Drogenszene am Sendlinger Tor "Kipp mir jetzt bloß nicht weg"

Die Polizei hat mit ihrem harten Vorgehen die Junkies aus Haidhausen vertrieben. Verschwunden sind sie nicht: Nun versammeln sie sich am Sendlinger Tor.

Von Susi Wimmer und Wally Schmidt

"Wie viel Stück hast Du geschluckt? Los, sag! Kipp mir jetzt bloß nicht weg hier, Schatz!" Der Mann im Kapuzen-Sweater und Alkopop-Flasche in der Hand redet auf die junge Frau ein, die kurz vorm Kollaps steht: Das Gesicht eine weiß-geschminkte Maske, die mit schwarzem Kajal umrandeten Augen geschlossen, taumelt ihr Oberkörper hin und her, von ihrer Zigarette fällt die Asche auf die Handtasche, schmort ein Loch hinein.

Szenen aus dem Nussbaumpark, einem seltsam zwischen dem Straßengewirr rund um das Sendlinger Tor verlorenen Stück Grün. In der Anlage hinter der St.-Matthäus-Kirche sind neuerdings immer mehr Junkies zu finden, das harte Drogenmilieu weicht aus Haidhausen hierhin aus, in unmittelbare Nähe der City.

Schon länger registriert man in dem Park abends und nachts eine Schwulenszene. Auch Obdachlose treffen sich dort gerne. Denn die schützenden Büsche des Parks bieten ein ideales Versteck, anders als in den engen Straßen Haidhausens, wo Proteste der Anwohner ein immer schärferes Vorgehen der Polizei gegen die Junkies ausgelöst haben.

"Wir tun doch nix", der Mann, der Franz genannt werden will, stellt seine Augustinerflasche wieder am Boden ab, blinzelt in die Sonne und legt den Arm um seine Nachbarin. "Genau, schreib'n sie das", sagt diese mit verwaschener Aussprache.

Acht, neun Frauen und Männer stehen oder hocken hinter dem Brunnen an der Tramwendeschleife am Sendlinger-Tor-Platz. Sie fühlen sich von der Polizei verfolgt. "Ich wollt schon eine Anzeige machen", sagt einer. Weil er "fünfmal am Tag" kontrolliert wird. "Reine Schikane", schimpft er, und der Mund offenbart eine Reihe schwarzer Zähne.

"Die Drogenszene hat sich verlagert", bestätigt Rudolf Stadler von der Polizeiinspektion 14 Westend. Nachdem die Polizei am Orleansplatz in Haidhausen 2007 Videokameras zur Überwachung installiert hatte, verlagerte sich die Drogen- und Alkoholszene an den Sendlinger-Tor-Platz. Da nun hier die Kriminalität sprunghaft angestiegen ist, plant die Polizei nach SZ-Informationen, nun auch den Sendlinger-Tor-Platz mit Videotechnik zu überwachen.

Die Szene der Konsumenten harter Drogen war in München schon immer kleiner als etwa in Hamburg, Frankfurt oder Berlin, wo das berühmte Junkiebuch "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" spielte. Sie ist sogar weiter rückläufig, weil Heroin als "Verliererdroge" gilt. Dennoch starben 2009 noch 55 Menschen am Konsum harter Drogen.

Seit Jahren wandert die Szene von einem Platz zum anderen. Münchner Freiheit, Bahnhofsviertel, Giselastraße und irgendwann der Orleansplatz in Haidhausen. Als die Polizei im April 2007 dort drei schwenkbare Videokameras in Betrieb nahm, mahnten Bezirksausschuss und Streetworker, dass dies der falsche Weg sei und die Szene sich nur verlagern werde.

Die Haidhauser Anwohner und Geschäftsleute dagegen konnten nach kurzer Zeit aufatmen: Die Trinker und Junkies verschwanden: Wenn die Beamten in der Einsatzzentrale verdächtige Personen auf dem Bildschirm sahen, griffen die Polizisten, die in Nebenstraßen rund um den Orleansplatz in Bussen warteten, zu. Mit der Szene löste sich auch die Begleitkriminalität auf: die Raubdelikte gingen zurück, ebenso die Gewalttaten. Die Straftaten haben sich "deutlich reduziert", heißt es aus dem Polizeipräsidium.

Dafür sieht es jetzt am Altstadtring anders aus: Um den Sendlinger-Tor-Platz, Nussbaumpark und Herzog-Wilhelm-Park registrierte man in den ersten neun Monaten 2009 insgesamt 386 Straftaten inklusive gefährlicher Körperverletzung und Raub. Das ist im Vergleich zum Vorjahr ein Anstieg um 24 Prozent.

Auf dem Rasen des Nussbaumparks liegen leergedrückte Tablettenhüllen, daneben eine leere Wodka-Mix-Flasche. "Wir werden doch längst überwacht", behauptet der Mann, der mit seiner Freundin auf der Mauer sitzt. An der Tramhaltestelle sei eine Kamera installiert, "und da hinten ist so ein Vogelhäuschen mit drei Löchern, die sind viel zu klein für Vögel". Mehr beschäftigt ihn jetzt seine Freundin. "Wenn du so weitermachst, sperren sie dich noch ein", redet er auf die halb bewusstlose Frau ein.

Nun soll also hier die Videoüberwachung kommen. Polizeipräsident Wilhelm Schmidbauer hat eine schriftliche Anfrage an die Stadtspitze gerichtet. Ein Ergebnis liegt noch nicht vor. Aber was geschieht, wenn sich das Haidhauser Muster hier wiederholt?

Die Polizei ist entschlossen, keine "feste Szene" in München zu dulden, auch nicht im Nussbaumpark. Und in anderen Stadtteilen fürchtet man bereits die Verlagerung des Drogenmilieus.

So glaubt der Pasinger Inspektionsleiter Peter Löffelmann, dass die Szene nach einer Vertreibung aus der Innenstadt zum Pasinger Bahnhof ziehenm könnte, dem großen Verkehrsknotenpunkt im Münchner Westen.