Ausstellung beim Kunstverein Surrealismus am Schlagzeug

"Es gibt in der Kunst Tieferes als Wissen und Handwerk." Dieses und andere Werke zeigt Clauss in Ebersberg.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Hannes Clauss mixt Kunst und Musik

Von Victor Sattler, Ebersberg

Eine Doppel-Vernissage hat es in der Ebersberger Galerie Alte Brennerei noch nie gegeben. Bei dem, was dort nun am Freitagabend eröffnet wurde, könnte man aber gar fast von einer Vierfach-Ausstellung sprechen: Denn die drei Werkreihen, die der Schlagzeuger Hannes Clauss im Rahmen von "Jazz goes Art" eine Etage über Bianca Isensees "Manhattan" zeigt, haben in Material und Herangehensweise so wenig miteinander zutun, dass sie auch von drei verschiedenen Künstlern stammen könnten.

Clauss, 68, hat sowohl Freie Kunst als auch Jazz studiert, war seitdem bildnerisch und musikalisch tätig und will sich sogar innerhalb einer Disziplin auf gar nichts festlegen lassen. Einmal konzeptualisiert er jedes noch so kleine Detail, dann verliert er sich wieder im Spiel und lässt der Arbeit freien Lauf. Clauss, der das Mikrofon ablehnt, solang der Raum klein und beschaulich ist, hat viele Lebensjahre als Schüler und Dozent an Kunst- und Musikhochschulen verbracht - und treibt sich nun mit gleichem Zeitaufwand alles Gelernte wieder aus. "Es gibt in der Kunst etwas tieferliegendes als bloß Wissen und Handwerk", findet er.

In diesem Sinn darf man in der Alten Brennerei den Blick von links nach rechts schweifen lassen und drei Stadien erkennen: An seinen surrealistischen Menschenfratzen und Strichmännlein hat Clauss wie ein Kind gekritzelt, sich einmal "ganz leer gemacht" und erfolgreich vergessen, dass Beine meist mehr Dimensionen haben als nur eine. Manche seiner schemenhaften Stücke wie "Bebop" und "Bossa Nova" sind außerdem nach Musikstilrichtungen benannt, eine Zeichnung steht für das Gefühl des Höhepunkts im Solo.

Der Jazz beschäftigt den Schlagzeuger Clauss auch in seiner zweiten Werkreihe, den Linolschnitten. Hier ist er dem Papier zu Leibe gerückt und testet aus, wo es sich spannt und wölbt, wenn man es mit Schere, Nägeln oder Stanzern bearbeitet. "Manchmal blüht es wie ein Blumenkohl auf", sagt er. Was dabei letztlich rauskommt, sei dem Zufall überlassen. Wie auch im Jazz wird der "Fehler" zum kreativen Mittel stilisiert, um den Künstler selbst in Erscheinung treten zu lassen. Darum und um das Austesten der Möglichkeiten gehe es ihm, sagt Hannes Clauss.

Am markantesten ist Clauss' dritte Reihe mit dem leicht irreführenden Titel "Stockbilder". Nein, es geht nicht um die sich in Online-Artikeln tummelnden, oft nur bedingt zum Thema passenden Symbolbilder, die von Agenturen "in stock", also auf Vorrat produziert werden. Sondern Hannes Clauss hat den Stock noch beim Wort genommen und befestigt Strukturen aus dickerem und dünnerem Holzgeäst auf seinen Leinwänden, sodass große Teile über den Rahmen hinausragen und "die Bildfläche erweitern". Was übersteht, sieht oft aus wie dicke Kabelwülste, wirft manchmal Schatten und ist meist in einer kräftigen Farbe hervorgehoben. Hier kommt Clauss' Komposition zum Tragen: Die sich wiederholenden Farbharmonien der geriffelten Holzrippen könnten etwa Tonleitern nachspüren - und einzelne Stücke sind so natürlich in die raue, von Fenstern und Leitungen unterbrochene Wand der Alten Brennerei geschmiegt, dass es aussieht, als wäre der Erker just für diese eine Leinwand aus dem Putz geklopft worden.

Nicht bloß den Ebersberger Räumen schmeichelt Hannes Clauss, sondern auch seinen Kollegen beim internationalen Jazz-Festival "EBE-JAZZ 17": Neben einer Hommage an den großen Miles Davis, welche die titelstiftenden Farben aus Davis Ballade "Blue in Green" aufgreift, ist eine Monotypie auch dem italienischen Jazz-Trompeter Enrico Rava gewidmet, der am 20. Oktober, nur einen Tag vor Clauss selbst, in Ebersberg auftreten wird. Somit ist es fair zu sagen, dass Hannes Clauss dem Jazz so viel gibt wie nimmt, dass er die beiden Künste so oft trennt wie paart: Art goes Jazz and Jazz goes Art.

Die Ausstellung "Jazz goes Art" geht noch bis zum 22. Oktober. Am 21. Oktober, 14 Uhr, tritt Hannes Clauss zudem, umgeben von seinen Werken, mit seiner Band Homm in der Alten Brennerei auf.