Dritte Startbahn vor Gericht Welche Strategie die Ausbaugegner verfolgen

Beginn der Verhandlung gegen die dritte Startbahn: Das Aktionsbündnis "Aufgemuckt" protestiert vor dem Bayerischen Verwaltungsgerichtshof in München.

(Foto: dpa)

Trotz des Neins bei einem Bürgerentscheid in München steht die geplante dritte Startbahn erneut auf dem Prüfstand. Begleitet von einer Mahnwache hat jetzt der Prozess begonnen. Die Flughafen-Gegner wollen den Bau vor Gericht stoppen - doch auch mit einem Kompromiss könnten sie leben.

Von Marco Völklein

Normalerweise ist in dieser Ecke Schwabings wenig los. Nur Studenten der nahen Hochschule sowie die Mitarbeiter diverser Firmen und Behörden sind morgens in der Infanteriestraße unterwegs. An diesem Mittwochmorgen ist das anders: Das Aktionsbündnis "Aufgemuckt" hat eine "Mahnwache" gegen die geplante dritte Startbahn am Münchner Flughafen angekündigt.

Mehr als 100 Menschen sind gekommen, manche von ihnen halten Transparente in die Höhe. "Klimaschutz vor Eigennutz" steht darauf oder an die Adresse der Flughafengesellschaft gerichtet: "Alle eure Prognosen gingen in die Hosen". Sachverständige, Gutachter, Anwälte und Zuschauer strömen in das Gebäude - zum Prozessauftakt um die umstrittene Betonpiste im Erdinger Moos.

17 Klagen gegen das 1,2 Milliarden Euro teure Projekt werden vor dem achten Senat des Bayerischen Verwaltungsgerichtshofs (VGH) ab zehn Uhr verhandelt. Der Zuschauerraum ist gut gefüllt. Anwohner, betroffene Kommunen und der Bund Naturschutz haben gegen die von der Regierung von Oberbayern erteilte Baugenehmigung geklagt. Sie befürchten, dass der Flughafen trotz des Neins beim Bürgerentscheid langfristig am Bau einer Startbahn festhalten wird. An diesem Mittwoch sollen zunächst grundsätzliche Fragen geklärt werden - etwa ob die Klagen überhaupt berechtigt sind.

Die Ausbaugegner setzen vor allem auf drei Hauptargumente: Aus Sicht der Anwohner ist die zusätzliche Belastung durch Lärm und Dreck nicht hinnehmbar. Zudem müssten Teile des Freisinger Ortsteils Attaching abgesiedelt werden; für die zurückbleibenden Anwohner sei das Leben unter der Dauerbeschallung nicht mehr zu ertragen. Die Kommunen sehen sich vor allem in ihren Rechten beschränkt und fürchten, durch ein Mehr an Luftverkehr werde auch am Boden mehr los sein. Die ohnehin überlasteten Zubringerstraßen zum Flughafen würden noch weiter verstopft.

Eine besondere Rolle nimmt die Klage des Bund Naturschutz ein. Der Umweltverband argumentiert, mit dem Bau der vier Kilometer langen Piste werde ein unter besonderem Schutz der EU stehendes Areal für seltene Tiere und Pflanzen zerstört. Die vom Flughafen geplanten Ausgleichsmaßnahmen reichten bei weitem nicht aus, um diese Zerstörung zu kompensieren. Ganz im Gegenteil: Die geplante Zerstörung sei schlicht "nicht ausgleichbar", sagen die Naturschützer. Daher sei das Projekt nicht genehmigungsfähig. Das Gericht müsse die Baugenehmigung vom Sommer 2011 einkassieren.

Doch diese Alles-oder-nichts-Strategie ist nicht die einzige der Umweltschützer. Sie haben noch einen zweiten Plan: Sollte das Gericht das Projekt nicht in Gänze stoppen, hoffen sie, dass sich die Richter auf die Suche nach einem Kompromiss begeben. Und der könnte so aussehen, dass das Gericht die Eingriffe in die Natur, in die Rechte der Kommunen und in das Leben der Anwohner nur dann abnickt, wenn der Flughafen im Gegenzug eine auf drei oder noch weniger Kilometer verkürzte Start- und Landebahn baut. Dann fielen zumindest die Eingriffe in die Natur weniger massiv aus.

Eine kürzere Bahn aber lehnt der Flughafen bislang ab. Man brauche die vier Kilometer lange Piste, um etwa bei Schneefall flexibel zu sein - und auch große Jets auf der neuen Bahn landen lassen zu können. Auf eine verkürzte Bahn, so kalkulieren die Ausbaugegner, würde Flughafenchef Michael Kerkloh am Ende wohl verzichten. Und damit hätten sie ihr Ziel ebenfalls erreicht.