Gewerbegebiet Taglaching Mit Pauken und Trompeten

Bei einem Künstlerfest in Taglaching protestieren Musiker, Politiker und Umweltschützer gegen das geplante Gewerbegebiet in Bruck. Prominentester Mitstreiter ist Hans Well mit seinen "Wellbappn".

Von Bastian Hosan

Der Vergleich, den Grünen-Kreisrätin Waltraud Gruber zieht, ist hart. Der Flächenfraß, der nun das Taglachinger Tal bedrohe, sei wie ein Virus, gegen das es noch kein Gegenmittel gebe. Mit scharfen Worten wie diesen geißelt Gruber den vom Brucker Gemeinderat vorige Woche einstimmig beschlossenen Bau eines Gewerbegebietes im Urteltal. Die Gegner dieses Vorhabens hatten am Samstagnachmittag zu einer Protestveranstaltung gegen die Pläne aufgerufen. Daraus wurde ein gut besuchtes "Künstlerfest" im Wirtshaus Taglaching - mit direktem Blick auf das Corpus Delicti, das "Kleinod", wie nicht nur Waltraud Gruber das Tal bezeichnete. Die Kritiker beklagen sich vor allem, weil es ihrer Ansicht nach für das Projekt eine Alternative gäbe: eine Anbindung an das bereits bestehende Gewerbegebiet Schammach von den Nachbarn in Grafing.

In Taglaching singen Hans Well und seine Töchter gegen den Flächenfraß an.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Nicht nur die Bewohner Taglachings fürchten um den Erhalt der Natur in ihrem Tal. Mit Hans Well hatten die Baugegner einen prominenten Fürsprecher an ihrer Seite. Der ehemalige Chef der Biermösl Blosn war gemeinsam mit seinen beiden Töchtern Sarah und Tabea nach Taglaching gekommen, um gegen den Beschluss des Brucker Gemeinderates mit seinen befürchteten Folgen zu protestieren - mit Gesang beschworen sie den Erhalt der Heimat, die immer mehr durch die Nutzung neuer Flächen zerstört werde. Enttäuscht kritisierten die Musiker, dass sich im Gemeinderat niemand gegen das umstrittene Projekt gestellt hatte. "Im Gemeinderat braucht man heute Harmonie", ruft Well dem Publikum zu. Dafür erntet er Beifall und Gelächter. Inzwischen, so erklären die Wellbappn, wie die neue Band von Hans Well und seinen Töchtern heißt und die Nachfolgerin der Biermösl Blosn ist, lebe man in Bayern immer mehr in einer von Nutzbauten verschandelten Landschaft. Hier wird nach Geothermie gebohrt, dort stehen Biogasanlagen. "Ich wohne neben einem Betonwerk", ruft Well, "und hier bin ich dahoam".

SPD-Landtagsabgeordnete Doris Rauscher ergreift ebenfalls das Wort auf der Protestveranstaltung gegen die Brucker Gewerbegebietsplanungen.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Für den Brucker Gemeinderat findet er kein gutes Wort - mehr noch: Die Wells bezeichnen ihn als "Einheitsfraktion", in die niemand hineinkomme, der nicht von der CSU ist. Ein Problem, das es in Bayern an vielen Stellen gebe - an zu vielen.

Das Lager der Kritiker des Gewerbegebietes ist groß. Nicht nur die Grünen des Landkreises haben sich dem Protest angeschlossen, sondern auch SPD-Politiker. Doris Rauscher, SPD-Landtagsabgeordnete, versprach gar, die Register auf Landesebene für den Erhalt des Tals zu ziehen. Zwar habe sie, da sie SPD-Politikerin ist, beispielsweise bei den Wells einen schweren Stand, doch ginge es hier nicht um Parteipolitik. "Das ist auch meine Heimat", sagt Rauscher. Das Taglachinger Tal sei in ihrer Jugend zentraler Punkt ihres Lebens gewesen und sei es für viele immer noch. Rauscher fordert den Gemeinderat auf, die Entscheidung noch nicht als gefällt anzusehen und stellt die Frage in den Raum, ob die Mitglieder des Gremiums sich wirklich intensiv genug mit der Materie auseinander gesetzt haben. "Es verlangt Größe, getroffene Entscheidungen rückgängig zu machen", ruft sie. Dennoch appellierte sie an die Brucker Gemeinderäte, "noch mal eine Nacht darüber zu schlafen".

Beim Künsterlerfest vereinten sich die Gegner des geplanten Gewerbegebiets im Taglachinger Tal, um gemeinsam zu potestieren.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Zwar steht für die Gegner des Gewerbegebietes der Erhalt der Natur an erster Stelle, doch geht es vielen längst um mehr: Am vergangenen Dienstag war die umstrittene Entscheidung im Gemeinderat einstimmig gefallen, weil Bürgermeister Josef Schwäbl (CSU) dem Gremium die Kosten für eine mögliche Kooperation mit Grafing vorgerechnet hat. Laut dem Bürgermeister sei die gemeinsame Lösung mit Grafing zwei Millionen Euro teurer als der Neubau in Taglaching. Bei den Gegnern führt das finanzielle Argument allerdings zu Kopfschütteln. "Kompensieren die niedrigeren Grundstückspreise die Anbindung zur Autobahn anderer Gewerbegebiete?", fragt Olaf Rautenberg, Kreisvorsitzender des Bund Naturschutz in Ebersberg. Für ihn ist die Antwort klar: nein. Auch wenn die Preise für Land in Taglaching viel niedriger wären als in Hohenlinden, sei das noch viel besser angebunden. "Ich habe den Eindruck, dass hier vermittelt wird, ein Gewerbegebiet ist eine Lizenz zum Geld drucken." Daher fordert er eine Wirtschaftlichkeitsberechnung. Diese aber, so erklärt er, habe der Bürgermeister abgelehnt, weil sie keinen "Erkenntniszuwachs bringt" und zu bürokratisch sei. Außerdem prognostizierte er, dass, sollten durch das Gewerbegebiet viele Leute nach Taglaching ziehen, massiv in die Infrastruktur investiert werden müsste. "Die Straße kann keinen weiteren Schwerlastverkehr aufnehmen."

Dass das Projekt gegen Direktiven der Staats- und Bezirksregierung verstößt, verprellt die Leute noch zusätzlich. Um Flächenfraß zu vermeiden, soll eigentlich genau das geschehen, was der Gemeinderat von Bruck nun verhindert hat; die Gemeinden sollen kooperieren. Denn noch immer verschwänden in Bayern jeden Tag 17 Hektar Land - es werde zugebaut und sei damit unwiederbringlich verloren. Und: Der Landkreis Ebersberg sei in dieser dramatischen Entwicklung auch noch Vorreiter, wie Gruber und Rautenberg erklären. Im Landkreis Ebersberg vernichte das "Virus Flächenfraß" jedes Jahr 70 Hektar Land, das neue Gewerbegebiet hätte eine Fläche von gut sechs Fußballfeldern.

Dass die Gemeinde mit dem Bau am Wirtschaftsleben teilhaben will, trifft bei vielen allerdings auch auf Verständnis; "Gewerbegebiete sind nicht alle schlecht", sagt Doris Rauscher. Da im Landkreis Ebersberg de facto aber Vollbeschäftigung herrsche und Bruck eine Gemeinde sei, die keine Schulden habe, sei es nicht nötig, auf Teufel komm raus Arbeitsplätze zu schaffen, kontert Waltraud Gruber.

Und auch die Grafinger fürchten sich vor dem Bau von Lagerhallen und Firmen im Urteltal. "Viele haben Angst vor einem größeren Verkehrsaufkommen", sagt Stadtrat Heinz Fröhlich (BFG), denn der fließe dann durch Grafing.