Ebersberg Schall und Dampf

Die "dampfbar" sieht nicht aus wie eingewöhnlicher Tabakladen. Streng genommen ist sie ja auch keiner: E-Zigaretten enthalten gar keinen Tabak.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Ein Ebersberger Spezialgeschäft für E-Zigaretten wehrt sich gegen das schlechte Image seines Produkts

Von Serafine dinkel, Ebersberg

Auf den ersten Blick wirkt das Geschäft wie ein hippes Café, das Fairtrade-Cappucino mit Mandelmilch servieren könnte: viel Licht, viel Weiß mit grünen Farbakzenten. In Glaskästen sind jedoch technische Gadgets ausgestellt, ähnlich wie in einem Elektronikmarkt. Andererseits reihen sich im Wandregal hinter dem Tresen kleine Fläschchen aneinander, wie es in Apotheken der Fall ist. Insgesamt eine untypische Mischung, die Mario Bagozzi da anbietet, denn in seiner Ebersberger "dampfbar" verkauft er E-Zigaretten.

Anderswo sind sie bereits Normalität im Straßenbild, doch im Landkreis scheinen sich E-Zigaretten nicht wirklich durchgesetzt zu haben. Nach der ersten Empörungswelle aus Angst vor Verführung der Jugend ist die E-Kippe offenbar von der Bildfläche verschwunden - in die Schmuddelecke. Von vielen wird sie weniger mit dem freundlichen Ambiente in Bagozzis Laden verbunden, als vielmehr mit finsteren Tabakläden, die Shisha-Zubehör mit Cannabismotiven verkaufen.

Doch das täuscht. "In Ebersberg und Umgebung wird die E-Zigarette immer populärer. Ich habe Kunden aus dem gesamten Landkreis", sagt der Ladenbesitzer. Das seien vor allem Tabakraucher auf der Suche nach der "weniger schädlichen Sucht". Seit Ende 2014 hat Bagozzi seinen Laden am Marienplatz. Was eine Verbreitung verhindere, seien eigentlich nur immer wieder neue Regelungen und Einschränkungen. Streng genommen haben die E-Zigaretten in normalen Tabakläden nichts verloren, denn sie enthalten überhaupt keinen Tabak. Es wird eine Flüssigkeit erhitzt, verdampft und eingeatmet.

Dieses "Liquid" enthält ein Aroma nach Wahl und je nach Wunsch kein, wenig oder viel Nikotin. Der Maximalwert beträgt 20 Gramm pro 100 Milliliter; gängig sind aber sechs oder zwölf. "Die Nikotinmenge kann Schritt für Schritt verringert werden", erklärt Bagozzi. Und Teer und andere Zusätze könne man ganz vermeiden. Sein Liquid werde in München hergestellt, "entwickelt von einem Arzt und einem Apotheker". Die Inhaltsstoffe seien jederzeit einsehbar. "Erstkonsumenten bekommen erst einmal ein Beratungsgespräch und können Produkte testen, um ein Konzept zu finden, das zu ihnen passt", sagt Bagozzi und weist auf die einladenden grünen Sitzgelegenheiten im Nebenraum hin. Regelmäßig gibt es dort auch einen "Dampferstammtisch". Die E-Zigarette als Lifestyle.

Woher das Schmuddelkiosk-Image kommt, lässt sich nur vermuten. Vielleicht, weil auch klassische Tabakkonzerne mittlerweile E-Zigaretten vertreiben, aus Angst vor Kundenverlust sind die großen nämlich auf den E-Zug aufgesprungen. Vielleicht aber auch wegen der hitzigen öffentlichen Debatte: Die harsche Ablehnung des Produkts von einer Seite, aber auch die vehemente Gegenkritik durch die "Dampfer-Szene" mögen abschrecken.

Bagozzi zufolge schicken einige Ärzte ihre Patienten zu ihm, die Schwierigkeiten haben das Rauchen aufzugeben. Denn die E-Zigarette sei effektiver als Nikotinpflaster oder Nikotinkaugummis. Doch am Nutzen oder Schaden dieser Herangehensweise scheiden sich die Geister.

Der Gesetzgeber ist skeptisch. Seit einer Änderung des Jugendschutzgesetzes im April 2016 dürfen Jugendliche keine "Liquids" mehr kaufen, auch wenn sie kein Nikotin enthalten. Vom Sinn der Maßnahme ist der Ladenbesitzer nicht überzeugt. Seit Mai dieses Jahres gilt zu seinem Ärger auch die EU-Richtlinie zur "Regulierung von Tabakerzeugnissen". Diese bezeichnet die E-Zigarette nicht nur als Tabakprodukt, sondern verbietet auch die Werbung dafür. "TPD2-Zensur" ist daher in roten Klammern bei Produktbeschreibungen auf der Ladenwebsite zu lesen. Gleichzeitig steht dort zu lesen, dass Politiker und Lobbyisten gegen die E-Zigarette hetzen, doch die Wahrheit schon noch ans Licht kommen werde. Auf einem Infoflyer sind auch Pro-Zitate von Ärzten und Wissenschaftlern zu finden.

"Grundsätzlich ist die E-Zigarette weniger gefährlich als die Tabakzigarette", bestätigt Martina Pötschke-Langer, Tabakpräventionsbeauftragte des Deutschen Zentrums für Krebsforschung. Gesund sei sie deswegen nicht. Auch der Nutzen bei der Tabakentwöhnung sei unklar. Denn häufig werde beides konsumiert, erklärt sie. Der Konsum des "Giftgemisches" aus der Tabakzigarette werde zwar reduziert, dafür aber um das "Chemikaliengemisch" aus der E-Zigarette ergänzt. Die Folgen seien noch nicht absehbar. Frische Luft, so Pötschke-Langer, sei eben überhaupt noch das Gesündeste. Eine weitere Sorge des Gesetzgebers war, dass die Jugend sich mit E-Zigaretten an das Ritual des Rauchens gewöhne, was den Umstieg auf Tabak erleichtere. "Einen umgekehrten Gateway-Effekt gibt es nicht", widerspricht Bagozzi.

Die Raucher selbst scheinen sich mit der erhitzten Debatte weniger auseinanderzusetzen. Und so verirrt sich ab und an auch ein normaler Tabakkonsument in die "dampfbar " und fordert ein Päckchen Zigaretten. Den muss Mario Bagozzi dann erst einmal aufklären.