Drei Hefte sind vollgezeichnet, gerade hat sie das vierte angefangen Striche in der Linie 4

Celine Caly aus Kirchseeon zeichnet Menschen in der S-Bahn. Manche halten gerne als Spontanmotiv her, andere reagieren irritiert. Wie man im modernen Impressionismus mit unfreiwilligen Modellen umgeht

Von Korbinian Eisenberger

Man könnte den Zeichenblock in einem Rätselheft verstecken. So tun, als überlege man angestrengt und schaue dabei zufällig jemanden an. Das wäre eine gute Tarnung, doch irgendwie würde das Ganze dann an Reiz verlieren, an Spannung, an Aufrichtigkeit. Die Tasche kommt meist auf den Schoß, der Skizzenblock so aufgeschlagen, dass jeder ihn sehen kann. Die Feldstudie beginnt, ein Blick durchs Zug-Abteil, auf der Suche nach lustigen Gesichtern, nach Menschen, deren Falten Geschichten eines langen Lebens erzählen, Menschen mit Dreadlocks, mit Afro-Frisuren oder eigenwilligen Hüten. Menschen, die von dem abweichen, was hier als normal gelten würde. Dann geht es los, Strich um Strich, und immer wieder die Frage: Merkt mein Gegenüber es? Und wenn ja: Wie wird die Reaktion aussehen?

Die betonte Anonymität stört die junge Frau

Von Kirchseeon aus braucht Celine Caly in der S 4 eine Dreiviertelstunde bis zum Marienplatz in München. "Mir kommt es immer so vor, wie wenn die Leute in der Bahn so anonym wie möglich bleiben wollen", sagt sie, überall Menschen, die auf Displays starren, viel dafür tun, sich gegenseitig zu ignorieren. Die betonte Anonymität, sie störte die Kirchseeonerin schon vor drei Jahren. Seitdem hat sie immer Block und Stift dabei. Drei Hefte sind vollgezeichnet, gerade hat sie das vierte angefangen. Die 19-Jährige schaut nicht weg, sie sieht hin. Celine Caly schaut den Fahrgästen in die Augen, und verewigt ihre Eindrücke in einem A 5-Block.

Als Achtjährige begann Celine Caly aus Kirchseeon mit dem Zeichnen, mittlerweile ist sie 19 Jahre alt und fängt demnächst ein Grafikdesignstudium in Holland an.

(Foto: Korbinian Eisenberger (OH))

Ein Sommerabend in Kirchseeon, Treffen bei einem Freund aus dem Ort, auch Bekannte hat Caly schon gezeichnet. Die 19-Jährige trägt eine Jeansjacke, die Haare sind so gekämmt, dass eine Gesichtshälfte verdeckt ist, das Skizzenheft liegt auf dem Tisch. Vor einem Jahr hat sie Abitur gemacht, im Herbst beginnt sie ein Studium als Grafikdesignerin. Celine Caly will Profi werden in dem, was sie als Achtjährige begann und in Zugabteilen verfeinert hat. Wer in der Branche was erreichen will, der muss gut sein.

Die Modelle werden nicht gefragt - das kommt nicht immer gut an

Celine Caly hat den Kopf schief gelegt, spitzer Mund, prüfender Blick, ob der Stift das aufs Papier gebracht hat, was das Gehirn gerade erst abgespeichert hat. "Urban Sketching" nennt man das, was sie in der U-Bahn macht: Momente zeichnen oder malen, die man gerade erst aufgeschnappt hat - alles mit flottem Duktus und sicherem Strich. Im Prinzip ist Urban Sketching nichts anderes als das, was früher Impressionismus hieß: Draußen musste es sein, und schnell musste es gehen - verglichen mit der Arbeit im Atelier eine besondere Herausforderung: Damit es nicht gestellt wirkt, zeichnet man Leute, ohne sie vorher zu fragen. Und weil man sie dazu anschauen muss, kann es passieren, dass sich das Modell auch mal belästigt fühlt.

"Urban Sketching" nennt sich diese Form des Zeichnens, also spontane Eindrücke von unterwegs in wenigen, schnellen Strichen festhalten. Früher gab es das auch schon - nur dass man damals Impressionismus dazu sagte.

(Foto: Korbinian Eisenberger (OH))

Im Internet tauschen sich die Urban Sketchers über ihre erbosten Motive aus und laden ihre Werke hoch. Caly hat bisher keine ihrer Zeichnungen ins Netz gestellt, "mir geht es nicht nur um das Ergebnis sondern auch um die Leute", sagt sie. Ganz nach Claude Monet, dem Maler, der nicht allein die Impression im Sinn hatte, sondern auch "die Schönheit der Atmosphäre".

In der S-Bahn kann es atmosphärisch allerdings auch mal knirschen, wenn sich da plötzlich eine junge Frau zu einem ins Abteil sitzt, und dann mit dem Bleistift loslegt. "Es gibt Leute, die dann komisch schauen oder sich wegsitzen", sagt Caly. Der Pendler ist es eben nicht gewohnt, dass sich jemand für ihn interessiert. Wer in die Bahn steigt, der will meist unerkannt sein, souverän. Alles, bloß nicht auffallen.

Warum macht man so etwas wie Celine Caly? Antworten gibt ihr dritter Skizzenblock, von dem sie gerade erst die letzte Seite vollgezeichnet hat. Beim Durchblättern fällt auf: Was einem gleich und eintönig erscheinen mag, kann genau das Gegenteil davon sein, wenn man den Blick schärft: Eine Seite weiter, "Ostbahnhof - Kirchseeon 2017" steht darauf, ist ein junger Mann zu sehen, den Ellenbogen am Fensterrahmen aufgestützt, leerer Denkerblick in die Ferne. Dann ist da der Mann mit Lockenfrisur, und zerknülltem Kragen, Typ Künstler, den Finger gehoben, den Mund offen, als würde er gerade eine Debatte führen, und das mitten in der S-Bahn, wo es sonst doch so leise und eintönig ist.

Manche bitten um ein Foto von den Skizzen

Es ist nicht kompliziert, solche Beobachtungen in einer S-Bahn zu machen, man muss sich die Leute halt anschauen, statt durch sie hindurch. "Manche mögen das auch", sagt Caly, wenn jemand mehr in ihnen sieht als einen ixbeliebigen Fahrgast. Wenn der Passagier auf Papier gebracht wird. Wegen solchen Begegnungen gibt es das Bild der älteren Dame mit dem Buch auf dem Schoß, Caly hat es aus nächster Nähe gezeichnet. "Sie hat mich bemerkt und blieb extra still sitzen", sagt sie. Manchmal richten sich die Leute auf, oder machen sich kurz die Haare zurecht, andere bleiben ganz still sitzen und bitten sie später um ein Foto von der Zeichnung. Ein Smartphone hat in der S-Bahn ja jeder dabei, deswegen heben viele nie den Kopf. "Ich finde, dass die Menschen mehr aufeinander schauen sollten", sagt Caly.

Sie erzählt von ihrem Großvater, selbst Künstler, auch er zeichnete Skizzen in der Bahn, auch er musste sich öfter mal was anhören deswegen. Aber wenn man angeblafft wird, ist das ja auch eine Form von Kommunikation, immerhin. Celine Caly hat vielleicht 120 Münchner gezeichnet, und dabei soll es vorerst bleiben. Zum Studium geht es nun nach Holland, die hohen Mietpreise in München, das ist nichts für Künstler. München wächst, der Landkreis Ebersberg wächst, und auch der Stapel von Caly wird weiter wachsen. Block um Block. Und ganz ohne Rätselhefte.