Bühne Sinnsuche über Jahrhunderte

Das Theaterstück "Gnade, Dr. Luther?" dekliniert in der Poinger Christuskirche den Grundgedanken der Reformation durch. Es spielen die Autorin selbst, Kathleen Ann Thompson, sowie Agnes von Below

Von Carolin Schneider, Poing

Man stelle sich folgende Szene vor: Eine fröhliche Feier, alle Familienmitglieder sitzen um einen großen Tisch, lachen, essen und trinken - und plötzlich platzt die Bombe: Der Hausherr soll eine schreckliche Sünde begangen haben. Wie reagieren wohl die Anwesenden?

Das Stück "Gnade, Dr. Luther?" von Kathleen Ann Thompson, das am Samstag, 14. Oktober, in Poing aufgeführt wird, gibt einen Einblick in die Gedanken der Anwesenden in diesem einschneidenden Moment. So gehen die beiden Schauspielerinnen - Kathleen Ann Thompson selbst sowie Agnes von Below - in dem Zwei-Personen-Stück letztlich der Frage auf den Grund, ob Gnade heute noch relevant ist. "Das passt sehr gut in dieses Reformationsjahr, denn mit der Gnade hat sich ja auch Martin Luther intensiv auseinander gesetzt", sagt Agnes von Below aus Poing. Sie und Thompson haben sich einst auf der Schauspielschule kennengelernt, von Below war Schülerin der Amerikanerin, die derzeit im Allgäu lebt. Mittlerweile haben die beiden bereits mehrere Auftritte gemeinsam gemeistert.

Premiere feierte "Gnade, Dr. Luther?" von Kathleen Ann Thompson 2015 auf dem Evangelischen Kirchentag in Stuttgart, und zwar in englischer Sprache. In von Belows Heimatstadt Poing wird das Stück nun aber auf Deutsch gespielt. Es ist unterteilt in vier Szenen, die jeweils in einem anderen Jahrhundert spielen.

Die Handlung beginnt um 1590: Bei der Feier einer protestantischen Familie wird eine große Sünde, die Herr Strobel, der Hausherr, begangen haben soll, offenbart. Die Gäste und Angestellten sind verwirrt, es bricht eine erregte Diskussion aus. Thompson und von Below verkörpern zwei Dienerinnen im Hause Strobel, die angesichts der Tat ihres Herrn über ihre Auffassung von Sünde und Gnade sprechen. Dann gibt es einen Sprung ins 18. Jahrhundert, die Situation ist jedoch noch immer die gleiche: Herr Strobel hat etwas Schreckliches getan. Nun bekommt das Publikum einen Einblick in die Überlegungen der Schwester und der Tochter des Hausherrn. Letztere ist während der Aufklärung groß geworden und versucht nun - beeinflusst von den Gedanken der Philosophen dieser Zeit - eine Antwort auf die Frage der Gnade zu finden.

Kathleen Ann Thompson und Agnes von Below spielen in der Poinger Christuskirche das Stück "Gnade, Dr. Luther?".

(Foto: Veranstalter)

In jeder weiteren Szene geht es um wieder andere Personen, die bei der Feier anwesend sind, zum Schluss kommt das Stück in der Gegenwart an - jetzt geht es also um eine modernere Ansicht von Gnade: Herr Strobel hat ob seiner großen Schuld versucht, seinem Leben ein Ende zu setzen. Die Ärztin und die Pfarrerin, die aufgrund dieser Tat ins Haus kommen, diskutieren nun ihrerseits über Gnade. Wieder prallen zwei ganz unterschiedliche Meinungen aufeinander.

So werden die Zuschauer entlang eines Themas auf eine Reise durch die Jahrhunderte mitgenommen. Dem Stück zugrunde liegt der von Luther geprägte Grundsatz der Reformation: "sola gratia, sola fide, sola scriptura - allein durch die Gnade, allein durch den Glauben, allein durch die Schrift". Er drückt die Überzeugung aus, dass der Mensch nur dank der Gnade Gottes das Heil beziehungsweise das ewige Leben erlangt, es sich also nicht durch sein Handeln verdienen kann. Doch durch Einflüsse von Theologie, Philosophie und Naturwissenschaft wird dieser Grundsatz über die Jahrhunderte jeweils anders verstanden und ausgelegt. Die Charaktere des Stücks werden beeinflusst von den Gedanken eines Immanuel Kants, Sigmund Freuds, Charles Darwins, Henry Fords, Albert Einsteins oder Albert Schweizers. So werden verschiedene Meinungen zu der Frage "Wer oder wie kann es Gnade geben?" aufgezeigt.

Einst waren sie Lehrerin und Schülerin, nun stehen sie wieder einmal gemeinsam auf der Bühne.

(Foto: Veranstalter)

Das Thema ist also durchaus ein ernstes, intellektuelles, doch Thompson und von Below arbeiten es durch ihre Darstellung auf humorvolle Weise auf. Lustige Momente sorgten auch bei Zuschauern ohne Vorkenntnisse für Lacher, versprechen sie. Daher sei das Stück für Jung und Alt geeignet, sagt von Below. "Aber besonders interessant ist es für junge Menschen, die nach dem Sinn des Lebens suchen", sagt die Schauspielerin. Denjenigen, die "Sofies Welt" gerne gelesen hätten, gefalle sicherlich auch das Stück, vermutet sie. "Wir möchten damit außerdem die Ökumene betonen", so von Below weiter. Denn Gnade sei nicht nur Bestandteil der evangelischen, sondern aller christlichen Kirchen.

"Gnade, Dr. Luther" wird gezeigt am Samstag, 14. Oktober, um 19 Uhr in der Christuskirche Poing. Der Eintritt ist frei, Spenden sind erbeten.