Ebersberg Picknick mit Begleitgrün

Die Juroren-Ausstellung im Grundbuchamt lädt unter anderem nach New York und gewährt einen Blick auf Ebersberg

Von Rita Baedeker, Ebersberg

Zum Ursprung des Begriffs "Picknick" gibt es mehrere Interpretationen. Die charmanteste besagt, dass die Wortschöpfung eine Verballhornung des Satzes "Tu me piques, je te nique: "Piek mich, ich neck dich!" sei. Dies würde den Franzosen Recht geben, welche die Erfindung des Speisens unter freiem Himmel als Erfindung der Grande Nation ausgeben. Entstanden während der Französischen Revolution, als die Bürger, nachdem sie die Ländereien des Adels besetzt hatten, dort Brotzeit machten. Die Briten wiederum verweisen auf einen Lord, der eine Versammlung, bei der übrigens nichts gegessen wurde, als "picnic" bezeichnet haben soll. Für die Engländer sei die Nähe zur Natur im Mittelpunkt gestanden, der Wunsch, in einer Jagdpause Gurkensandwiches mit Tee und Pastete zu essen. Man ist geneigt, den Franzosen die Erfindung zuzuschreiben, schon wegen des Wetters.

Der Künstler und Feature-Autor Ralf Homann, einer der Juroren der Jahresausstellung des Kunstvereins, bietet mit seiner Picknick-Installation im Grundbuchamt einen Kompromiss an: Die karierte Decke, auf der er Picknickkorb und Anglerstühlchen ausbreitet, sind sehr britisch, die Flasche Wein und das Baguette französisch. Das Besondere an dieser Arbeit: Homann hat zur Geschichte des Picknicks recherchiert und Antenne und Sender gebaut. Seinen Text kann man sich auszugsweise bei der Vernissage und im Radio anhören.

Für Bianca Patricia wird das Detail eines lichtdurchfluteten Hotelvorhangs zum Ereignis.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Zum Picknick gehört ganz wesentlich das Grün. Dieser lieben Farbe hat sich passenderweise Andreas Pytlik verschrieben. Grün ist für ihn ein Dialog zwischen Kulturen, Kommunikation zwischen Menschen Auch dann, wenn er auf ein gelbes Farbfeld in blauen Buchstaben das Wort "Blün" schreibt - denn was ergibt sich, wenn man Gelb und Blau mischt? Genau: Grün! Um eine romantische Überhöhung der grünen Landschaft geht es dem Künstler jedoch nicht. In seiner Bildserie im Grundbuchamt reduziert er das Thema Baum auf Farbe und Geometrie. Dennoch pflegt er seine Leidenschaft fürs Grün auch im alltäglichen Leben: Sein Meterstab und der Griff seines Akkuschraubers seien grün, berichtet der Bildhauer Hubert Maier, den Gründonnerstag habe er als Feiertag erkoren. Die Nähe der Gemälde zum Picknick Homanns ist allerdings Zufall. "Keiner wusste vom anderen, was er ausstellt", sagt Maier. Zufall ist auch, dass es in der Ausstellung in der Alten Brennerei ein hinreißend witziges "Picknick im Grünen" von Isolde Egger, in diesem Fall aus Keramik, gibt.

Zwischen dem Grün von Pytlik und Homanns Picknick liegt Ebersberg - oder vielmehr eine aus schwarzen, gelben und weißen Wachswürfeln zusammengestückelte Form, welche die Künstlerin Patricija Gilyte auf Ebersberg bezieht. Das Wachs hat sie aus einer Wiener Kirche, wie sie erzählt. In den verästelten Formen, die sie mosaikartig auf dem Boden verteilt hat, erkennt sie die Straße, die durch Ebersberg führt, "Rücklichter von Autos, eine Kreuzung. Jeder Betrachter kann eine andere Assoziationen haben", sagt sie. Um eine geografische Zuordnung geht es ihr auch gar nicht. Es sind Vereinzelung und Fragmentierung, die sie interessieren. Gilyte hat vor einiger Zeit im Meta Theater Moosach aus 4116 Teelichtern eine Licht-, Wärme- und Mobilitäts-Trilogie kreiert; die brennenden Pixel ergeben ein bewegtes Muster aus leuchtenden und verglühenden Punkten, je nachdem, welche Lebensdauer jedes einzelne Licht noch hat. Zusammen verbinden sich die Punkte zu Ketten und Zeilen. Die Arbeit ist hier als Videoinstallation zu sehen. Sie erinnert an Satellitenfotos von illuminierten Städten.

Andere Wahrnehmung: Patricija Gilyte sieht in ihrem Mosaik aus Wachswürfeln die Straße durch Ebersberg.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Licht spielt auch in den Bildern von Bianca Patricia, die zuletzt bei der Jahresausstellung 2014 in Ebersberg mit einem Förderpreis ausgezeichnet wurde, eine zentrale Rolle. Das damals gekürte Gemälde eines Hotelfensters zum Times Square in New York hat sie zur Serie erweitert. Das Hotelzimmer gibt es auch in der Realität. "Ich habe dort ein paar Tage mit meiner Familie gewohnt", sagt sie. "Die Kinder spielten mit dem Vorhang", ein halbtransparentes und, wie sie findet, hässliches Ungetüm mit eingewobenen Streifen. Das vom Times Square in den Raum und durch den Vorhang fallende Licht habe jedoch eine magische Wirkung entfaltet. Das Licht gab dem Vorhang Struktur, Plastizität. Ob zur Blauen Stunde oder bei Sonnenuntergang: Das Licht, gepaart mit der schemenhaften menschlichen Gestalt zwischen Stoff und Fensterglas wurde zu einem reizvollen, im Detail grafisch-abstrakten Motiv, das die Malerin mehrfach variiert. "Ich dachte, hier im Grundbuchamt, wo so viele Fenster sind, muss man Vorhänge malen", sagt die junge Künstlerin und lacht.

Für Gisela Heide aus Pullenhofen, auch sie Jurorin der Jahresausstellung, hat das Thema Stoff vor allem eine zeitliche Dimension. Ihre Kleider und Muster sind für sie Codes der Vergänglichkeit. Augenfällig wird das beispielsweise bei den Handdrucken in Ölfarbe. Formen und Farben scheinen sich aufzulösen, zu zerfasern. Die Kleidungsstücke sind allesamt Metaphern des menschlichen Körpers, den man aber auf keinem Bild sieht. Man kann die Aura, die Verletzlichkeit und Vergänglichkeit nur erahnen. Kleider und Stoffe bergen Erinnerungen, gelebte Zeit, Status, Wandlung, Altern, Sterben, Auflösung und Neubeginn. "Kleider sprechen von Schönheit und vom Körper, von Traditionen, Geschichte und Kultur", sagt Gisela Heide. Kleider sind Sinnbilder des Lebens.