons, Akiras und Amiras nicht schon im Kita-Alter gabeln.

* Namen aller Kinder geändert.