Bahnhofs-Jubiläum Die Weichen im Wald gestellt

Praktische Geschichte: Die Arbeiter holzten im Wald, verarbeiteten die Baumstämme vor Ort zu Bahnschwellen und schickten sie dann direkt vom Kirchseeoner Bahnhof auf die Reise.

(Foto: Privat)

Vor 150 Jahren beschloss König Ludwig II. den Bau des Kirchseeoner Bahnhofes. Der Heimatverein feiert das am Donnerstagabend mit einem Vortrag

Von Johanna Feckl, Kirchseeon

Eine Wachstumsrate von knapp über 330 Prozent in nur 16 Jahren. Aussichten auf eine solche Rendite lösen bei jedem Aktienhändler aufgeregtes Herzrasen aus. In diesem Fall betrifft die Zahl aber nicht Börsen, sondern das Florieren von Kirchseeon: 1880 hatte der Ort 139 Einwohner; 1896 waren es bereits 600 - also knapp 330 Prozent mehr. Grund für das rasante Wachsen von Kirchseeon war der Bahnhof, dessen Bau fast auf den Tag genau vor 150 Jahren beschlossen wurde, am 16. Mai 1868. Ein Jahr später begannen die Bauarbeiten, 1871 war die Einweihung. Diesen Geburtstag nimmt der Heimatkundeverein Kirchseeon zum Anlass, um am Donnerstagabend eine Feier mit einem Vortrag von Elmar Kramer über den Bau der Eisenbahn in Kirchseeon zu veranstalten.

Bis zum Bau des Kirchseeoner Bahnhofes und der hindurch verlaufenden Bahntrasse von München nach Rosenheim gab es nur eine weiter südlich gelegene Trasse über Holzkirchen. Die Fahrt war umständlich: Es gab starke Steigungen und scharfe Kurven - eine wenig attraktive Fahrt. Als König Ludwig II. vor 150 Jahren beschloss, dass eine neue Bahntrasse die beiden Städte einfacher verbinden und diese über Kirchseeon verlaufen soll, war Kirchseeon noch nicht einmal ein eigener Ort. Kirchseeon war lediglich ein Ortsteil von Eglharting, bestehend aus sehr viel Wald und sehr wenigen Bauernhöfen. Eigentlich war Kirchseeon kaum der Rede Wert.

"Man hat hier mitten im Wald eine Station gebaut, die man Kirchseeon-Bahnhof nannte", erzählt Elmar Kramer. Er sitzt neben seiner Frau Dagmar am Küchentisch in ihrem Haus in Kirchseeon. Vor ihnen liegen Bücher, ein paar Ordner und eine Menge von Notizzetteln, einige von ihnen mit handschriftlichen Ergänzungen. "Mitten im Wald hat man den Bahnhof deshalb gebaut, weil man so recht einfach Eisenbahnschwellen anfertigen konnte", ergänzt der 83-Jährige. Purer Pragmatismus: Arbeiter hackten hier Holz, verarbeiteten es zu Bahnschwellen und transportierten es über den neuen Kirchseeoner Bahnhof per Eisenbahn gleich weiter. Kirchseeon bekam also nicht nur einen Bahnhof, sondern auch ein Schwellenwerk.

Durch den Bahnhofsbau und das Schwellenwerk begann Kirchseeon zu wachsen. Immer mehr Arbeiter kamen mit Axt und Säge hierher - damals mussten Arbeiter noch ihr eigenes Werkzeug mitbringen, erklärt Kramer. "Die kamen zu Fuß aus der Schweiz, aus Kärnten, dem Bayerischen Wald, einfach von überall!", sagt Dagmar Kramer. Den Einwohnern aus dem Gemeindekern, den Eglhartingern also, war das ein Dorn im Auge. "Sie wollten mit den vielen Fremden nichts zu tun haben." Es gab sogar eine Abstimmung, bei der sich 37 der 40 stimmberechtigten Bürger für eine Abspaltung von Kirchseeon aussprachen. "Es war schon damals so, wie es heute auch ist: Die Leute sind fremdenfeindlich." Kramer lacht. Es ist kein freudiges Lachen, eher spricht Verständnislosigkeit. daraus. "Die Regierung hat dem aber einen Riegel vorgeschoben." Hätte es den enormen Zuzug damals nicht gegeben, wäre Kirchseeon wohl nie eine eigenständige Gemeinde geworden und vielleicht immer noch Ortsteil von Eglharting. Der Bahnhofsbau stellt die Weichen für die Entwicklung des Ortes.

Zunächst war die Trasse von München nach Rosenheim eingleisig - erst ab 1892 ergänzten sie Arbeiter durch ein zweites Paar Schienen. Bis dahin fuhr zweimal am Tag eine Eisenbahn nach Rosenheim, und zweimal in die entgegengesetzte Richtung nach München. Obwohl es ohnehin nur wenige Verbindungsmöglichkeiten gab, wurde die Bahnstrecke für den öffentlichen Personenverkehr kaum genutzt. "Damals war der Zug ja noch eine Art Teufelszeug", erklärt Dagmar Kramer. "Die einfachen Leute auf dem Land haben sich gar nicht getraut, mit so einem Ding zu fahren!"

Bei seinem Vortrag am Donnerstagabend möchte Kramer vor allem auch erzählen, wie es mit dem Bahnhof und seinen Auswirkungen auf die Gemeinde weiterging. Da wären zum Beispiel der Zusammenhang zwischen dem Lungensanatorium, das es einst in Kirchseeon gab, und der Bahntrasse, oder die Bedeutung des Bahnhofes in den beiden Weltkriegen.

Die Feier des Heimatkundevereins Kirchseeon zum 150. Geburtstag des Bahnhofes mit einem Vortrag von Elmar Kramer beginnt am 17. Mai um 19.30 Uhr im Heimatmuseum Kirchseeon, Sportplatzweg 7. Der Eintritt ist kostenlos.